Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 28 (1864)
- Issue
- Heft 7 (9.2.1864)
- Date
- 1864-02-09
- Page
- Seite 94 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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94 beiläufig tauchen die Gedanken auf, in Werken, die ganz andern Aufgaben gewidmet sind, ohne daß es ihre Verfaffer für der Mühe werth hielten, die Satze, die sie hinstellen, irgendwie, geschweige denn consequent und allseitig zu begründen. Unter diesen versteckt sich ein Theil unter poetischen Phrasen, andere sprechen zwar die materialistischen Sätze unumwunden aus, protestiren aber eifrig gegen den Vorwurf des Materialismus, wie Virchow, Struve, bestimmter und derber treten dann die als Führer angesehenen Carl Voigt, Moleschott, Czolbe auf: aber ungeachtet der Materialismus unserer Zeit nicht in wohlgerüsteter Schlachtordnung dasteht, ist er gleichwohl eine furchtbare Macht. Er lebt, oft selbst unausgesprochen, in der Seele der mit den Naturwissenschaften coquettirenden sogenannten Philosophen und der meisten Naturforscher, insbesondere der chemischen, mechanischen, physikalischen, kurz, sogenannten exacten Physiologen, und das wird gegenwärtig so allgemein vorausgesetzt, daß die Menschen ganz verwundert dareinschauen und ungläubig zuhören, wenn ein Naturforscher entgegengesetzte Ansichten ausspricht. — Und wie die Naturforscher Träger des Materialismus sind, werden sie wiederum gestützt, getragen und gegen alle Angriffe vertheidigt von dem unserer Zeit mehr und mehr beherrschenden Gewerbe. Eben hier in den bessern Kern der Nation, der die Naturwissenschaft als seine Grundpfeiler ansieht, dringen dann mit dieser auch die materialistischen Anschauungsweisen ein und hier können sie sehr verderblich werden, weil ihnen hier eine höhere und feinere geistige Entwickelung nicht das Gleichgewicht hält und daher bald die unvermeidliche und richtige Consequenz der Nichtigkeit aller sittlichen Anforderungen gezogen werden wird, welche die genannten Naturforscher in lobenswerther Inkonsequenz von ihren Persönlichkeiten fern zu halten wissen." Der Verfasser zeigt nun, wie im Alterthum die freie Entwickelung des Geistes die herrlichsten Blüthen hervorbrachte, wie dann im Beginn des Mittelalters eine alte Codification des bis dahin Errungenen, im biblischen Canon, im Talmud, im eo?pu8 juris, im aristotelischen Canon eintrat und hierauf ein blinder Autoritätsglaube sich aufbaute, nach welchem die Kirche z. B. jede Abweichung vom Aristoteles ebenso streng verurtheilte und verfolgte wie vom kanonischen Rechte. Die Neuzeit rechnet nun Schleiden von der Erfindung der induktiven Methode her, die von Galiläi gemacht, von Keppler, Baco und Newton zum völligen Siege gebracht wurde. Die inductive Methode besteht darin, daß sie auf Wahrnehmung, Beobachtung, Experiment und Erfahrung sich stützend, aus diesen durch Anordnung, Analyse, Schluß und die andern logischen Hilfsmittel, unter Anwendung der Mathematik und der als Principien der Naturforschung aufgestellten metaphysischen Grundsätze die Naturgesetze, unter welchen die Thatsachen stehen, ableitet. Diese inductive Methode mußte aber nun auch auf die Philosophie oder die Geisteswissenschaft angewendet werden. Denn nur durch die Verbindung der äußern und innern Natur kann eine wirkliche Erkenntniß gewonnen werden. Dies geschah nach den Vorarbeiten des Cartesius und Leibnitz durch Kant, den Entdecker der kritischen Methode. Denn die sämmtlichen Vorstellungen, welche durch die Anregungen der äußern Sinne veranlaßt werden, gehören ihrer Natur nach nur dem Individuum an, können daher gar keine Wissenschaft geben, denn diese setzt etwas vielen Menschen in gleicher Weise Gemeinschaftliches voraus. So ist Wissenschaft überhaupt nur möglich von dem, was allen Menschen gemeinsam ist, also nur von dem, was kraft der Organisation unserer erkennenden Vernunft gegeben ist. Ohne die Theorie der erkennenden Vernunft kann uns daher die Naturforschung nur einzelne isolirte Thatsachen durch Wahrnehmung, Beobachtung, Experiment geben, nicht aber die Verknüpfung und den Zusammenhang derselben im Naturgesetz. Fragen wir nun, woher der Materialismus der neueren deutschen Naturwissenschaft trotz des Sieges der inductiven und kritischen Methode gekommen, so beantwortet dies Schleiden durch zwei Momente: erstens durch den Specialismus, der Platz gegriffen und in welchem die große Mehrzahl der Naturforscher nur ein kleines fpecielles Feld bearbeitet. Während nur in der Verbindung der Philosophie, der Mathematik und Naturwissenschaft sich die vollkommene sichere und gehaltvolle menschliche Erkenntniß entwickelt*), ignoriren die Naturforscher *) Schleiden vergißt jedoch hierbei, daß selbst diese vereinigten Wissenschaften ohne geschichtliche Grundlage und ohne geschichtliche Erkenntniß zu keinen sicheren sondern nur schwankenden Resultaten führen. Wenn die Metaphysik, weil sie sich auf keine naturwissenschaftlichen Forschungen stützte, nur zu hypothetischen Systemen führte, so wird sie dies auch noch so lange thun, als sie nicht die Entwickelungsgeschichte der Menschheit als ihren dritten Factor in sich aufnimmt. Die Redaction.