Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 28 (1864)
- Issue
- Heft 6 (2.2.1864)
- Date
- 1864-02-02
- Page
- Seite 82 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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82 einige Theilnahme geschenkt und mittelst Erlasses vom 6. December 1863 das Lehrbuch der mosaischen Religion als Handbuch für die 3te und 4te Classe der Elementarschulen von Salomon Kohn zur Einführung in die betreffenden Schulen gestattet. Ebenso wurde mittelst Erlasses vom 15. December Z. 92,469 das vom Oberrabbiner Hirsch B. Fasset verfaßte Buch unter dem Titel: „Die mosaisch-rabbinische Religionslehre, Wien, bei W. Braumüller, zum Gebrauche in den israel. Elementarschulen genehmigt. Es fehlt wohl der israel. Volksschule in Ungarn jetzt nicht an einer reichen Auswahl von Lehrbüchern der Religion; aber ein sehr fühlbarer Mangel ist es eben, daß derselben fast gar kein passendes, empfehlenswerthes Büchlein für die unteren Classen zu Gebote steht. In den meisten Schulen in Ungarn ist das Lehrbuch von Dr. Wessely: Nethib Emuna eingeführt; aber wie dasselbe großentheils von den Lehrern gehandhabt wird, so wird der ganze Religionsunterricht zu einem bloßen mechanischen Ableiern von unverstandenen, langen Brocken und Perioden herabgedrückt. Die katechetische Methode auf die biblische Geschichte angewendet, ist an sich schon das Geistloseste, das sich nur denken laßt — und da das Weffely'sche Nethib Emuna die biblische Geschichte in Verbindung mit der Religion lehren und also nach beiden Seiten gerecht sein will, so genügt und entspricht es, wie dies gewöhnlich der Fall ist, nach keiner Seite hin. Der Unterricht der biblischen Geschichte wird dadurch ferner in den ungarischen Schulen und namentlich bei der weiblichen Jugend gänzlich vernachlässigt! Wir sind überzeugt, daß, wenn Herr Dr. Wessely mehrere Schulen in Ungarn besuchen und die Art und Weise der methodischen Behandlung seines Buches von seilen der Lehrer und Schüler sehen würde, daß er um keinen Preis mehr eine neue Auflage seines Nethib Emuna veranstalten möchte! Schon der Anblick, daß der Lehrer genöthigt ist selbst bei öffentlichen Prüfungen die Fragen aus dem Buche herauszulesen, hat etwas Deprimirendes — aber bei diesem Lehrbuche, das willkürlich und unlogisch die Glaubens- und Sittenlehren an die geschichtlichen Begebenheiten anknüpft, ist es gar nicht anders möglich! Bei der Geschichte des Kain und Abel z. B. kommen außer den Vorfragen noch folgende der Reihenfolge nach vor: „Was versteht man unter Opfer? Was ist das Opfer für ein Zeichen? Ist denn jedes Opfer Gott angenehm? Was erzählt die Schrift weiter von den Opfern der ersten Menschen? Wen nennt man neidisch? Warnte Gott nicht Kain? Welche Strafe traf den Kain? Erkannte auch Kain seine Schuld? Was heißt Bereuen? Nahm Gott Kain's Reue an? Welche Lehren gehen aus dieser Erzählung hervor und wie sollen wir sie anwenden? Welches warnende Beispiel gibt uns Kain's Neid? Warnt auch jetzt noch Gottes Stimme den Sünder? Was ist Gewissen? Wer hat ein wachendes, gutes Gewissen? Welchen Einfluß hat das Gewissen auf den Menschen? Kann der Mensch der Gewiffensstimme immer folgen? Was bringt ihm das Gute, was das Böse? Äst der Sünder für immer verloren?" — Der geehrte Leser sieht daher wohl selbst, daß bei solchen mannigfachen, lose aneinander gereihten Fragen der Prüfende das Buch stets in der Hand haben muß! — Außerdem kann der Lehrer, wenn er schon die meisten schwierigen Fragen wegläßt, das Passende für das Alter und die Fähigkeiten seiner Schüler nicht auswählen, da der geschichtliche Faden der Erzählung dies selbstverständlich nicht zuläßt. Der natürliche Stufengang vom Leichtern zum Schwerer», vom Bekannten zum Unbekannten ist daher hier durchaus nicht anwendbar und statthaft! Wir schreiben diese Zeilen sine ira et studio und blos geleitet aus den in der Volksschule geschöpften Erfahrungen und wir können dabei den Vorwurf nicht unterdrücken, daß keiner der Lehrer in Ungarn diese Uebelstände bisher öffentlich gerügt hat. Ein Schulbuch kann nur aus der Schule gehörig beurtheilt werden und keine der 7 Auflagen des oft erwähnten Werkes hat bisher eine solche unbefangene Prüfung erfahren. — Wir kennen nicht das Buch des Herrn Rabbiners Fassel und wissen auch nicht, für welche Classe es berechnet ist; aber offen gestanden, der Titel: Mosaisch-rabbinische Religionslehre, sagt uns wenig zu — und ist gewiß nicht glücklich gewählt! Uebrigens verspricht der gelehrte Name des Verfassers gewiß etwas Gediegenes. *) *) Wir müssen die Verantwortlichkeit für dieses Nrtheil dem Herrn Correspondenten überlassen, der es aus der Praxis geschöpft haben will. Andeutungen, wie die biblischen Geschichten religiös und moralisch zu verwenden seien, sind jedem Lehrer gelegen. Daß sehr viele nicht geschickt genug sind, sie richtig anzuwenden und nach den Schulstufen auszuwählen, ist ein Nebel, dem kein Buch, welcher Art es auch sei, abhelfen kann. Ein tüchtiger Lehrer weiß aus dem mangelhaftesten etwas zu machen und das tüchtigste Buch ist in der Hand des unbefähigten Lehrers unbrauchbar. Wir müssen gestehen, daß wir eigentlich für die biblische Geschichte gar kein