Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 28 (1864)
- Issue
- Heft 6 (2.2.1864)
- Date
- 1864-02-02
- Page
- Seite 80 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3226418-3226425--21887-3259127- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
80 wich der Geist immer mehr aus dem festgewordenen Gebetrituale, löste sich der Begriff der Pflicht aus demselben los, wollte einerseits in der das ganze Leben beherrschenden ^Gesinnung das wesentliche Moment der Religion erkennen, andererseits nur dem mit ganzem Herzen und vollem Geiste vollzogenen Gebete einigen Werth beilegen, suchte darum das bestehende Gebetrituale zu verkürzen und sah dies nur noch als die nothwendige Bedingung der gemeinschaftlichen Andacht und als Anregung und Vorbereitung, als Mittel und Vehikel zum rechten, innerlichen Gebete an. Wir brauchen nicht zu bemerken, daß diese Ansicht sich im Laufe unseres Jahrhunderts immer mehr verbreitet hat, sich bei immer mehr Individuen einführt und bethatigt und auf die Gestaltung des Cultus immer größeren Einfluß erlangt. Dies sind die Thatsachen und wir stehen nunmehr auf festem Boden, wenn wir nach der innern Bedeutung dieser großen factischen Erscheinungen fragen. Denn diese Allgemeinheit des Opfercultus, sowie sein gänzliches Aufgeben und seine Beseitigung durch den Gebetcultus und endlich die immer sichtbarer hervortretende Veränderung auch in diesem müssen auf inneren Geistesmomenten und auf der Entwickelung des Geistes in der gesammten Menschheit beruhen. Eben darum ist die Ansicht des Maimonides von einer bloßen Accommodation so einseitig wie unrichtig, da in diesem Falle in der Thora neben dem Opfercultus sicherlich der Gebetcultus zum Vorschein gekommen, ja besonders accentuirt worden wäre, noch dazu, da durch den letzteren die Lehre viel nachhaltiger der Volksmasse hätte eingeprägt werden können als durch den Opferdienst, den im Lande selbst die große Mehrzahl nur selten zu sehen bekam. Schwand doch auch der Opfercultus bei den übrigen Völkern nicht durch die Zerstörung der Tempel durch Feindeshand, vielmehr durch eine große Geisteswandelung, die überall, selbst bei den uncultivirten Arabern und Germanen, den Opferdienst so schnell vergessen machte; ein Beweis, daß er eben schon langst abgestorben war. Vielmehr ist es uns nun klar, daß die ganze Geistesbeschaffenheit der alten Welt in cultueller Beziehung gar nichts anderes produciren konnte, daß der Opfercultus ihrem ganzen Wesen integrirend angehörte, also auch auf dem Gebiete der geoffenbarten Religion derselbe entstehen mußte, wie sich denn auch daraus ergibt, daß Moses schon vor Pharao den Willen, Opfer zu verrichten, wiederholt ausspricht, daß er vor dem Auszuge aus Aegypten jede Familie ein Hausopfer (das Pessachlamm) bringen ließ und am Morgen nach Empfang der Zehn Worte auf Sinai ein Bundesopfer auf eigens errichtetem Altar darbrachte (2 Mos. 24, 4 ff.). Dann aber ist es eine fernere Consequenz, daß der mosaische Opfercultus auch von dem Geiste der Gotteslehre nicht blos eigens gestaltet, sondern auch durchdrungen und erfüllt werden mußte, daß ihm wesentliche Gedanken der Gotteslehre einwohnen mußten, die durch ihn zum Ausdruck kamen und dem Volke so lange von selbst verständlich waren, als in diesem überhaupt das Verstandniß für den Opferdienst vorhanden war. Suchen wir uns daher diese allgemeinen Geistesmomente, aus welchen die großen cultuellen Erscheinungen hervorgegangen, in etwas klar zu machen. In der Kindheit des Menschengeschlechts konnte nur die Gefühlswelt der alleinige geistige Boden des Menschen sein. Mit der Entwickelung ringt sich die Erkenntniß allmählich aus der Gefühlswelt heraus und bringt gewisse abstracte Sätze hervor, in denen sie sich sesthält. Nach und nach löst sich die Erkenntniß von der Gefühlswelt los, stellt sich unabhängig neben die für sich weiter lebende Gefühlswelt und wird zur Abstraction. Endlich stellt sich die Erkenntniß über die Gefühlswelt, zieht diese selbst in ihr Bewußtsein herauf und hält sie unter sich fest. Dies ist der Entwickelungsgang in jedem einzelnen Menschengeiste, und so mußte er auch in der ganzen Menschheit vor sich gehen. Solange diese unmittelbare Gefühlswelt noch allein da ist, sind überhaupt noch gar keine Erkenntnißsätze vorhanden und sie prägt, von ihrem Zusammenhänge mit der Natur aus, ihren verstandlosen (aber nicht unverständigen) Inhalt in gewissen äußeren Zeichen und Ceremonien aus, die man mit dem Namen Symbole bezeichnet. Diese Symbole als von innen ausgegangen, also weder zufällige noch erfundene und gemachte Zeichen der lebendigen Gefühlswelt, sind eben darum in jener Zeit allen verständlich und bedürfen keiner Erklärung. Aus diesem Boden sind die ältesten Elemente aller Mythologien, der ganze Apparat ihrer Symbolik vermittelst der Pflanzen- und Thierwell, ja die ganze Mährchen- und Fabelwelt*) erwachsen. Aus *) Es hat sich erst jüngst erwiesen, daß Mährchen und Fabeln denselben Grund und Boden bei fast allen Völkern aus ihrem grauesten Alterthum haben, denselben Stoff, dieselben Anschauungen in Pflanzen und Thieren. Jemehr Mährchen verschiedener Völker und Zeiten bekannt werden, um so klarer tritt die Uebereinstimmung der sagenhaften Grundlage hervor. S. I. O. v. Hahn, Griech. und albanes. Mährchen. Leipzig, 1863.