Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 28 (1864)
- Issue
- Heft 6 (2.2.1864)
- Date
- 1864-02-02
- Page
- Seite 79 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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79 Einige kritische Blicke auf Zweck und Grund der Gesetze nach Maimanides. (Schluß von No. II.) Es empfiehlt sich hierbei, statt mit Voraussetzungen zu beginnen, sich die Thatsrchen übersichtlich zum Bewußtsein zu bringen. Nicht blos die heil. Schrift läßt schon die Söhne des ersten Menschenpaares Opfer darbringen, und zwar den einen Thiere, den andern Früchte des Feldes, sondern bei allen Völkern begegnen wir bis in das höchste Alterthum hinauf Opfern der verschiedensten Art; wie die Aegypter ihren heiligen Thieren Opfer zur Nahrung brachten, wie die Scythen Pferde würgten und Menschen schlachteten dem Schwerte ihres Kriegsgottes, so begnügten sich andere Völker mit Blumen und Pflanzensaft (Haoma), um die Huld ihrer Götter sich zu erwerben, wie die Inder und Jranier, und es ist bekannt, daß gerade unter den semitischen Stämmen der Opfercultus den weitesten und furchtbarsten Umfang erreichte und er selbst bei den Arabern den mannigfaltigsten Charakter gewonnen hatte. So prägten im Opferdienste alle Religionen des Alterthums ihren eigentlichen Inhalt aus. Was wir von Gebeten auf ägyptischen Monumenten, im Homer und in den heiligen Büchern der Perser finden*), ist immer nur Ausdruck des Individuums in seinen persönlichen Lagen oder ein Bekenntniß. Während in der Thora das Opferrituale mit außerordentlicher Genauigkeit und verhältnißmäßig bedeutendem Umfang festgestellt wird, begegnen wir nur wenigen Formeln, wie dem Priestersegen, dem Bekenntniß bei den Erstlingen und nur einigen kurzen und prägnanten Gebetaussprüchen, wie dem Jacobs „Auf deine Hilfe hoffe ich, o Herr!" oder dem Mosis um die Heilung Miriams: El na repha na Iah. Es war also dem Opfercultus auch nicht im entferntesten eine Beigabe von Gebeten hinzugefügt, sondern diese - gänzlich dem Individuum überlassen, wie denn die Hymne am Rothen Meere nichts anderes als ein Ausfluß der damaligen Situation war. Bekanntlich war es David, der Musik und Gebet dem Tempeldienste einfügte, als eine freie, doch nicht wesentliche Zugabe und Ausschmückung des Opfercultus; doch konnten diese lange noch als ein freies und indivi- *) Wenn die Bedas bestimmte Gebetforrnsln enthalten, so vergesse man nicht, daß ihr Alter, wenn wir es noch so hoch anschlagen, mit der Zeit Davids und Salomos zusammensällt. duelles Moment gelten, und wenn die Mischnr*) bestimmte Psalmen auf die Tage der Woche den Levitenchören zuertheilt, so rührt dies gewiß erst aus der Zeit des zweiten Tempels her. So trägt auch das berühmte Gebet Salomos bei der Tempelweihe den eigenthümlichen und freien Charakter an sich. Es war darum erst in den letzten Jahrhunderten des zweiten Tempelbestandes, daß neben dem Tempel ein eigentlicher Gebetcultus aus kleinen Anfängen sich herausbildete, indem dieser sich an die Verlesung und Erklärung der Thora an den Versammlungsörtern des Volkes (nöSDrj mn) knüpfte und um diese herumlegte. Schnell erweiterte er sich, wuchs heran und aus dem Bedürfnisse entsprang die Pflicht und breitete sich als solche durch alle Geister aus. Als der Tempel und damit der Opfercultus gefallen, war es nur ein für die große Masse des Volkes schon längst abgestorbener Stamm, der im Brande der Zerstörung zu Asche geworden, während der neue Schößling deS Gebetcultus feste Wurzeln geschlagen hatte, üppig emporwucherte und zu einem mächtigen Stamme erwuchs, in dessen Schatten viele Jahrhunderte wohnten. Das Charakteristische ist hierbei, daß das freie und individuelle Gebet nunmehr durch feste, vorgeschriebene Formeln zur religiösen Pflicht wurde, ganz wie früher die Opfer es waren. Nach diesem Vorgänge im Judenthume trat dann im Christenthume und Islam**) dieselbe Tendenz hervor: der Opfercultus schwand überall und an seiner Statt bildete sich ein Ritus des Gebetes und analoger Ceremonien aus, überall mit der Tendenz immer erweiterter, pflichtmäßig zu wiederholender Gebetformulare. — Es ist aber nicht zu verkennen, daß in den letzten Jahrhunderten auch in dieser Cultusart eine innerliche Veränderung vorzugehen begonnen hat. Wie man anfing, die früher nur beiläufig mit ihr verbundene Belehrung und Betrachtung, namentlich in der Predigt, als ein wesentliches Moment anzusehen und zu fixiren, so *) Tharnid 7. **) Die römisch- und die griechisch-katholische Kirche arbeiteten bald einen sehr ausgedehnten Gebet- und Ceremonial - Cultus aus; und nicht minder hat der Islam einen solchen zu einem großen Codex entwickelt, mit Vorschriften über Zeit, Ort, Wort, Vorbereitungen, Kleidung, Richtung und Haltung des Körpers ff. Jede Verletzung einer dieser Vorschriften macht das Gebet unwirksam. Es ist dies das große Kapitel über Selat, persisch: Nemaz, das zweite des Buches Ebodot oder deS praktischen Theils der moslemischen Religionslehre. 6*