Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 28 (1864)
- Issue
- Heft 6 (2.2.1864)
- Date
- 1864-02-02
- Page
- Seite 78 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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78 sönlichen Messias glauben. Er hätte viel eher den Glauben an einen persönlichen Messias als ein Dogma des Iudenthums beschwören können, aber in die Seele aller Juden hinein diesen Glauben zu beeidigen, ist unter allen Umständen zuweit gegriffen. Bei einer Aussage vor Gericht, noch dazu über so principielle Gegenstände, ist die Präcision ein Haupterforderniß. Die Zeugen hätten sich darauf beschränken müssen, zu behaupten, erstens, daß die Auslegung des 53. Kapitels Jesaias auf das Volk Israel eine sehr gewöhnliche sei, und daß zweitens innerhalb des Judenthums bei allen verschiedenartigen Ansichten doch keine solche concrete Spaltung vorhanden sei, um strafrechtlich ein orthodoxes Judenthum und eine Verletzung eines seiner Dogmen durch eine wissenschaftliche Meinungsäußerung constatiren und zugeben zu können. Hiergegen hätte von keiner Seite ein Einwand sich erheben lassen. So aber erhielten wir schon gleich nach Schluß des Prozesses Briefe aus Wien, welche eine allgemeine Erregung über die beschworenen Aussagen der Zeugen schilderten. Wir schwiegen davon, weil wir sie für vorübergehend erachteten. Es ist aber anders gekommen. Daß behauptet worden, es gäbe gar kein orthodoxes Judenthum, über die Lehren des Iudenthums seien alle Juden einig und nur in der strengeren oder laxeren Observanz der Satzungen fände eine Verschiedenheit statt, war allerdings zuweit gegangen. Wie gesagt, man brauchte dies auch nicht zu sagen, da es sich hierum gar nicht handelte, sondern nur, ob die Verschiedenheit der Ansichten zur strafrechtlichen Verfolgung der einen Meinung zu Gunsten der andern Meinung berechtige — was selbstverständlich mit aller Energie zu verneinen war. Man lege aber doch nur einmal die dreizehn Glaubensartikel des Maimonides den heutigen Juden zur Unterschreibung vor, und zahllose Individuen werden diese verweigern. Wenn man nun voraussetzte, daß das Häuflein jener Fanatiker, welche sich mit Unrecht orthodox nennen, während sie nur als hyperorthodox bezeichnet werden können, so vielen Sinn für das Gemeinwohl des Iudenthums haben würde, um die eigentliche Meinung jener beiden Zeugen verstehen und gelten lassen zu wollen, so hat man sich eben geirrt. Sie, die davon leben, ein exclusives Judenthum repräsentiren zu wollen) sie, welche auch heute Jerusalem und den Tempel in Brand stecken würden, wenn sie diese mit Juden theilen sollten, welche nicht zu ihrer Fahne schwören würden; sie, welche, von Parteihaß verblendet, alle gemeinsamen Jntereffen des Judenthums aufs Spiel setzen, um ihrem Parteigelüste zu genügen, konnten sich nicht dabei beruhigen, sich ihr besonderes Judenthum verneinen zu lassen und erhoben daher ein Zetergeschrei. Ungarn ist es vorzugsweise, welches einige Führer dieser Fanatiker herbergt, und von da aus wird nun die heftigste Agitation getrieben, um eine Manifestation sogenannter orthodoxer Rabbiner hervorzurufen. Es werden hierüber Berathungen gepflogen, um die Modalität des Verfahrens zu bestimmen, an den geeigneten Stellen Verwahrung einzulegen und einen möglichst großen Rumor zu machen. Man kennt dergleichen Vorgänge schon und sie sind etwas abgenutzt. Der Hamburger Tempelstreit, die braunschweiger Rabbiner-Versammlung und die israelitische Bibelanstalt haben zu gleichen Manifestationen Veranlassung gegeben. Es waren Stürme in einem Glase Wasser. Hier freilich handelt es sich um etwas Greifbareres. Es wäre doch eine gewaltige Errungenschaft, wenn die österreichischen Strafgerichte in Zukunft jede Aeußerung gegen ein Dogma der Altgläubigen zu verfolgen hätten und jedes Buch, das eine solche enthielte, confisciren müßten! Freilich würde dann Maimonides selbst diesem Schicksale unterliegen und sein Moreh, trotzdem daß sein Verfasser die dreizehn Glaubensartikel abgefaßt, eingestampft werden. Aufgepaßt, ihr Männer Judas! Es ist gesagt worden, es gäbe keine Spaltung unter euch, kein trennendes Schisma — aber jene Fanatiker wollen eine Spaltung und ein Schisma um jeden Preis. — Man will euch in zwei Heereslager theilen, und wäre das eine noch so klein, nur um in einem der beiden die unumschränkten Gebieter, die heiligen Ulemas, die verehrten Derwische zu sein! Es wird nicht gelingen, ihr werdet diese Zwietrachtpredigenden zurückweisen; ihr werdet den Grundsatz der gegenseitigen Achtung vor jeder Meinungsverschiedenheit innerhalb des Iudenthums hoch und heilig halten; ihr werdet nicht eure Gemeinden, eure Familien dem Zerreißen preisgeben und die einzige Grundlage, auf welche unser Bestand aufgebaut ist, den Frieden der Gesammtheit zerstören lassen! Dies sei unsere Bestrebung, dies unser Wahlspruch, dies unsere Zuversicht! D