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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1864-01-26 · Heft 5 (26.1.1864) · p. Seite 72

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
28 (1864)
Issue
Heft 5 (26.1.1864)
Date
1864-01-26
Page
Seite 72 (sequence 12)
Language
German
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72 als ihr erstes Werk damit beginnt, alle monarchischen Institutionen und alle Grundlagen derselben so zu untergraben, daß der Thron und das ganze monarchische Princip von selbst zusammenbrechen muß. — So ist es leider diesem unglücklichen jüdischen Volksstamme in aller Welt ergangen und so lautete die verrätherische Devise auf der Fahne der jüdischen Reformer: „Heilig sind uns die fünf Bücher Moses und unverletzlich die darin enthaltenen religiösen Satzungen, nur gegen den Talmud, gegen die willkürliche Auslegung und falsche Deutung der Rabbiner kämpfen wir. — Die wahre, reine und geläuterte mosaische Religion aber wollen wir für uns und unsere Nachkommen unverkürzt und makellos erhalten." — Nun sind es eben 30 Jahre — es war dies damals eine Zeit, wo man jeden Juden, der öffentlich den Sabbath entweihte, auf offener Straße gesteinigt hätte — und heute sind es dieselben Neologen und Reformer, welche zur tiefsten Kränkung aller frommen Gläubigen in den größten Judengemeinden den Cultus und den Religionsunterricht vertreten und verwalten und die in dieser heiligen Eigenschaft an der Börse und auf allen öffentlichen Märkten, einer Hand voll gelben Staubes halber, den Sabbath — die Grundlage des jüdischen Glaubens — frei und offen entweihen und die heiligsten mosaischen Satzungen ohne Scheu und ohne Bedenken übertreten und herabwürdigen. — Bedenkt man nun, welchen verderblichen Fortschritt die Reform der Juden in Oesterreich in so kurzer Zeit gemacht hat, so muß es allerdings auffallen und die Frage entsteht, wie ist es denn gekommen, daß die neologische Partei in einem so mächtigen, römisch-katholischen Staate, unter der Regentenschaft des frömmsten apost. Kaisers, einen solchen Einfluß erreicht hat und wie ist es möglich geworden, daß alle Bitten und Vorstellungen der alten Rabbinen und frommen Laien unberücksichtigt geblieben sind. — Ermißt man aber auch den Fortschritt, welcher eben seit dieser Zeit auf dem Gebiete der Industrie und des Handels geschehen ist, so dürfte es vor allem nicht mehr befremden, daß die reichen und hervorragenden jüdischen Kauf- und Gewerbsleute allerorts an die Spitze der Gemeinden berufen worden sind. In den dreißig Friedensjahren von 1818—1848 war das Hauptaugenmerk der österreichischen Regierung dahin gerichtet, die Staatsfinanzen zu ordnen, Handel und Gewerbe in Schwung zu bringen, Fabriken, Dampfschiff- und Eisenbahn-Gesellschaften erstehen zu lassen, solche und ähnliche Unternehmungen zu begünstigen und zu unterstützen. Es ist nun eine bekannte Thatsache, daß sich jüdische Kaufleute bei all diesen Unternehmungen mittel- und unmittelbar im Verhältniß am meisten betheiligt haben, aus welchem Anlasse dieselben in der Residenz sowohl als in den Kronländern mit der Regierung sehr oft und sehr nahe in Berührung gekommen und sich fast bei allen Behörden einen nicht unwesentlichen Einfluß verschafft und nicht selten Anerkennung und Auszeichnung erworben haben. Erwägt man ferner die politische Ausnahmestellung der Israeliten in Oesterreich und die damalige drückende Lage der untern Schichten der jüdischen Bevölkerung, wo die freie Bewegung und die gewerbliche Existenz derselben der subjektiven Beurtheilung der Landesbehörden anheimgegeben war, so kann es vollends nicht mehr überraschen, wenn sich in jeder Judengemeinde Stimmen vernehmen ließen und sich sogar darnach gesehnt haben, solche Vorsteher und Vertreter zu wählen, welche vermöge ihrer hervorragenden finanziellen Stellung in der Lage sind, das Geschick und die Zukunft ihrer Gemeindeangehörigen zu erleichtern und zu verbessern, was man auch bei jeder Vertreterwahl, von seiten der Reformpartei, deutlich durchblicken ließ. — Mit schweren Herzen und mit trüben Ahnungen haben sich die Rabbiner und frommen Laien in eine solche Wahl fügen müssen und nicht selten (wenn auch gegen ihre innigste Ueberzeugung) ihre Stimme hierzu selbst gegeben, um die große Verantwortung von sich zu wälzen, da man in allen Judengemeinden das Geschrei der Massen vernehmen mußte: „Hätte man einflußreiche Männer zu Vorstehern und Vertretern gewählt, wären wir längst von manchem Drucke befreit." — Als nun allerwärts die reichen Kauf- und Gewerbsleute an die Spitze der Gemeinden getreten sind, war Materieller Sinn und materielles Streben die einzige und wichtigste Aufgabe ihres Wirkens; — die Synagogen, alle religiösen Institutionen und frommen Stiftungen wurden nach moderner Weise umgestaltet und verwaltet. Die heiligsten Satzungen und die ältesten religiösen Ueberlieferungen aber, welche für ihre Geschäftsunternehmungen und für den Verkehr mit der christlichen Bevölkerung im geringsten störend schienen, wurden ohne Bedenken als veraltet und untauglich beseitigt. —

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