Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 28 (1864)
- Issue
- Heft 5 (26.1.1864)
- Date
- 1864-01-26
- Page
- Seite 71 (sequence 11)
- Language
- German
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71 lich, mit den ehrlichen Waffen des literarischen Streites oder innerhalb der gesetzlichen Normen der Gemeindevorstände und Vertreter geführten Streitigkeit spreche, sondern von jenen Männern, welchen es nur um äußere Zwecke zu thun ist und die kein Mittel scheuen, um ihre Ziele zu erreichen. Ich nehme daher Veranlassung, Ihnen einen Abschnitt aus einer Denkschrift mitzutheilen, welche vor einigen Jahren von dem erwähnten Ignatz Deutsch den hohen Behörden unterbreitet wurde. Derselbe leistet gewiß in politisch-religiöser Denunciation das Höchste und bedarf keines CommentarS. Nur bemerke ich, daß Herr Deutsch selbst offen und frei den Sabbath entweiht. Dies bitte ich bei Lesung dieses Abschnittes nicht aus dem Gedächtniß zu verlieren. Sie brauchen umsoweniger anzustehen, ihn zu veröffentlichen, als in kurzem in Wien eine Schrift erscheinen wird, in welcher diese Denkschrift vollständig veröffentlicht und besprochen wird. Der Abschnitt führt die Ueberschrift: „Woher das Uebel kommt?" und lautet: „Die verhängnißvollen politischen und religiösen Umwälzungen, durch welche Europa seit dem Beginne des 16. Jahrhunderts fortwährend unterwühlt wurde, haben auch das religiöse Fundament mosaischer Glaubensangehöriger tief erschüttert und eine verderbliche Verwirrung in dem Glaubensbekenntnisse dieses Volkes herbeigeführt. — Solche Erscheinungen sind in Deutschland, in der Mendelssohn'schen Periode, schon in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts wahrgenommen worden. In Oesterreich hingegen sind es erst 30 Jahre, es war eben im Jahre 1826, als der erste Schritt zur Reform durch die tolerirtew Juden der Residenz geschehen ist. — Der mährisch-schlesische Ober-Landes-Rabbiner und die Ober-Juristen zu Prag, als die ersten und bewährtesten Lehrer der jüdischen Nation, haben keinen Augenblick gesäumt, um gegen die geringste Aenderung des Gottesdienstes und gegen jede Umgestaltung der alten religiösen Institutionen feierlich zu protestiren. Flehentlich haben sie die Regierung gebeten, keine Reformen , unter beu Juden zu gestatten, indem dieselben für die religiöse Zukunft dieser Bolksklasse (durch ihre Sonderstellung unter der christlichen Bevölkerung um so gewisser) eine große Gefahr in sich bergen. — Leider sind diese Vorstellungen damals nicht berücksichtigt worden, und diese ehrwürdigen Rabbiner sind längst zu ihren Vätern heimgegangen, aber ihre Betheuerungen und Voraussagungen sind auf eine betrübende Weise schnell in Erfüllung gegangen. — Als nun die Erbauung des neuen israelitischen Tempels mit Choralgesang in der Residenz und die Metamorphose der alten jüdischen Gebetbücher, zum Schrecken aller Rabbiner und frommen Gläubigen, in den Provinzen bekannt wurde, haben sich die neologischen Elemente in allen größeren Judengemeinden schnell und kräftig erhoben, um die Synagoge und alle religiösen Institutionen in derselben Weise, wie dies unter den Juden der Residenz vorgenommen worden, umzugestalten und zu modernisiren. Wohl war zu der Zeit der alte religiöse Sinn und der größte Theil der jüdischen Bevölkerung stark genug, um einem solchen Verlangen mit Erfolg entgegenzutreten, allein die Thatsache, daß die religiösen Reformen unter den Juden der Residenz mit Wissen der hohen Regierung vollzogen wurden, konnte nicht mehr ungeschehen gemacht werden, und dies genügte vollkommen, um die Erneuerungssüchtigen in den Provinzen zu ermuthigen, ihnen Vertheidiger und Anhänger zu verschaffen, so daß sich auch am Ende die Landesbehörden veranlaßt gefunden, solche Bestrebungen theilweise zu unterstützen oder dieselben mindestens nicht zu hindern. In der ersten heftigsten Aufregung der Gemüther waren die Reformer durch Wort und Schrift unablässig bemüht, um die geängstigten Rabbiner zu beruhigen und die frommen Laien zu gewinnen, die ganze Angelegenheit so geringfügig und so unbedeutend als möglich darzustellen. „Nur die eingeschlichenen Mißbräuche" — hörte man überall — „will man beseitigen, lediglich einen geordneten und geregelten Gottesdienst beabsichtigt man einzuführen, die Religion und die Institutionen derselben hingegen sollen nicht angetastet und die alten Sitten der Väter nicht verletzt werden." — Leider ist es den Judengemeinden und ihrer heiligen Sache ebenso widerfahren, wie es bei jeder Jnsurrection in allen monarchischen Staaten zu geschehen pflegt: — der erste Schrei der Empörung gilt in der Regel dem Wohle des Landesherrn — „der Thron und die Dynastie soll fest bestehen" — ruft die demagogische Presse der geängstigten Stabilität zu, — „die Prärogative der Krone soll nicht geschmälert werden, nur gegen die Räche derselben, gegen die Willkür der Bureaukratie und gegen die Verdreher der Gesetze kämpfen wir. — Nieder mit den Verräthern, hoch! lebe der König!" — Kaum aber hat irgend die revolutionäre Partei die Macht und die Regierung an sich gerissen, 8»*