Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 28 (1864)
- Issue
- Heft 5 (26.1.1864)
- Date
- 1864-01-26
- Page
- Seite 70 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3226418-3226424--21876-3259115- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
findet sich eine fanatische Bande von Schreiern und Denuncianten, welche unter der Fahne der Kirchlichkeit sich anmaßen, jeden anzuspucken, der ihnen mißfällt; welche jedes Wort ihrer publicistischen Gegner sophistisch drehen und deuteln, bis sie daraus eine möglicherweise anstößige Bedeutung herausgepreßt haben; welche frech genug sind, die Staatsbehörden wegen vermeintlicher Nachsichtigkeit gegen die liberale Partei zur Rede zu stellen; kurz, welche mit einer unerhörten Dreistigkeit darauf loshetzen, als seien sie eine oberste Vehme, deren Sprüche zu vollstrecken der Staat dienstbar seinen Arm leihen muß." Die dieser aller Religion und Sittlichkeit hohnsprechenden Wühlerei dienenden Organe sind die „Wiener Kirchenzeitung", „Das Vaterland", „Der Volksfreund" und „Die Schnellpost." — Die auswärtige deutsche Presse ist jetzt von der politischen Complication zu sehr eingenommen, als daß sie auf den an sich unbedeutenden, aber in seinem Inhalte wichtigen und charakteristischen Prozeß gegen Di-. Kompert viel reflectirt hätte, und so müssen wir ruhig der ferneren Entwickelung zusehen, die früher oder später, und zwar zunächst durch die Extravaganzen der Ultramontanen, zu einem entscheidenden Ausgange führen muß. Pesth, im Januar. (Privatmitth.) Am l9. pr. hielt der „Pesther Allg. israel. Kranken- und Leichen- Verein" seine zwölfte Generalversammlung. Die Wirksamkeit dieses circa 800 Mitglieder zählenden Vereins kann man daraus ermessen, daß außer zehn im Hospital erhaltenen Mitgliedern 4,398 Kranke von den Vereinsärzten in ihren Wohnungen behandelt und mit 12,929 Recepten und den durch sie verordneten Medicamenten versehen und durch Geldbeträge unterstützt wurden. Die Einnahmen des Vereins betrugen, einschließlich des bisherigen Vermögens von 13,000 fl.,;m verflossenen Jahre 28,522 fl., die Ausgaben betrugen 9334 st., so daß das Vermögen auf 19,000 fl. stieg. Die Gesammtzahl der dem Vereine zur Hilfeleistung zugewiesenen Seelen beträgt ungefähr 4000, und die im Jahre 1863 behandelte Krankenzahl von 4,398 scheint daher unverhältnißmäßig. Der Rechenschaftsbericht sucht dies folgendermaßen zu erklären: „Die Unverhältniß Mäßigkeit der Gesammtheit des Vereins zu den Erkrankungsfällen war zu auffallend, um nicht zu einer gründlichen Untersuchung der bezüglichen Ursachen zu leiten, einestheils um die materiellen Mittel des Vereins nicht abzuschwächeu, anderncheils um die Leidenden in eine bessere Lage zu versetzen. Allein die Unerreichbarkeit dieser Absichten liegt in der tiefen Verarmung des größeren TheilS der Bereinsgenossen, deren mehrere Familien in beengter, feuchter, nicht genug luftfreier Wohnung zusammenleben, von Nahrungsmangel entkräftet, im Hause ohne Brennmaterial und außer dem Hause ohne warme Bekleidung den Elementen preisgegeben, überhaupt jeder Pflege entbehrend einen schweren Lebenskampf führen. Wenn es unter solchen Umständen den ärztlichen Bemühungen gelingt, der Krankheit ihr Opfer zu entreißen, so bewältigt die unbezwingbare Macht der Verhältnisse die ärztliche Anstrengung und ein und dasselbe Individuum kommt zu wiederholtem Male in die Kranken-Liste." Hieraus erkennt man um so mehr die Nothwendigkeit und den Segen dieses Vereins, dessen Vorsteher eine nicht genug anzuerkennende Thätigkeit voll Hingebung und Aufopferung entwickeln. Unter ihnen besonders der Gründer dieses Vereins, Herr Anton Kurländer. Mögen aber auch immer mehrere beitragende Ehrenmitglieder des Vereins werden, um dessen Mittel immer ansehnlicher zu verstärken. Denn nicht zu verkennen ist aus obigen Mittheilungen, daß es vielleicht noch heilsamer wäre, die Gesunden in Wohnung, Kleidung und Nahrung zu unterstützen, um so die Krankheitsursachen zu vermeiden. Lundenburg, 15. Januar. (Privatmitth.) Die quch in d. Bl. kurzerwähnte Differenz zwischen hiesigen Gemeindebeamten ist auf friedlichem Wege gelöst worden. Preßburg, >3. Januar. (Privatmitth.) Die ei« genthümliche Erscheinung, daß in dem Kompert'schen Prozeß die Staatsanwaltschaft die Anklage wegen Verletzung des orthodoxen Judenthums erhob, von der der Gerichtshof den Angeklagten freisprach, erwartet noch ihre nähere Erklärung. Wie uns berichtet worden, ist es nicht die „Wiener Kirchenzeitung", welche diesen Theil der Anklage hervorgerufen hat, sondern der auch in d. Bl. öfters erwähnte Banquier Ignatz Deutsch. Jedenfalls ersieht man daraus, daß der in Oesterreich, wenn auch nur verdeckt, noch obwaltende Kampf einer fanatischen Partei gegen das heutige Judenthum noch lange nicht seine Entscheidung erreicht hat. Es versteht sich von selbst, daß ich hier nicht von einer öffent-