Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 28 (1864)
- Issue
- Heft 4 (19.1.1864)
- Date
- 1864-01-19
- Page
- Seite 50 (sequence 6)
- Language
- German
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50 3. Eine thätige Mitbetheiligung der Frauen an den Responsen und Gesängen kommt in den oberen Räumen gar nicht vor. Wenn nun die Erfahrung in der neueren Zeit immer mehr gelehrt hat, wie höchst wichtig für die Erhaltung und Förderung des Judenthums die stärkere Heranziehung des weiblichen Geschlechts ist; wenn man deshalb die Confirmation der Mädchen eingeführt, letztere zum Synagogen-Chor zugelassen, ihnen deutsche Gebet- und Gesangbücher in die Hand gegeben hat rc.: so scheue man sich auch nicht einen Schritt weiter zu gehen und dem weiblichen Geschlechte in den Synagogen einen ebenso bequemen und der Erbauung zugänglichen Platz anzuweisen als uns Männern. Man theile nämlich den untern Raum der Synagoge in zwei gleiche Hälften und überlasse dem weiblichen Geschlechte die rechte Hälfte, während die Männer blos die linke einnehmen. Reicht der Raum nicht aus, so benutze man die Emporbühnen als Reserve für junge unselbständige Leute, Knaben und junge Mädchen, ebenfalls getrennt nach gleichen Hälften. Man sorge aber für verschiedene Eingänge und für einen Hauptdurchgang in der Mitte der untern Synagoge von mindestens 6 Fuß Breite. Wir kennen sehr wohl die Einwendungen, welche man gegen unfern Vorschlag machen wird; allein alle diese Bedenken verschwinden vor der thatsächlichen Erfahrung von der unbedingten Vortrefflichkeit dieser Neuerung. Seit einer Reihe von Jahren ist dieselbe in der größern Gemeinde, welcher Schreiber dieses angehört, mit dem besten Erfolge und zur allseitigen Zufriedenheit eingeführl und hat sich kein einziger der anfangs gefürchteten Uebelstände in Wirklichkeit gezeigt. Dagegen verdanken wir dieser Verbesserung folgende positive Vortheile: 1. Das weibliche Geschlecht fühlt sich mehr der Gemeinschaft der Betenden augehörig, betheiligt und erbaut sich unwillkürlich weit mehr beim Gottesdienste als früher und besucht daher viel fleißiger das Gotteshaus. 2. Die Gegenwart der Frauen und Mädchen wirkt ungemein günstig auf das Verhalten der Männer zurück und verleiht dem Cultus einen höhern Grad von Feierlichkeit. 3. Das Benehmen der Damen ist musterhaft, macht jede Aufsicht überflüssig und von den Uebelständen der ehemaligen „Weib er sch ule" ist Gott Lob keine Spur mehr wahrzunehmen. Aber nicht allein in der hiesigen sondern auch in einer benachbarten Gemeinde, wo dieselbe Einrichtung seit Jahren besteht, ist man mit dem Erfolge ebenso zufrieden. Wir können dieselbe daher allen Gemeinden, namentlich denjenigen, welche neue Synagogen erbauen, mit gutem Gewissen dringend empfehlen. Spenden-Liste für die Rieder-Stiftung 1) zur monumentalen Herausgabe der Schriften Rießer's, 2) zur Unterstützung solcher Israeliten, die Gerichtsassessoren oder zu Gymnasial- und Universitäts- Lehrämtern befähigt, aber ihrer Religion wegen nicht angestellt sind. 1070) R. Guthmann in Chicago ö Thlr. 107 t) Der israelitische Leseverein in Ulm 29 Thlr. — Gesammtsumme: 1872 Thlr. 16 Sgr. 6 Pf. Die Redaction. Zerstreute Bemerkungen. Cäsar und die Juden. (Eine Leseftucht von Julius Philipps»«.) Als Cäsar sich zum Imperator Roms gemacht hatte, um die heillosen Zustände seiner Vaterstadt zu verjüngen und die Weltherrschaft anzutreten, mußte vor allem das Land beruhigt und der Boden von den Trümmern der letzten Katastrophe gesäubert werden. Allein die Grundübel waren am wenigsten austilgbar: die Sclaverei mit ihrem Gesolge von Landplagen konnte er nicht abstellen, er konnte deshalb keine hauptstädtische Industrie hervorzaubern, solange der altrömische Grundsatz galt: daß der Mann, welcher von der Arbeit der Sclaven lebt, nothwendig respectabel sei, während der Arme, der von seiner Hände Werk lebt, nothwendig gemein sei. Einen Mittelstand in unserm Sinne gab es nicht, wie es denn in keinem vollkommen entwickelten Sclavenstaat einen solchen geben kann. So fand man denn im allgemeinen in Rom nur Bettelvolk und vornehme Welt; Sittlichkeit und Familienleben zerfielen, da jedermann nur nach Geld und Genuß strebte und arm zu sein fast ein Verbrechen war. Zwischen der Welt der Bettler und der Welt der Reichen war der verhängnißvolle Gegensatz durch nichts vermittelt oder gemildert; das Familienleben, welches doch aller Nationalität Keim und Kern ist, m