Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 28 (1864)
- Issue
- Heft 3 (12.1.1864)
- Date
- 1864-01-12
- Page
- Seite 40 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3224737-3226418-3226422--21844-3259081- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
40 sich derselben ganz entziehen, oder kann, soll, darf er sich derselben ganz hingeben? — Es sind wichtige Fragen, die sich jedem denkenden und nachdenkenden Israeliten, als Menschen und als Juden, aufdringeu und deren Beantwortung wohl der Gegenstand tieferer Untersuchung zu werden verdiente. Hier sei uns nur erlaubt, so viel davon zu berühren, als die Sache, die uns zu diesen Zeilen veranlaßt, es mit sich bringt. Wenn der Nationalitätsgeist ein ausschließender wäre, so hätten wir eine traurige Aussicht vor uns, denn dieser Geist greift um sich und scheint die Oberhand erringen zu wollen. Zum Glück gibt unö das Volk, dem es gelungen ist, seine Nationalität zu vindiciren und fest zu begründen, ein beruhigendes, befriedigendes Beispiel, so daß wir der ferneren Entwickelung dieses Princips getrost entgegen sehen dürfen. Abgesehen von den Handelstractaten und industriellen Verbindungen, welche Italien in letzteren Jahren so zahlreich geschlossen hat und die, statt eine allgemeine humanistische Bedeutung zu haben, nur den eigenen materiellen Lortheil bezwecken könnten, sehen wir daselbst, wo doch noch so mancher Grund zur Abneigung gegen Deutsche und Deutsches vorhanden ist, das Studium der deutschen Sprache und Literatur nicht nur vorurtheilsfrei sondern auch mit einer gewissen Vorliebe betrieben. So ist in allen wichtigeren privaten und öffentlichen Lehranstalten auch ein Lehrstuhl der deutschen Sprache und Literatur errichtet; so werden fortwährend deutsche wissenschaftliche und belletristische Werke in's Italienische übertragen. Ein unleugbarer Beweis, daß der Nationalismus nicht eine Abgeschlossenheit bezweckt oder nach sich führt, daß er den geistigen Verkehr und die geistige Verbindung mit den übrigen Völkern nicht minder sucht als die materielle. „Wir lieben alle Völker bei uns und neben uus, nur nicht über uns"; das ist die Devise des italienischen, das wird die eines jeden Volkes sein, welches seine Unabhängigkeit errungen haben wird. Der Nationalitätssinn ist demnach eine reifende Frucht, nicht ein Auswuchs der Philosophie, denn er bezweckt die Vereinigung, nicht die Zerstückelung der Menschheit; er ist eine Vorbereitung, nicht ein Hinderniß zur allgemeinen Freiheit. Darf, soll, kann der Jude als solcher dieser Bewegung der Geister sich entziehen? Nachdem wir deren Zweck erwiesen haben, fällt die Frage von selbst. Der Jude darf nicht müßiger Zuschauer sein, wo es sich handelt, die Menschheit zur Einheit, zur Unabhängigkeit, zur Freiheit zu führen. Ist das doch das Ziel des Judenthums, der Grund, worauf sich sein Gesetz und seine Lehre stützt, Einheit des Schöpfers, Einheit des menschlichen Geschlechts. „Mir ist die ganze Erde", sagt Gott; „ein Volk soll nicht mehr gegen ein Volk Krieg führen"; „Ich werde einst über alle Völker meinen Geist ausgießen und alle sollen nur Einen Wunsch hegen". — Er darf und soll es nicht; aber eben so wenig könnte er'S auch. Hat doch der Jude selbst in Zeiten, da er von jeder Theilnahme am politischen Leben der Völker, unter denen er lebte, ausgeschlossen war, nie aufgehört mit den Errungenschaften des Geistes Schritt zu halten*), ja sein Scherflein zur allgemeinen Cultur beizutragen; wie könnte er's heutzutage, nachdem ihm die meisten Staaten alle natürlichen politischen und bürgerlichen Rechte eingeräumt haben? In der Beziehung aber kann, soll, darf er sich dem Principe der Nationalitäten nicht hingeben, einen politischen Judenstaat ausmachen zu wollen; das Religionsband, noch stark genug, aus den Juden einen moralischen Körper zu bileen, der in allen Phasen des Staatslebens, ohne dem Ganzen zu schaden, bestehen kann, ist viel zu locker, um einem politischen Verbände Bestand zu geben, und übrigens gibt es nunmehr keine französischen, englischen, deutschen Juden u. dgl. mehr, sondern jüdische Franzosen, Engländer, Deutsche u. s. w. Zu dieser Besprechung führte uns eine belletristische Erscheinung, welche unlängst in Mailand an'S Licht trat, eine Uebersetzung von Chamisso'S Peter Schlemihl, was den ersten Theil gegenwärtiger Zeilen veranlaßte. Zum zweiten Theile derselben aber führte uns der Umstand, daß die Uebersetzung die Arbeit eines jungen jüdischen Mädchens ist, das mit seiner achtbaren wohlhabenden Familie vor mehreren Jahren aus Deutschland nach Italien gezogen uud von deren Brüdern einer 1859 in das italienische Heer als Gemeiner freiwillig eingetreten, die Freiheitskämpse in Ober- und Süditalien mitgemacht und sich bis zum Grade eines OfficierS emporgeschwungen hat. Da die Uebersetzerin ihren Namen aus Bescheidenheit verschwiegen hat, so halten wir unS ohne ihre Crlaubniß nicht für befugt, denselben zu veröffentlichen,« *) Was in den zahlreichen Schriften des Herrn Redakteurs d. Bl. vielfach bewiesen ist. Corresp.