Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1864-01-12 · Heft 3 (12.1.1864) · p. Seite 33

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
28 (1864)
Issue
Heft 3 (12.1.1864)
Date
1864-01-12
Page
Seite 33 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3224737-3226418-3226422--21837-3259074
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

33 machen, aber was wir beten, haben alle Juden von jeher gebetet. Bertheidiger: Sie haben den Artikel des Herrn Dr. Grätz gelesen. Ich ersuche nun zu constatiren, daß die Exegese des 52. und 53. Kapitels aus Jesaias eine zwei- oder mehrfache ist. Mannheimer: Dieses Kapitel hat die Messiaslehre zum Inhalt. Aber die meisten Interpretatoren gehen darauf hinaus, daß das sich auf das Volk und nicht auf einen Einzelnen beziehe. Die jüdischen Erklärer befanden sich namentlich in Verlegenheit, weil sie keine Einzelperson halten. Sie nahmen ihre Zuflucht zu Usias und Hiskias, dies sind aber ganz vorübergehende Erscheinungen, und man kehrte zur vorherrschenden Ansicht zurück, die ist de toto populo. Vom ganzen jüdischen Volke ist die Rede; ebenso spricht sich einer der ältesten Erklärer, Orig in es, aus und Rosenmüller, der hier am maßgebendsten ist, vertheidigt dieselbe Ansicht. (Der Zeuge citirt aus dem Gedächtnisse die betreffenden Stellen.) Ich selbst würde mich unbedingt der Auslegung Grätz's anschließen. Der Ausdruck: ,,Ebed Adonai^ servus Dei (Knecht des Herrn) kommt sehr häufig vor, und Rosenmüller hat 9—10 Stellen aufgezählt, wo darunter immer das Volk Gottes und nie eine einzelne Person zu verstehen ist, und wenn es zu einem Concilium kommen sollte, so würden wir ziemlich einstimmig darüber sein, daß im 52. Kapitel vom ganzen Volke in seiner prophetischen Mission gesprochen ist. Bertheidiger: Damit haben Sie zugleich die weiteren Fragen beantwortet, nämlich ob darin, daß sich der Aufsatz an eine allgemeine recipirte Exegese anschließt, die jüdische Religion verschmäht oder verspottet wird. Mannheimer: Ich muß sagen, daß ich erst gestern Abend den Aufsatz von Dr. Grätz gelesen habe und — Vorsitzender: Haben Sie ihn im Manuscript gelesen? (Bewegung im Publicum.) Mannheimer: Ich weiß nicht, ob ich darin zu weit gehe, aber ich muß offen gestehen, daß ich vom ganzen Vorgehen keine Kenntniß hatte; ich muß auch sagen, daß diese ganze Verhandlung nicht stattgefunden hätte, wenn nicht von einer böswilligen Seite ein solches Aufsehen veranlaßt worden wäre. Dasselbe Organ, das mit frecher Böswilligkeit und gräßlichem Judenhaß es sich zur Pflicht gemacht hat, wenn die Ostertage beginnen, die Geschichten vom Schlachten der Christenkinder zu bringen. Präsident (unterbricht den Zeugen): Das gehört nicht hierher. Mannheimer: Ich konnte diese Bemerkung, wenn sie auch nicht zur Sache gehört, bei dieser Gelegenheit nicht unterlassen; denn wenn solches Aufsehen von dieser Seite nicht gemacht worden wäre, so hätte sich niemand dadurch verletzt gefunden. Präsident: Sie haben selbst gehört, wie die Sache ihren gesetzlichen Gang genommen hat, die Beurtheilung steht nun dem Gerichtshöfe zu. Indem nun der Zeuge auf den vorliegenden Artikel und seine Fassung selbst übergeht, erklärt er ihn für überzeugungstreu und bemerkt, daß der Aufsatz, als er ihn las, auf ihn einen erhebenden und erbauenden Eindruck gemacht habe. Es sei in ihm von einer großen Mission des jüdischen Volkes die Rede, und Zeuge nennt noch einige alte Ausleger, die derselben Ansicht wie Do. Grätz sind. Unter dem Worte „Schwärmerei" verstehe er das Auftreten vieler falscher Messiasse im Mittelalter, was zur Folge hatte, daß die alten Rabbiner den Bann auf jenen legten, der die Zeit der Messiasankunft berechnen wollte. Nun entspinnt sich eine lebhafte Controverse zwischen dem Zeugen und dem Staatsanwalt. Der Staatsanwalt findet nämlich darin einen Widerspruch, wenn man sagt: ich glaube an die Ankunft eines Messias, und wenn man erklärt: dieser Messias sei das jüdische Volk, das doch schon lange da ist. Der Zeuge erklärt, man könne sehr wohl behaupten, daß in der oft erwähnten Stelle aus Jesaias ein Messias als Einzelperson nicht gemeint sei und dabei dennoch den Messiasglauben nicht verleugnen, da es sich nur um seine Mission handle. Es wird sonach der zweite Zeuge, Herr Lazar Horowitz, Rabbiner der wiener israelitischen Gemeinde, vorgerufen, der in seinen Aussagen sich den Ausführungen Mannheimers anschließt. Der Präsident erklärt sonach das Beweisverfahren als geschlossen und ertheilt dem Staatsanwalt das Wort. Man wollte darthun, daß der incriminirte Artikel es nur mit dem Kap. 53 des Jesaias zu thun habe. Dieser Auffassung kann ich mich nicht anschließen. Schon Ueberschrift und die Einleitung läßt den Glauben nicht zu, daß der Verfasser nichts mehr als eine Geschichte habe geben wollen. Wie kommt ein Exeget des Jesaias dazu, über die Nationalitätsfrage, über Metternich, den Erfinder des „geographischen Begriffes und der Geheimpolizei", über Polen, Frankreich, Italien und England

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.