Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1864-01-12 · Heft 3 (12.1.1864) · p. Seite 32

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
28 (1864)
Issue
Heft 3 (12.1.1864)
Date
1864-01-12
Page
Seite 32 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3224737-3226418-3226422--21836-3259073
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

38 sollte ich daran denken, daß der Stifter der christlichen Religion da sollte angegriffen worden sein? Ich bitte, hoher Gerichtshof, das Eine zu bedenken: Welcher Mensch von nur einiger Bildung (und Dr. Grätz gehört doch gewiß dazu), welcher gebildete Mensch wird den Blödsinn begehen und wird sagen: Jesus sei eine Caricatur und führe zur romantischen Schwärmerei? Welcher Jude, der nur ein Bischen Sinn hat, wird dies sagen? Es ist dies eine welthistorische Thatsache, die 1863 Jahre dasteht, wer wird das Christenthum, die Tochter des Judenthums, das die Welt umgestaltet hat, das die ethische Grundlage dem Judenthume entlehnt — wer wird das Caricatur nennen, wer wird sagen: Die Thatsache von 1863 Jahren ist eine romantische Schwärmerei! Ist das logisch nur denkbar? Noch eine kleine persönliche Bemerkung, die mich selbst betrifft, daß nämlich weder Dr. Grätz noch ich selbst den dolus oder animus injnriandi haben können, erstens unserer eigenen Religion entgegenzutreten, dann andererseits das Christenthum zu beleidigen. Dr. Grätz ist Professor in Breslau, anerkannt als einer der ersten Gelehrten seines Faches. Das Seminar selbst ist ein solches, in das selbst orthodoxe Juden ihre Kinder schicken, um sie zu Rabbinern auszubilden, wie das auch der ehrwürdige Rabbiner Horowitz that. Können Sie voraussetzen, daß derselbe Mann, der jüdische Jünglinge ausbilden wird und will, die Absicht und den Geist habe, seine eigene Religion zu beleidigen, oder soll der Verfasser eines Buches, welches nur für Juden geschrieben ist, das aus dem Kreise jüdischer Leser nicht herauskommt, die Blasphemie begehen, etwas irgendwie Verletzendes für eine andere Religion zu schreiben? Was mich selbst betrifft, so mußten meine literarischen Antecedentien für mich sprechen. Ich schreibe seit dem Jahre 1847. Da erschienen die Geschichten aus dem Ghetto. Seit dieser Zeit habe ich fortgesetzt den Schilderungen meines Volkes, seiner Gestalten, seines religiösen Bewußtseins das wenige mir von Gott verliehene Talent zugewendet. Von allen Seiten wurde mir gesagt, das sind jüdische Zustände, ist jüdisches Wesen, das da geschildert wird. Ebenso erging es mir mit meinen christlichen Lesern. Ich habe in meinen Novellen oft Gelegenheit gehabt, die religiösen Gegensätze gegen einander zu halten. Ich bitte zu fragen, ob in meinen Schriften eine Stelle vorkommt, die irgendwie Feindliches gegen das Christenthum enthalte. Ich überlasse es meinem Vertheidiger, die Stellen vorzulesen, welche beweisen, daß mich die tiefste Scheu vor religiösem Wesen erfüllte. Wie käme ich dazu, Blasphemien zu treiben? Es ist doch ein so fürchterliches Wort, daß es mir tief in die Seele greift- Ich bitte einen hohen Gerichtshof, die Worte so zu nehmen, wie ich selbe gesprochen, als offene und aufrichtige Erklärung nach bestem Wissen und Gewissen. Eine lebhafte Bewegung begleitet den Schluß dieser im Tone tiefster Ueberzeugung und der ergreifendsten Herzlichkeit gesprochenen Verteidigung. Präs, schreitet zur Vernehmung der Zeugen und ruft zunächst Herrn Mannheimer vor. Vertheidiger stellt an den Zeugen die Frage: Gibt es ein orthodoxes Judenthum? Herr Mannheimer (dem gestattet wurde Platz zu nehmen): Ich muß mich ganz der Erklärung anschließen, die bereits der Angeklagte gegeben hat, und muß es im Interesse des Judenthums erklären, daß eine Trennung unter uns Juden nicht besieht. Ich müßte es aber umsomehr bedauern, wenn gar die Gesetzgebung oder die Justiz in dieses Gebiet hinübergreifen würde. Als ich ungesähr in den 40ger Jahren amtlich befragt wurde, ob der Judeneid in dieser oder jener Form bindend sei, sowohl für die orthodoxen als auch die reformirten Juden, fing ich damit an, daß ich auf das Entschiedenste erklärte: Es gibt keine Secte unter den Juden. Es haben allerlei Strömungen stattgefunden, aber nie ein ausgesprochenes Schisma, das Anerkennung gefunden hat. Die einzige Secte, die sich erhalten hat, sind die Karäer, die aber ein ganz verschwindendes Element sind und sich laugst vom Judenthume losgesagt haben; aber die Juden im allgemeinen sind alle sogenannte rabbinische Juden. Wenn nun auch solche Strömungen stattgefunden haben, so ist doch das bestimmt, Gegensätze wie zwischen Katholiken und Protestanten bestehen unter den Juden nicht. Dagegen müssen wir uns auf das Entschiedenste verwahren, weil wir die Consequenzen aus solchen Anschauungen fürchten müssen. Es gibt bei den Juden wie überall laxere und strengere Anschauungen, freisinnige und bigotte Leute, Leute, welche mehr denkgläubig, und andere, die mehr wortgläubig sind. Die Aenderungen, die bei uns hier, namentlich in Oesterreich stallgefunden haben, bezüglich der Liturgie, berühren nur die formelle Seite, es ist der Gottesdienst reformirt worden, aber das Wesen, das Confessionelle ist dasselbe wie von Alters her. Man hat sich bemüht, den Gottesdienst verständlich und erbaulich zu

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.