Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 28 (1864)
- Issue
- Heft 3 (12.1.1864)
- Date
- 1864-01-12
- Page
- Seite 31 (sequence 3)
- Language
- German
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31 trug und alles Schmähliche in die Schuhe schiebt, und das sich selbst seit einiger Zeit nicht entblödet, die sogenannten Reformjuden als Revolutionäre, gleichsam als Menschen, die Thron und Altar stürzen wollen, hinzustellen. Es gibt keine orthodoxe Judenlehre, es gibt nur eine Lehre des Judenthums; das Wort orthodoxe Judenlehre ist herübergenommen aus einer fremdartigen Anschauung. Es gibt höchstens weniger fromme und frömmere Juden, wobei es sich allenfalls um einige Aenderungen in der Liturgie handelt, aber die Basis, der Lehrbegriff, die volle Grundlage des Judenthums ist jedem Juden, der sich so nennt, gemeinschaftlich. — Soviel ich aus dem Artikel ersehe, berührt der Verfasser gar nicht die Messiaslehre, er sagt nicht: „Ich glaube nicht an einen persönlichen Messias." Er berührt dies nicht, weil er glaubt, daß dies hierher gar nicht gehört. Er spricht auch nicht davon, daß die Messiaslehre ein bestrittenes Dogma des Judenthums ist. Denn eben die 13 Glaubensartikel sind allgemeine Glaubenssätze, aber ihre Auslegung war nie verwehrt. Es ist wahr und jeder Jude wird es bekennen: „Ich glaube an einen persönlichen Messias", aber wie, wo und wann er erscheinen wird, das ist der Forschung und Auslegung der Juden von jeher überlassen geblieben. Zugegeben, daß die Messiaslehre angegriffen sei, was ich jedoch negire, so bedauere ich die Anklage um so mehr, weil überhaupt nach meiner Ansicht der Artikel gar nicht verstanden worden ist. Der Verfasser fragt nämlich. Wie kommt es, daß das jüdische Volk sich so sehr verjüngt, wo liegen die Quellen dieser Erscheinung? Und er antwortet: Es war nach dem Exil, nach der babylonischen Gefangenschaft eine Periode eingetreten, wo das Volk fürchterlich zerfallen und verkommen war, wo fast keine Hilfe zu sein schien. Da kam Jesaias und tröstete und richtete das Volk auf; und nun kommt der Verfasser auf dieses Kapitel 53 und führt Stellen aus demselben an. Ich habe bereits in der Voruntersuchung ausgesagt, daß dieses Kapitel von den ältesten Zeiten her verschiedene Exegesen erlebte. Die allgemein recipirte, von den meisten jüdischen Commentatoren, wie z. B. Raschi, der einer der Frömmsten war, Aden Esra u. a., aufgestellte, ist die des Verfassers, nämlich, daß sich das ganze Kapitel nicht auf eine einzelne Persönlichkeit bezieht, sondern auf das ganze Volk Israel, welches bestimmt sei, einmal in fittlicher Vollkommenheit das messianische Reich herbeizuführen. Daß aber nicht nur der Verfasser, sondern daß die meisten, christlichen Theologen dieses Kapitel so auffaffen, erhellt aus einem der ersten Exegeten des Christenthums: Gesenius. Die betreffenden Stellen werden den Gerichtshof überzeugen, daß hier nichts Neues und Ketzerisches gesagt wurde. „Bei den äußerst verschiedenen Ansichten, sagt Gesenius, die man von diesem Kapitel in alten und neuen Zeiten aufgestellt hat, so daß es der Talmudist mit einem Schuh verglich, den man demjenigen anpassen konnte, wem man immer wollte, wird es nothwendig, der heutigen Erklärung eine kurze Classification voranzustellen." Und nun sagt er: Die Erklärungen dieses Kapitels lassen sich auf drei Klassen zurückführen: auf die messianische, die vom jüdischen Volke und endlich diejenige, nach welcher man unter dem Knechte Gottes das Volk Israel selbst versteht. Die messianische Erklärung läßt er aus verschiedenen Gründen nicht gelten. Nicht minder alt als die messianische Erklärung, sagt er dann, scheint die andere Erklärung zu sein, nach welcher unter dem Knechte Gottes das jüdische Volk zu verstehen sei, wie dieser Ausdruck öfter vorkommt; und nun führt er diese Stellen an, wie auch Jbn Esra, Raschi u. a. Auch neuere christliche Theologen stimmen in diesem einen Punkte überein, daß die Stelle dieses Kapitels eben immer nur auf das Volk Israel zu beziehen sei und nicht auf eine einzelne Persönlichkeit. Indem der Verfasser dieses Kapitel vor Augen hat, sagt er: Israel ist das Messiasvolk, das Volk des Messias. Das ist der Grundgedanke dieses Propheten, das ist der Gedanke in diesem Kapitel des Propheten Jesaias. Hierauf kommt: „Ein Volk, das nach Leiden zum Leben erweckt werden soll, das hat Sinn!" Ich frage nun, kann man sagen: „Ein Volk hat Sinn?" Unstreitig will damit gesagt sein: „Diese Deutung, diese Analyse — das hat Sinn", indem man immer die ganz verschiedenen Deutungen, die dieses Kapitel gefunden, vor Augen hat. Ebenso ist es mit der Stelle: „wird es Carica» tur", nämlich das Kapitel und die Deutung desselben. Das ist die grammatikalische und logische Deutung dieses Kapitels. Ich komme nun, hoher Gerichtshof, zur zweiten Anklage. Der Vorwurf, daß nämlich indirect der Stifter der christlichen Religion auch verhöhnt sei, erscheint mir so ungeheuerlich und ist mit meinem ganzen Vorleben, meinen Antecedentien so unvereinbar, daß er mich tief ergreift. Wie konnte ich es vermuthen, daß hier in dieser Stelle eine Caricatur würde gefunden werden, wie 3 * 4