Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1896-12-25 · Heft 52 (25.12.1896) · p. Seite 622

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
60 (1896)
Issue
Heft 52 (25.12.1896)
Date
1896-12-25
Page
Seite 622 (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3228148-3228201--53354-3259029
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

mir der Großvater seit jenem Abend in Schul nicht aus dem Kopf gehen will. Ich halte auf solche Sachen nichts, aber es hat doch etwas zu bedeuten." Mordche war davon aufs Tiefste überzeugt, aber die Humanität verlangte, daß er widersprach. „Ich kann das von Euch gar nicht verstehen," sagte er. „Mich habt Ihr immer ausgelacht, wenn ich so etwas erzählte, und jetzt glaubt Ihr selber daran." „Mein lieber Mordche," erwiederte der Kranke ernst, „wenn es nicht wahre Propheten gegeben hätte, würde Niemand den falschen geglaubt haben. Der Rambam sagt, daß alle Prophezeiungen nur Träume im Zustande des Schlafes oder Halbschlafes gewesen sind, und im Buche Job steht geschrieben: „Gott spricht im Traum gesichte der Nacht oder im Ohnmachtsschlummer auf dem Bette." Etwas ist daran, wenn man es auch nicht so ganz versteht." Mordche schwieg betroffen, denn über Rambam und Hiob konnte^er nicht disputiren, und diese Citate trugen nur dazu bei, jhn in seinen Ahnungen zu bestärken. Um doch dem.Gespräche eine andere Wendung zu geben, sagte er nach einer Weile: „Meint Ihr, daß wir im Hause Schacharith und Mussaph zusammen beten werden?. Man könnte um halb sieben anfangen, und ich könnte da sein, ehe ich in Schul gehe." Reb Rephoel merkte, daß Mordche ihn auf andere Gedanken bringen wollte, und das verdroß ihn. „Was soll ich heute aussorgen auf fünf Wochen?" brummte er. „Wir werden darüber noch reden. Aber da fällt mir ein," setzte er hinzu, „ich möchte Jemanden haben, der mir morgen aus der Thora vorliest?" „Ich will Lesern sagen, daß er Herkommen soll," sagte Mordche. „Um welche Zeit soll er da sein?" .> ,,EH', laß mir den Untaam^) nicht ins Haus," bemerkte Reb Rephoel mit zornigem Stirnrunzeln! „Wenn ich gesund wäre, der Kerl mit seinem Gespeie und Gekrächze könnte mich krank machen. Wenn Du nach Hause gehst." setzte er ruhiger hinzu, „halte Äch bei Reb Bär auf und sage ihm: Ich lasse ihn bitten, niorgen nach Schul zu nur zu konunen, damit er mir die Sedra vorleint."?) Ehe Mordche noch seine Bereitwilligkeit aussprechen konnte, trat Fanny mit dem Arzt ein und Mordche verließ die Stube. Am anderen Morgen zur bestimmten Stunde trat Reb'Bär in Begleitung seines Sohnes, eines schmächtigen, hochaufgeschossenen Jungen von vierzehn Jahren, in die Stube. Mit dem Gruße „Gut Schabbes" legte er seinen Tallis und das Chumeschb)?auf das Fensterbrett, welches bei der Dicke der Mauern in dem altmodischen Hause breit genug war, um einem Manne als Sitz'zu dienen. Den Hut behielt er auf dem Kopfe; der Knabe hatte den .seinen beim Eintritt in die Stube abgenommen und stand in verlegener Haltung hinter seinem Vater. „Ich habe meinen Siegfried mitgebracht," sagte Reb Bär, nachdem er den Kranken um sein Befinden gefragt hatte, „damiter Ihnen vorleienen kann, wenn Sie nichts dagegen haben. Ich will, daß er sich übt, und ich glaube, Sie werden mit ihm zufrieden sein." Reb Bär war eine merkwürdige Erscheinung, ein Typus jeiier Zeit, welche den Uebergang aus dem naiven alten Glaubensleben in den schonungslosen Kritizismus der Gegenwart darstellt. Das sprach sich schon in seiner äußeren Erscheinung aus, welche der eines Schulmeisters oder Landpfarrers glich. Sein glatt rasirtes Gesicht mit der schwerfälligen Stahlbrille, der lange unmodische Rock ohne Schöße, die hohe, bis an den Hals hinaufreichende Weste, welche nur den ungestärkten Hemdkrageu und das. sorglos geschlungene schwarzy Ungeschlachter Mensch. 2) Thoraabschnitt vorliest. Pentateuch. seidene Halstuch sehen ließ, alles das' und der unmoderne Cylinderhnt, der, weit in den Nacken zurückgeschoben saß,, hätten Reb Bär jedem Maler als ein Modell eines Dorfschulmeisters werthvoll gemacht. Er schien auch zu diesem Berufe mehr geschaffen als zu dem eines. Landkrämers> als welcher er bei allem Fleiße und redlichen Streben gerade nur sein Leben durchbrachte. In seinen jungen Jahren hatte er auch von seiner Zukunft sich ein anderes Bild entworfen. In der . Nikolsburger Jeschiba der dreißiger Jahre hatte sich seiner, wie vieler anderer seiner Genossen die Unbefriedigung mit dem unsystematischen und einseitigen Lehrgänge bemächtigt. Er las unter Aufopferung seiner Nächte Schillers und Lessings Werke, er studirte, auf Selbstunterricht angewiesen, Algebra und die Anfangsgründe der lateinischen Grammatik, von dem Wunsche beseelt, eine deutsche Universität oder die rabbinische Hochschule in Padua zu besuchen, welche durch den, ihm aus hebräischen Almanachs vertrauten Namen Luzzatos eine magnetische. Anziehungskraft auf ihn ausübte. Wo soll aber ein armer Bachur, der von drei Freitischen die Woche lebt und vier Tage hungern muß, dazu die Mittel nehmen? Reb Bär that, was viel Andere in seiner. Lage thaten, er wurde Hauslehrer. In dieser Eigenschaft hatte er auch Reb Rephoel gedient und Max im Talmud unterrichtet. Es dauert aber lange, dis man von dem Gehalte eines Hauslehrers etwas ersparen kann, besonders wenn man davon noch seine Eltern zu unterstützen hat. So war für Reb Bär die Zeit gekommen, wo mall das werthvollste Privilegium des Juden der vormärzlichen Zeit, die Heirathsbewilligung, erhalten konnte. Red Bär genoß das Vorrecht des Erstgeborenen, er heirathete und richtete sich mit der kleinen Mitgift, die er erhielt, einen Laden ein; an eine Ausführung der Studienpläne war nun nicht mehr zu denken. Jetzt war es sein einziges Ziel, in der Erziehung seines Sohnes dasjenige gut zu Machen, was an seiner eigenen gesündigt worden war. Mit Reb Rephoels Zustimmung begann Siegfried den Abschnitt von der Schöpfungsgeschichte zu lesen. Der Alte hatte sein gedrucktes Exemplar auf dem Schooße und folgte genau den Worten des Knaben, aufrichtig bewundernd, wie dieser jedes Wort aus der richtigen Silbe betonte und die in der alten Schule vernachlässigte Unterscheidung zwischen den beiden Schwas einhielt, wie er trotz des durch den beginnenden Stimmbruch verursachten Kreischens bei hohen Tönen genau sich an die vorschriftsmäßigen Noten hielt und besonders mit welcher Begeisterung er die Schlußworte eines jeden Schöpfungstages vortrug, in der traditionellen Melodie die Freude ausdrückend, daß wieder ein Stückchen Welt fertiggestellt war. Nur einmal seufzte der Kranke schwer, als der Knabe die Worte las: „Mein Geist soll nicht herrschen im Menschen auf ewig, da er doch Fleisch ist," indem er die letzten Worte zweimal mit feierlichem Ernste-wiederholte. Die Vorlesung war beendet. Reb Bär küßte die Thorarolle, rollte sie auf und hob sie hoch empor, setzte sich dann mit ihr auf einen Stuhl, damit sein Sohn sie ankleiden könne, ehe sie in den ihr angewiesenen Schrank ins Nebenzimmer gebracht' wurde. Von allen Seiten wurden dem kleinen Künstler Lobsprüche zutheil. Reb Rephoel rief ihn an sein Bett, kniff ihn freundlich in die Wange und sagte : „Wie heißt Du auf jüdisch, mein Kind?" „Salme Wolf!" war die schüchtern hervorgestoßene Antwort. „Er heißt nach meinem Großvater, der Friede sei mit ihm," bemerkte Reb Bär. Mordche war erst während der Vorlesung eingetreten, da er als Letzter in Schul bleiben mußte und dann erst zu seinem Frühstück ging. Mordche war ja in religiösen Dingen nicht übertrieben, wie er es nannte, aber er hielt strenge darauf, vor der Thoravorlesung

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.