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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1896-12-25 · Heft 52 (25.12.1896) · p. Seite 623

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
60 (1896)
Issue
Heft 52 (25.12.1896)
Date
1896-12-25
Page
Seite 623 (sequence 11)
Language
German
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623 nichts zu essen. Das hat er. so vor sich gesehen, und er ist zu alt, um seine Anschauungen und Gewohnheiten zu ändern. Es ist auch ganz einerlei, wann man ißt, wenn man nur etwas zu essen hat. Dafür schmeckt ihm auch der Karpfen, den ihm seine Schwiegertochter, seit er Wittwer geworden ist, regelmäßig am Sabbath Morgen vorsetzt. Ja, Gott sei gelobt und gedankt, er hat gerathene Kinder. Aber doch tonnte er ein Gefühl des Neides nicht unterdrücken, als er die Produktion des Knaben anhörte. „Du hast eine große Sechijeh,^ Reb Bür," bemerkte er mit dein Tone aufrichtiger Bewunderung. „Ich sagte es erst neulich zu meinen Leuten, als Siegfried vorige Woche Maftir leimte?) Eine große Sechije?" setzte er emphatisch hinzu. „Ich hätte zehn Jahre Leben hergegeben, wenn mein Awrom hatte lernen wollen. Es muß schon so in der Familie liegen. In Euerem Hause kenne ich jetzt ' schon fünf Geschlechter, die „lernen" können. Ich kannte Deinen Vater und Deinen Vetter Mosche, Deinen Großvater Reb Salme Wolf und Deinen Urgroßvater Reb Mandl," In Reb Rephoel regte sich der Gelehrtenstolz. „Ueber Mosche kann man sagen," bemerkte er brummend, „was unsere Weisen als Regel aufstellen: „Wo kein Verstand ist, ist keine Gelehrsamkeit," und wenn Siegfried sollte Reb Salme Wolf nachgerathen, wird auch kein großer Gelehrter aus ihm werden. Ein Stückchen Mischnajoth unb Midrasch hat er zusammenbuchstabiren können. Das war seine ganze Gelehrsamkeit." Reb Bär schwieg betroffen, denn obwohl er die Wahrheit des ausgesprochenen Urtheils anerkennen mußte, fühlte er sich von der Schroffheit der Form aufs Tiefste verletzt. Auch Mordche hörte nicht gerne den Todteu Uebles Nachreden, unb mit dem Takte, den wir oft in ungebildeten Leuten bewundern müffen, suchte er dem Gespräche eine andere Wendung zu geben. „Hast Du noch Reb Mandel gekannt?" fragte er, sich an Reb Bär wendend. Der Angeredete schüttelte stumm den Kopf. „Ist das schon so lange?" fuhr Mordche fort. „Gerade sechzig Jahre wird es am zehnten Kislew sein und ich bin zu Gutem einundfünfzig." erwiederte Reb Bür. „Merkwürdig!" sagte Mordche. „Ich denke es, als ob es gestern gewesen wäre, wie man meinen Vater gerufen hat, daß Reb Mandel im Sterben liegt. Ich denke auch noch, was der Row gesagt hat über ihn, und ich habe doch gar keinen Kopf für solche Sachen. „Menachem ist ausgezogen in den Dienst des Königs, steht in der Gemoro," hat er gesagt, „und dieser Menachem," hat er gesagt, „ist auch jetzt ansgezogen in den Dienst des Königs aller Könige, des Heiligen, gelobt sei er." Und er hat ihm einen großen „Schewach"^) nachgesagt, was er für ein frommer und gelehrter Mann war. Und geweint haben die Leute, man hätte können Schaffer.Wasser wegtragen." In Reb Rephoel regte sich wieder der Geist gelehrter Unduldsamkeit. „Ich;> habe Reb Mandel nicht gekannt," sagte er, „ich war ein Kind, wie er gestorben ist. Ich weiß nur von meinein Großvater, der mit ihm zusammen auf der Jeschiba von Reb Jonathan Eibeschütz in Prag gelernt hat, man hat schon damalsgesagt: Reb Mandel ist ein Lamden. aber er kann nichts lernen."4) Mordche saß da, wie von einem Donnerschlage gerührt, und Reb Bär hatte Mühe, *) Glück. 2) Den Prophetenabschnitt vorlas. ®) Lob. 4) So viel als: „Er hat eine große Belesenheit, aber keine Selbstständigkeit". seinen Verdruß niederzttkämpfen, indem er gelassen sagte : „Ich habe feine Bücher mit seinen Randbemerkungen und einzelne Handschriften, die er hinterlaffen hat, gelesen, aus denen man sehen kann, daß er großes Wissen und einen klaren Kopf gehabt hat." (Fortsetzung folgt.) Frtterarifche Mittheilungen. — Die jüdische Litteratur seit Abschluß des Kanons, herausgegeben von Dr. I. Winter und Professor Aug. Wünsche. -.3 Bände. Berlin 1896. M. Poppelauer. Winter und Wünsches „Jüdische Litteratur", hervorgerufen durch den Reichthum und die Größe des jüdischen Schriftthums, trägt mit zum Reichthum und zur Größe dieses Schriftthums bei. Es mar ein glücklicher Gedanke, die kaum übersehbare jüdische Litteratur dem größeren Publikum in Form einer Anthologie zugänglich zu machen, eine Form, in welcher diese Litteratur bis jetzt noch nicht behandelt worden ist. /Mer nicht nur die Form, sondern auch der Stoff ist in vielen Beziehungen ganz neu, so z. B. ist der synagogale Gesang, wie er in dieser Anthologie von Dr. A. Ackermann dargestellt wird, eine ganz neue Erscheinung auf dem Gebiete der jüdischen Litteratur. Die inneren Gründe, warum der synagogale Gesang nur rein dargestellt, nicht aber anthologisch vorgeführt worden ist, liegen auf der Hand; ebenso wenig Duldet auch die jüdische Litteratur von Moses Mendelssohn bis auf die Gegenwart, die aus der meisterhaften Feder M. Kayserlings geflossen, eine andere Behandlung; es ist jedoch nicht einzusehen, warum die jüdische Religionsphilosophie fast durchweg bearbeitet, nicht aber in den Worten der Autoren vorgeführt worden ist, -wobei natürlich gern anerkannt wird, daß die Darstellung Philipp Blo chs ganz besonders lehrreich ist. Die Herausgeber waren nichtsdestoweniger bestrebt, trotz Wahrung des Standpunktes der einzelnen Mitarbeiter dem Werke die möglichste Einheitlichkeit zu geben, und wenn man bedenkt, daß dieses große Werk in einem Zeiträume von kaum drei Jahren zu Stande gekommen ist, so wird man der redaktionellen Thätigkeit der Herausgeber alle Achtung zollen. Im Einzelnen geben wir die nachstehenden Bemerkungen zur Erwägung. In Band I, S. 93 ist Schekalim offenbar irrthümlich in Seder Seraim gerathen. Daß Joma und Succa vor Rosch Haschana zu stehen kommen, läßt sich rechtfertigen, aber zweckmäßig ist es nicht. Dagegen hätte der Auszug aus Aboth, S. 334, entschieden zur Mischna und nicht zur babylonischen Gemara gestellt werden müffen. Zu behaupten, daß im Jeruschalmi die Kontroversen der palästinischen Schulen,; <hn Babli hingegen diejenigen der babylonischen Schulen enthalten seien (S. 86, vgl. 178 u. 233), dürfte kaum auf sicherer Grundlage beruhen, denn beide Talmude enthalten Material von beiderlei Schulen. Stilistisch mangelhaft ist die Definition: „Die Sprache der Mischna ist die neuhebräische" (S. 89), denn es müßte erst gesagt werden, was man unter Neuhebräisch versteht, wobei eigentlich ein cirealus vitiosuo herauskommt, denn wir sprechen nur von einer neuhebräischen Sprache, insofern eben die Mischna so geschrieben ist. Die Buber'sche Hypothese, daß Tanchuma älter ist als Pesikta (S. 411), hätte zum Nutzen des Werkes wegbleiben können. Unverhältnißmäßig ist Pesikta sutarthi (S. 465 f.) bedacht, aus welcher 14 Stücke excerpirt sind, wo doch dieses Werk zur Rubrik Bibelexegese gehört, wohin es von Professor Bacher in der That eingereiht worden ist (II, 271). Unverständlich ist mir die Bemerkung, daß rifi'Ky nachtalmudisch ist (I, 616), siehe dagegen Sank. 7 b. Der zweite Band beginnt mit der Litteratur der geonäischen Zeit von Dr. A. Kaminla. Die Darstellung dieser Epoche bietet mannigfache Schwierigkeiten, die vom Autor nicht ganz überwunden worden sind. Historische Bemerkungen herrschen auf Kosten der litterarischen vor. Es wird mit dem Begriffe „Rabbaniten" operirt (S. 3), ohne daß der Leser über Ursprung und Bedeutung des Wortes informirt wäre. „Erwerbbezeugende Handlung" (S. 57) ist allen Jenen unverständlich, die da nicht wissen, was das talmudische „Kinjan" ist. Auf Seite 63 entschuldigt sich Dr. Kaminka in einer Nachbemerkung, daß er für Säadia in seiner Eigenschaft als Leiter einer talmudischen Hoch-

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