Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 52 (25.12.1896)
- Date
- 1896-12-25
- Page
- Seite 621 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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621 Auch hier gelang es ihm bald, durch sein liebevolles, aufrichtiges und einnehmendes Wesen die Achtung und Liebe und durch seinen Scharfsinn und sein Talent die Bewunderung der Amerikaner sich zu erwerben. Nachdem er aus den großen Schachturnieren zu New-Aork und London als Sieger hervorgegangen war, ließ er im September 1892 eine öffentliche Aufforderung an den bisher unbesiegten Schachkönig, den Amerikaner William Steinitz, ebenfalls einen Glaubensgenossen, ergehen mit der Aufforderung, einen Wettkampf um die Meisterschaft der Welt mit ihm auszufechteu, der auch im Oktober 1893 mit einem glänzenden Siege Lasters eiibete und die Krone der Schachwürde seinen Händen überlieferte. Wie bereits gesagt, ist Lasters Ruhm unterdessen noch durch seine wunderbaren Partien im Nürnberger Kampfe gestiegen, und wird es uns nicht Wunder nehmen, wenn er, der umsichtige Kämpfer, in dem jetzt stattsindenden Revanchekampf mit Steinitz in Moskau seine Würde als Schachkönig behaupten wird. Laster hat auch durch seine litterarischen Erzeugnisse in der Schachwelt sich einen Namen erworben und hat bereits vor zwei Jahren als Privatdozent an der Universität zu Oxford Vorlesungen über Mathematik gehalten, so daß in nicht zu langer Zeit eine Berufung an diese Hochschule erfolgen dürfte. So ist dieses jugendliche Genie durch eigene Kraft und Anstrengung emporgestiegrn und macht dem schon berühmten Namen und als Jude seinem deutschen Vaterlande große Ehre, indem er zeigt, daß die Deutschen auch in dieser Beziehung anderen Nationen bei Weitem überlegen sind. -II--II--Hl-II-' § FEUILLETON I 1 1i-^-n—1|-. Andere Zeiten. Eine Erzählung aus dem jüdischen Leben der jüngsten Vergangenheit, von Gotthard Deutsch. zehntes Kapitel. Der wohlerzogene Sohn. Freitag Morgen, vier Tage nach dem Unfall in der Synagoge, trat Mordche wie gewöhnlich in das Krankenzimmer seines alten' Gönners. Er fand deffen Zustand höchst bedenklich, obwohl ein anderer Laie^,, keine besonders beunruhigenden Symptome entdeckt hätte, aber Mordches geübtes Auge erkannte das Zeichen, welches der Todesengel auf die Stirne seines Opfers schreibt, ehe er es heimholt. Er hätte es freilich nicht wiffeuschaftlich^definiren können, aber er wußte es ganz untrüglich, und wenn Jemand nach Reb Rephoels Befinden fragte, so antwortete Mordche: „Man soll den Mund nicht zu Bösem aufthun, aber die Nase will mir nicht gefallen." Auch die Familie war sehr alarmirt. Max hatte seiner Schwester gesagt, daß das Uebel des Vaters ein unheilbares sei, da eine Operation, auch wenn der Kranke sich ihr unterziehen wollte, bei seinem Kräftezustande gar nicht räthlich'; wäre. .Wenn auch der jetzige Unfall vorübergehen werde, so trage der Kranke den Todeskeim in sich. So war denn Fanny mit ihrer Tochter bei dem Vater geblieben, auf den die Gegenwart der Enkelin besonders wohlthuend wirkte. Hingegen war Reb Rephoel durch den Besuch seines Schwiegersohnes sehr verstimmt worden. Dieser kam, dringliche Geschäfte - vorschützend, nur auf eine halbe Stunde, trug eine gemessene höfliche Ehrfurcht zur Schau und brachte die Bankanweisung, welche ihm der Alte geschickt hatte, zurück. Ich brauche das Geld jetzt nicht mehr unb danke Ihnen, Vater, für Ihre Freundlichkeit," sagte er mit einem so kalten Tone, daß dem Patienten jedes Wort in die Seele schnitt. An demselben Abende hatte Reb Rephoel Mordche gefragt, welche Schritte er in Bezug auf seine Entlastung aus dem Gemeindedieuste gethan habe, und als Mordche erwiederte: „Ich habe von meinem Awrom schreiben lasten, sie sollen sich nach einem anderen Schammes Umsehen; ich will zu „ihrem" Neujahr abtreten," da sagte Reb Rephoel: „Du hast recht gethan. Du thust Deinen Kindern und Dir einen Gefallen." Am Freitag Morgen nun, als Mordche wie gewöhnlich..nach denr Morgengottesdienst in die Krankenstube trat, sagte Reb Rephoel mit einem tiefen Seufzer: „Heute ist die Jahrzeit des Rebbe, das Andenken des Gerechten sei gesegnet. Es ist gerade so wie damals. An einem Freitag ist er gestorben. Simchath Thora hat er sich noch zur Thora rufen lassen; vier Tage später ist er gestorben. Ich habe noch alle Jahre seine Jahrzeit gehalten, aber mein Kopf ist zu schwach. Ich habe ein Mischnajoß zur Hand genommen, aber ich bin zu zerstreut, ich weiß nicht, was ich lese." Mordche bemerkte tröstend: „Was nicht sein kann, kann nicht sein. Nächstes Jahr werdet Ihr, so Gott will, statt eines PereN) zwei lernen." „So Gott will!" wiederholte der Kranke mit schlecht unterdrücktem Schluchzen. Mordche wurde unruhig. Reb Rephoel war keine so weiche Natur. Wenn sich bei ihm eine solche Rührung zeigte, hatte das etwas zu bedeuten. Dieser Gedanke griff ihn so sehr an, daß er beim besten Willen, ein Gespräch zu beginnen, das den Kranken zerstreuen sollte, nichts vorzubriugen wußte. Eine lauge Pause trat ein. Endlich bemerkte Reb Rephoel: „In acht Tagen ist Dedens Jahrzeit. Wenn ich nicht sollte in Schul gehen können, will ich doch zu Hause Minjan machen. . Es ist schon eine lange, lange Zeit!" setzte er nachdenklich hinzu. In Jahrzeit-Angelegenheiten war Mordche Autorität. Er wufe,. ganz genau, welche Erinnerungstage jedes Mitglied der Gemeinde hielt, und wenn es der Todestag eines früh verstorbenen Kindes war. Er ließ Niemanden vergessen, und wenn Jemand im Datum irrte und, wie das oft der Fall ist, doch Recht haben wollte, sagte Mordche ganz gelassen: „Seht es nur gu Hause nach", und er behielt immer Recht. Auch in allen Fragen, welche den Trauerritus betreffen, war Mordche unbestrittene Autorität. Welchen Einfluß ein Feiertag oder Halbfeiertag auf die Trauer habe, wann sie endige oder zu unterbrechen sei, wann das Bartrasiren, Stubenwaschen, Plätten u. s. w. gestattet sei, wußte Niemand besser als Mordche, der Rabbiner nicht ausgenommen, der in den Augen des Publikums viel von seiner Autorität dadurch eingebüßt hatte. „Nehmt mir es nicht übel, Reb Rephoel, aber das ist ein Jrrthum," bemerkte Mordche sofort. „Ihr habt Jahrzeit am dritten Kislew. Das wird von Morgen in fünf Wochen sein, an einem Schabbes. Jetzt haben wir ja erst Cheschwan." „Wie Du das nur alles so im Kopf haben kannst!" bemerkte Reb Rephoel mit aufrichtigem Erstaunen. „Ich denke, das kommt daher, weil in dem Kopf nie etwas Befferes war," erwiederte Mordche mit naiver Aufrichtigkeit. „Es ist doch merkwürdig," sagte Reb Rephoel nach einer Panse, daß ich mich so irren konnte. Ich denke, das kommt daher, daß i) Kapitel.