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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1896-12-25 · Heft 52 (25.12.1896) · p. Seite 620

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
60 (1896)
Issue
Heft 52 (25.12.1896)
Date
1896-12-25
Page
Seite 620 (sequence 8)
Language
German
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620 bestritt ich doch^die unwahrscheinliche Ansicht, für die mir kein hin-? reichender Grund, kein politisches Motiv vorzuliegen schien. Trotzdem behauptete Laffalle seine Meinung mit dem ihm eigenen schauspielerischen Pathos und mit einem solchen Aufwand seiner blendenden Beredtsamkeit, daß sich die Mehrzahl der Anwesenden und auG Varnhagen von ihm täuschen und imponiren ließen. Einige Zeit darauf sah ich Lassalle in der philosophischen Gesellschaft, in der er die Festrede zur Gedächtnisfeier Fichtes hielt. Er sprach länger als vier Stunden hinter einander über seinen Gegenstand mit bewunderungswürdigem Geist und noch bewunderungswürdigerer Ausdauer. Obgleich sein Vortrag höchst interestant und glänzend, war, so verloren doch zuletzt die Zuhörer, unter denen sich die ersten Nolabilitäten in Kunst und Wissenschaft befanden, die Geduld, dasie mit hungrigem Magen das mit der Feier verbundene Diner sehnlichst erwarteten. Nachdem Laffalle bereits länger als drei Stunden gesprochen hatte, ließ ein leises Murmeln erkennen, daß sie. das Ende seiner Rede herbeiwünschten. Als er sich aber keineswegs daran kehrte und in seinem Thema ruhig fortfuhr, wurde das nervöse Geräusch immer lauter und stärker. Hier und da ließ sich der Ruf „Schluß!" deutlich vernehmen. Auch jetzt begnügte sich Laffalle nur damit, den ungeduldigen Zuhörern einen verächtlichen Blick zuzuschleudern, ohne ihr dringendes Verlangen zu beachten, Die durch sein Benehmen entrüstete Gesellschaft erhob einen betäubendem Lärm, dem der Redner mit einer wahrhaft kühnen Kaltblütigkeit Trotz bot. Obgleich er vor Aufregung innerlich zitterte, verrieth kein Blick, keine Miene seine tiefe Bewegung; nur ein höhnisches Lächeln spielte um die ironisch verzogenen Lippen, Mit auf der Brust gekreuzten Armen ftcmfc er, bleich wie ein Marmorbild, auf der Redner-, bühne, die Versammlung mit herausfordernden Blicken messend.. Selbst als der größere Theil derselben den Saal verließ, sprach er., noch immer in demselben ruhigen Ton fort, bis er seine Rede schloß, ohne den Zurückbleibeuden ein Wort der Entschuldigung oder des Dankes zu schenken. Zum letzten Mal begegnete ich Laffalle im Viktoria-Theater, wo er durch sein brüskes Benehmen einen äußerst unangenehmen Skandal provozirte. Er erschien daselbst in Begleitung der mit ihm befreundeten Schriftstellerin Ludmilla Assing, der Nichte Baruhagens, und. der Gräfin Hatzfeld, welche sich durch ihre auffallende Figur und Toilette bemerklich machte, so spät in einer Vorstellung der italienischen Oper, daß er, um 511 seinem Platz zu gelangen, die bereits sitzenden,. Zuschauer in ihrem Genuß störte 1111b empfindlich inkomm odirte.^ Als aber einer der betheiligten Herren nicht sogleich aufstand, um die korpulente, durch ihre Krinoline noch verstärkte Gräfin durchzulaffen,. stieß Laffalle den Zögernden unsanft an und mahnte ihn mit beleidigenden Worten, den Damen Platz zu machen, was dieser sich nichts gefallen ließ. Das durch den lauten Streit gestörte Publikum nahm für den beleidigten Herrn Partei und forderte die Entfernung^ Laffalles mit Ungestüm. Mit seiner gewohnten herausfordernden^ Keckheit bog sich dieser über die Brüstung des ersten Ranges und warf einen verächtlichen Blick auf die aufgebrachte Menge, welche, dadurch nur noch mehr erbittert wurde, aber sich nach und nach wieder beruhigte.; Als aber Laffalle im Zwischenakt die Unvorsichtigkeit beging, mit seinen Damen in dem an das Theater stoßenden Garten zu promenireu und sich laut über das Publikum noch lustig zu machen, wurde er öffentlich von mehreren Herren angegriffen und insultirt.; Die Erbitterung gegen ihn war so groß, daß er in wirkliche Gefahr gerieth, förmlich gelyncht zu werden. Nur die Rücksicht auf die ihn. begleitenden Damen bewogen mich, ihn vor der ihm zugedachten Züchtigung zu bewahren. Endlich gelang es auch dem von mir herbeigerufenen Direktor Rudolf Cerf mit großer Mühe,, den Bedrängten aus den Händen seiner Gegner zu befreien und ihn mit den beiden Damen durch die unterirdische Versenkung des Theaters glücklich.zu entfernen. Auch bei dieser traurigen Gelegenheit zeigte Laffalle der wüthenden Menge gegenüber einen anerkennenswerthen, fast an Tollkühnheit grenzenden Muth, der einer besseren Sache würdig gewesen wäre; aber sein Muth erschien mir mehr künstlich als natürlich, mehr eine Folge der Ueberlegung als des Charakters. — Merkwürdigerweise hörte ich an jenem. skandalösen Abend mehrfach die Aeußerung: „Der stirbt keines natürlichen Todes." — In der That überstiegen bei dieser Gelegenheit der Haß und die Wuth des Publikums alle Grenzen. Ich sah selbst gebildete Männer so empört über das herausfordernde übermüthige Benehmen Laffalles an jenem Theaterabend, daß sie ihm eine tüchtige Züchtigung von Herzen gönnten. Einige Jahre darauf fand infolge seines Verhältniffes zu der bekannten Dönniges das unglückliche Duell mit dem Herrn von Rakowitz statt, in welchem Laffalle von seinem Gegner erschossen wurde. Es war eine Art Nemesis, daß dieser geniale, aber leider exzentrische und maßlos eitle Mann nicht für eine große Idee, sondern in einem erbärmlichen, frivolen Liebeshandel so zeitig sterben mußte, vielleicht zu seinem Glück, da er unmöglich die seiner Partei gemachten Versprechungen erfüllen konnte und zweifellos einen geistigen und moralischen Bankerott erleiden mußte, wenn ihn nicht die verhängnißvolle Kugel getroffen hätte. Der Schachkönig Lasker. Von Julius Winter. f er Name „Laster" ist in unserem Jahrhundert ein viel genannter. Wer erinnert sich beim Nennen dieses Namens nicht an den Mann, der vermöge seiner hohen Begabung und seines Rednertalentes ein Kämpe für das Recht des Jndenthums und des deutschen Volkes gewesen ist und der sich infolgedessen ein bleibendes Denkmal errichtet hat? Gerade in den letzten Jahren wurde dieser Name wiederholt mit Freude genannt, zumal als Emanuel Laster, ein entfernt Verwandter des ehemaligen Abgeordneten, aus dem internationalen Schachturnier in Nürnberg als glänzender Sieger hervorging. Es dürfte daher bei dieser Gelegenheit von Interesse sein, einige Daten über das bisherige Leben des „Schachkönigs" anzuführen. Emanuel Lasker wurde am 6. November 1868 als zweiter Sohn des jüdischen Predigers imb Lehrers M. Lasker zu Berlinchen geboren. Schon früh entwickelte der junge Emanuel eine seltene Auffassungsgabe, besuchte die Gymnasien zu Berlin und Landsberg und zeichnete sich dort durch seine scharfe Denkungsweise vor seinen Altersgenossen aus. Nachdem er mit 17 Jahren das Gymnasium glänzend absolvirt hatte, bezog er die Universität Berlin, wo er sich dem Studium der Mathematik und Philosophie widmete. In diese Zeit fallen seine ersten Studien im Schachspiel, wofür er das regste Interesse entwickelte und worin er bald seinen Lehrmeister und Bruder Dr. Berthold Lasker übertraf. In kurzer Zeit erlangte er darin eine solche Fertigkeit, daß er bald als der Gefeiertste der deutschen Schachspieler dastand und viele bisherige Größen mit Leichtigkeit besiegte. Der Ruf von seiner Geschicklichkeit und Ausdauer im Schachspiel drang auch bis ln die neue Welt, so daß er einige Jahre darauf zum Vorsitzenden des größten Schachklubs der Welt, des Manhattan Cheß Klub, nach New-Aork berufen wurde.

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