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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1896-12-25 · Heft 52 (25.12.1896) · p. Seite 619

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
60 (1896)
Issue
Heft 52 (25.12.1896)
Date
1896-12-25
Page
Seite 619 (sequence 7)
Language
German
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sich nicht den geringsten Komfort. Auf die Vorstellungen eines Freundes, daß sie: sich doch auch einmal ein Vergnügen machen sollten, erwiederte der Aeltere: „Wenn ich nur ein Vergnügen machen will, brauche ich kein Geld auszugeben; ich esse .nur zwei Stunden später als sonst, und wenn ich recht hungrig bin, habe ich dann ein großes Vergnügen, das mich nichts kostet." Diese Brüder hingen mit zärtlicher Liebe an einander und noch mehr an ihrer Mutter, deren klugen Nathschlägen sie zum. größten Theil ihr Vermögen verdankten. Durch ihr Testament, welches seinerzeit viel besprochen und von den enttäuschten Verwandten angefochten wurde, erwarben sie sich eingroßes Verdienst um die Stadt, besonders um i^re jübif^en ©lauben^senonen- Wichtiger und bedeutender als diese mehr oder weniger interessanten Originale war ein berühmtes Breslauer Stadtkind: der vielbesprochene, bald übermäßig vergötterte, bald ungerecht verdammte sozialistische Agitator Ferdinand Lassalle, mit dem mich der Zufall zu verschiedenen Zeiten und unter verschiedenen Umständen zusammenführte. Als ich ihn zuerst sah, war er Gymnasiast, ich Student und Hauslehrer in einer reichen, gebildeten Kaufmannsfamilie. Der älteste Sohn derselben, ein talentvoller Sekundaner, war mit Ferdinand befreundet, der in meiner Erinnerung als ein frühreifer, hoch aufgeschossener, bleicher Jüngling lebt, mit wirren bloMeu Locken und feurig blauen, glänzenden Augen.- Das Schicksal wollte, daß die Freunde sich entzweiten, und zwar, wie ich nachträglich erfuhr, wegen eines schönen Mädchens, in das sich Beide in der Tanzstunde sterblich verliebten. Die Folge war ein heftiger Streit, der mit einer förmlichen Herausforderung von Seiten Lassalles endete. Da der betreffende Brief an meinen Zögling in meine Hände kam, so hielt ich es für meine Pflicht, dem Vater die Sache mitzutheilen, uni bic unreifen Burschen an der Ausführung , dieses thörichten Duells zu hindern. Weil auch die beiden Eltern der kampflustigen Sekundaner mit-einander befreundet waren, so begaben wir uns zu dem Vater Laffalles, einem wohlhabenden Manufakturisten, damit derselbe seinem Sohn ebenfalls den Kopf waschen sollte. Ich werde nie. den trotzigen Hochmuth vergessen, mit welchem der damals fünfzehnjährige Ferdinand sich jede Einmischung in seine Angelegenheiten verbat und selbst gegen die väterliche Autorität sich auflehnte. Erst nach langen heftigen Verhandlungen, wobei er schon damals eine bewunderungswürdige Rednergabe entwickelte, ließ er sich das Versprechen entreißen, von seinem blutigen Vorhaben abzustehen. Dieselbe Energie zeigte er auch später, als er gegen den Willen seines Vaters die Handelsschule in Leipzig mit der Universität unter großen Entbehrungen von seiner Seite vertauschte. Einige Jahre nach diesem Ereignisse sah ich Lassalle in Berlin wieder, wo er als Student bereits durch seinen Geist Aufsehen erregte und selbst Männer wie Alexander von Humboldt und Böckh für sich zu interessiren wußte. Allerdings behaupten seine Gegner, an denen es ihm schon, damals nicht fehlte, daß er sich für die Unterhaltung mit diesen berühmten Gelehrten förmlich aus ihren Schriften vorbereitete und geschickt ihre kleinen Schwächen und Eitelkeiten zu benutzen verstanden hahe. Damals traf ich mit Lassalle öfters in der Wohnung des Dr. Arnold Mendelssohn zusammen, da ich.mit ihm und unserem gemeinschaftlichen Freunde Traube in demselben Hause wohnte. Mendelssohn selbst, ein Neffe des bekannten Bankiers, zeichnete sich durch Talent und gediegene Studien aus. Als eifriger Mediziner beschäftigte er sich mit wiffenschaftlichen Untersuchungen des Nervus vagus und dessen Einfluß auf die Respiration und den.. Blutumlauf, woran sich auch Traube betheiligte. Später veröffentlichte er ein Buch über die Resultate seiner Forschungen, das von den Sachverständigen mit vielem Beifall ausgenommen wurde und. den Verfasser zu den schönsten Hoffnungen berechtigte. Umsomehr mußte es überraschen, daß. der fleißige, strebsame und nichts weniger als abenteuerliche Mendelssohn, den vermöge seiner -Aegabung und seiner einflußreichen Verbindung eine glänzende akademische Laufbahn und eine einträgliche Praxis erwarteten, sich von Lassalle überreden ließ, im Verein mit dem Asseffor Oppenheim wn dem berüchtigten Kaffetten-Diebstahl zu Gunsten der Gräfin Hatzfeld Theil zu nehmen, wodurch alle seine brillanten Aussichten vernichtet wurden. In der That übte der um mehrere Jahre jüngere' Lassalle einen dämonischen Einfluß und verführerischen Zauber aufseine Freunde aus, wovon ich öfters Zeuge war. Mendelssohn schwärmte ...für den geistvollen Ferdinand Und folgte blindlings dessen gefährlichen Nathschlägen, trotzdem er vielfach vor ihm von Traube gewarnt ..worden war. In dem ein großes Aufsehen erregenden Prozeß gegen die Schuldigen wurde Oppenheim von den rheinischen Geschworenen .freigesprochen, dagegen Mendelssohn, der die entwendete Kassette der Baronin von Meyendorf mit den darin enthaltenen skandalösen .zBriefen an sich genommen und verwahrt hatte, zu einer entehrenden mehrjährigen Gesängnißstrafe verurtheilt. Auf Verwendung seiner angesehenen Familie und auf die Fürsprache Alexanders v. Humboldt wurde er jedoch unter der Bedingung begnadigt, daß er auswandere. . Er ging nach dem Orient, wo der so reich begabte, hoffnungsvolle;<Mann schon nach kurzer Zeit wahrscheinlich infolge seiner aufreibenden Seelenkämpfe starb. — Da ich den unglücklichen Mendelssohn persönlich kannte und den innigsten Antheil an seinem, traurigen Schicksal nahm, so fühlte ich mich veranlaßt, das auch in sozialer Hinsicht höchst interessante Ereigniß, mit dessen Einzelheiten ich ganz vertraut war, nach mehreren ^Jahren in novellistischer Form zu behandeln. Obgleich ich in meiner. Novelle , „die Chambregarnisten" alle jpersönlichen Anspielungen /vermieden und mich lediglich auf die allgemein bekannte Thatsache des izKaflettendiebstahls beschränkt hatte, außerdem eine lange Zeit seit der .Veröffentlichung meiner Erzählung verstrichen war, fand, sich Lassalle /bei seiner Uebersiedelnng nach Berlin bewogen, nachträglich noch .von mir eine Erklärung zu fordern. Zu diesem Behufe schickte er einen seiner Freunde au mich ab, mit dem Verlangen, ihm schriftlich zu bezeugen, daß ich mit den von mir in der Novelle geschilderten Personen weder ihn noch die Gräfin Hatzfeld gemeint habe. Da ich ein solches Ansinnen zurückwies und mich ans die Freiheit des Dichters - "berief, einen gegebenen Stoff poetisch benutzen und in angemessener Weise verwenden zu dürfen, zugleich auch jede persönliche Beleidigung in Abrede stellte, so entfernte sich der Freund Lassalles mit der Drohung, daß auf meine Weigerung, die gewünschte Erklärung abzugeben, sein Auftraggeber entschloffen sei, sich eine anderweitige Satisfaktion zu verschaffen. Demgemäß erwartete ich in den nächsten Tagen eine Herausforderung oder einen öffentlichen Skandal, wie ihn Lassalle erst vor Kurzem bei einer anderen Gelegenheit verübt hatte, was mir um so unangenehmer war, als wir beide einst in dem Hause Barnhagens verkehrten, wo wir früher oder später uothwendigerweise Zusammentreffen mußten. Dieser Fall trat auch bald ein, ohne daß sich meine ./Befürchtungen bestätigten. Zwar warf mir Lassalle bei seinem Eintritt wüthende Blicke zu, aber von unserem Streit war nicht die Rede, obgleich wir im Verlauf der Unterhaltung mehrere Male hart an einander geriethen, indem Laffalle über die eben angelangte Nach- .. richt von dem Tode des Generals Cavaignac sich dahin äußerte, daß nicht ein unglücklicher Zufall, sondern die Mörderhand Napoleons den ihm im Wege stehenden Nebenbuhler beseitigt habe. So wenig ich auch ein Freund des mir . verhaßten französischen Kaisers war so,

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