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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1896-12-25 · Heft 52 (25.12.1896) · p. Seite 618

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
60 (1896)
Issue
Heft 52 (25.12.1896)
Date
1896-12-25
Page
Seite 618 (sequence 6)
Language
German
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heit und Liebe in der Welt geboren. — Vor den Augen des Mannes und' Weibes/ vor den Augen des Menschen lag das Paradies.' Durch einen dritten Akt wird die Szene in ein Trauerspiel verwandelt, dessen Urheber die Schlange ist. — Das Weib hat sich von dem Manne getrennt. An das vom Denken gelöste, ins-Unendliche, 'schweifende Gefühl kriecht die Schlange des. Zweifels heran, vergiftet dann auch das Denken und bringt es um seinen Frieden. Statt die schöne Wirklichkeit durch Liebe zu verklären, irrt der Mensch,' ' vvn den Furien des Zweifels gehetzt, in die Einöde." Die Einheit des Denkens und Fühlens ist dahin, das Paradies ist verloren. Der /Zweifel läßt den Menschen nicht ruhen, wenn er reflektirend nach dein Werth der Erscheinungen forscht. Pessimismus (Kain) und Optimismus (Abel) sind die Früchte der Reflexion, die Kinder der Menschen. „Der Erstere tödtet seinen arglosen Bruder, ihm aber dem Unstäten, dem das Leben eine Last, bleibt die Erlösung, das -Sterben versagt," „Gott hatte es sich Vorbehalten, über Werth und Unwerth zq entscheiden. Nun streckt der Mensch die Hand aus nach dem Apfel des Wissens von Gut und Böse, und damit brachte er sich um den Frieden des ästhetischen Genusses. Er blieb ein Mensch Und lud sich Gottessorgen auf." So bildet der instinktiv philosophische Geist des alten Volkes den Menschen in drei Phasen: Der Verstand schien das wichtigste -vom Thier unterscheidende Merkmal, repräsentirt im Manne. Liebe, Aesthetik, Kunst, symbolisirt im Weibe, beide zusammen geben den ganzen Menschen. Ws Drittes kommt die Gabe der Reflexion, vom Herzen gefordert, vom Kopf ergriffen. So reich an dreierlei Gütern, tritt der Mensch noch jetzt in die .Welt. Im Wissensdrang bemächtigt sich der Verstand der ihn umgebenden Wirklichkeit, allmälig eröffnet sich das Herz dem Zauber des Schönen. Das Ende ist die Reflektion über den Werth des Lebens. „Doch Jeder, dem ein guter Gott vergönnt hat, im liebenden Anschauen vor der Schönheit der Welt zu verweilen, ohne Einmischung quälender Reflexion sich in das holde Reich verwandter Formen, Farben und Töne zu versenken, der wird es ... nachfühlen, -daß sie wahrhaft paradiesisch waren, diese Stunden diesseits von Gut und Böse." Wir fügen diesem kurzen Auszuge nichts hinzu. Wir beabsichtigen nur, auf den Aufsatz des Dr. Max Dreßler aufmerksam zu machen, damit sich auch. Andere an der geistreichen Arbeit erfreuen. Did Kritik findet sich dann wohl von selbst. Aus meinen Lebens-Erinnerungen. Von Max Ring. V. u meinen Breslauer Bekannten gehörte auch der Direktor der Oberschlesischen Eisenbahn, Friedrich Lewald, an, deffen Bild seine bekannte Nichte Fanny Lewald in ihrer Lebensgeschichie mit liebevoller Hand gezeichnet hat. - Wie Mosewius,, war auch er in Königsberg geboren und nur aus Rücksicht auf die Familie seiner ersten Frau nach Schlesien gekommen, wo er in angenehmen unabhängigen Verhältnissen anfänglich als Privatmann lebte und sich hauptsächlich mit national-ökonomischen und Handelspolitischeü Studien beschäftigte. Nachdem er eine Anstellung unter dem Finanzmmister Maßen abgelehnt, widmete er sich mit großem Eifer den städtischen Auglegenheiten, bis er indie Verwaltung der in erster Linie von ihm ins Leben gerufenen Oberschlesischen Eisenbahn als Direktor trat. Mit einem scharfen- -Praktischen Verstände, feiner Bildung und gediegeneil Fachkenntnissen verband Lewald einen schlagfertigen Witz und satyrische Laune. Seine günstigen Vermögensverhältnisse und unabhängige Stellung gestatteten ihm> ein großes gastfreies Haus zu machen und mit seinen Freunden Hoffmann von Fallersleben, deill Historiker Stenzel, dem Physiker Frankenheim, den praktischen Aerzten Guttentag, Simson und Kalkstein, den-Schriftstellern Kahlert und Epstein einen interessanten Kreis zu bilden, in welchem die neuesten, politischen und litterarischen Erscheinungen freisinnig besprochen wurden. Durch seine gesellschaftliche Stellung, seine vielfachen bedeutenden Verbindungen und durch seine stattliche, interessante Persönlichkeit übte Lewald nicht nur auf seine'nächste Umgebung einen großen Einfluß aus: er war ebenso geachtet wegen seiner Tüchtigkeit, als gefürchtet wegen seines scharfen Witzes und seiner Ironie, die selbst seine nächsten Freunde nicht verschonte.' So erzählte man von ihm, daß e-r die Betheiligung an einer Sammlung für einen seiner verstorbenen Freunde, um die Schulden desselben zu bezahlen, mit den Worten abgelehnt habe : „Unter keiner Bedingling! Das heißt gegen den Willen und Geist des Todten handeln, wenn wir seine Schulden bezahlen." Ein nicht minder interessantes Original war der alte Sanitätsrath Guttentag. einer der vorzüglichsten und gesuchtesten Aerzte Breslaus, ein ebenso bedeutender Mediziner als gelehrter Philologe von universeller Bildung. Als junger Mann hatte er mit manchen Hindernissen utib. Anfeindungen von Seiten seiner älteren Kollegen zu kümvfen. Einer der Letzteren, der Doktor Sessa, ging in seinem Haß sogar so weit, die unter dem Titel „Unser Verkehr" bekannte Posse zu schreiben und Guttentag als „Jsidorus Morgenländer" auf die Bühne zu bringen. Das elende Machwerk, dem eine wahre Begebenheit zu Grunde liegen soll, machte durch die Darstellung des damit herumreisenden Schauspielers Wurm ein unverdientes Aufsehen und gab seiner Zeit Veranlassung zu einer traurigen Jüdenhetze. Trotz all' dieser Anfechtungen und Vornrtheile erwarb sich Guttentag bald einen hochgeachteten Namen und eine bedeutende Praxis, die er ebenso sehr seinem ärztlichen Scharfblick, wie seiner seltenen Humanität verdankte. In späteren Jahren genoß der „alte Guttentag", wie er allgemein genannt wurde, eine ungemeine Popularität bei Christen und Juden, Vornehmen und Geringen, Reichen und Armen, die er alle mit derselben Liebe imd Sorgfalt, aber auch mit derselben Grobheit behandelte, hinter der sich seine Gutmüthigkeit verbarg. Vom frühen Morgen bis zum späten Abend sah man den kleinen originellen Arzt von einem Patienten zum anderen umherwandern. ohne Rücksicht auf sein Alter und -seine eigene Gesundheit' zu nehmen. So begegnete ich ihm einstFM Mitternacht im Sturm und Regen, als er von einem drei Treppen hoch wohnenden armen Kranken kam. Verwundert fragte ich ihn, was er bei einem solchen Unwetter so spät noch zu thun habe, worauf er mir sagte: „Ich alter Esel hatte den Patienten ganz, vergessen, aber ich konnte nicht einschlafen, weil mir der Kerl keine Ruhe ließ. Ich versuchte zu schlummerli und schloß die Augen, aber das half nichts. Ich drehte mich auf die andere Seite, aber der Mensch stand immer vor mir und sah mich mit vorwurfsvollen Blicken an. Zuletzt riß. mir die Geduld, ich stand auf, zog mich an und ging in dem Hundewetter fort, nur um den verfluchten Kerl los zu werden." Ein merkwürdiges. Brüderpaar,, die beiden Herren Fränkel, hinterließen mehr als eine Million Thaler zu wohltätigen Zwecken und für milde Stiftungen. Trotz ihres großen Vermögens führten sie ein höchst bescheidenes Junggesellenleben und gönnten

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