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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1896-12-25 · Heft 52 (25.12.1896) · p. Seite 617

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
60 (1896)
Issue
Heft 52 (25.12.1896)
Date
1896-12-25
Page
Seite 617 (sequence 5)
Language
German
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Are Schöpfung des Merkes. Bon Dr. W. Herzberg. y^nter bem Titel: die Schöpfung des Weibes, gab Dr. med. Max Dreßler (Karlsruhe) in einem der letzten Hefte der Preußischen Jahrbücher eine geistreiche Deutung der biblischen Menschenschöpfung, welche auch unsere Leser interessiren dürfte. „Da ließ Gott der Herr einen tiefen Schlaf auf den Menschen fallen, und er schlief ein, und er nahm eine seiner Rippen und schloß es mit Fleisch darunter zu. Und Gott der Herr baute aus der Rippe, welche er von dem Menschen genommen hatte, ein Weib." Wunderbarer Vorgang, meint das Kind und glaubt ihn, — Unsinn, ruft der Student wegwerfend, — wunderbar, denkt auch der Mann wie das Kind. Aber er glaubt nicht, er wirft auch nicht weg; er denkt darüber nach. Wie kommt ein Volk zu dieser seltsamen Anschauung? Warum schafft Gott nicht Mann und Weib gleichzeitig, sondern erst den Mann als einzelnen Menschen und geraume Zeit nachher das Weib zu seiner Gehilfin? Hat er doch vorher die gesammte Thierwelt paarweise entstehen laffen, und nun im letzten Schöpsungsakt, beim Menschen, verläßt er das gewohnte Prinzip, schafft einen einzelnen Menschen, giebt ihm verschiedene Rathschläge, was er zu thun, was zu laffen habe. Dann findet er nicht gut, daß der Mensch allein sei und schafft ihm auf so seltsame Weise ein Weib. — Was bedeutet dies? In den Werken der Urmenschen liegt ein Stück Natur vor unssie erzählen uns, wie die Blume, der Wald, die ziehenden Wolken erzählen. Symbole werden uns gegeben; versuchen wir, sie zu deuten. Kapitel 2, Vers 7 heißt es: „Und Gott, der Herr, bildete den Menschen aus Staub von der Erde,- und er blies Lebensodem in seine Nase, und also warv der Mensch eine lebendige Seele." .Der Mensch ist also lebensfähig, und er denkt, und worin äußert sich dieses Denken? „Er brachte die Thiere zu dem Menschen, um zu sehen, wie er sie nennen würde." Der Mensch theilt mit allen' Thieren die irdische Abkunft, aber durch Einblasen des göttlichen Odems wird er eine lebendige Seele. — Was thut diese Seele? Sie schaut die sie umgebende Welt an und giebt ihr Namen. — „Sie staunt nicht über die Fülle der prächtigen Erscheinungen, sie freut sich nicht über die Schönheit des reichbesetzten Gartens, sie fühlt den Gott nicht, dessen Stimme sie hört. Andacht durchschauert sie nicht, Demuth beugt sie nicht nieder, Jubel erfüllt sie nicht, — nein, sie giebt dem Thierreich Namen." Dies ist die Thätigkeit des Verstandes. Der Verstand ordnet und trennt, stellt Gleiches zu Gleichem, er braucht Systeme. Die Thätigkeit der lebendigen Seele ist logisches Denken. Die Logik hat ihr Gebiet in der gegebenen Wirklichkeit, darüber kann sie nicht hinaus. Das Verbot, nach Erkermtniß von Gut und Böse zu streben, berührt sie nicht, — „man könnte ebenso gut einem Blinden verbieten, ins Blaue zu sehen". — „Der Mann hätte von sich aus allein niemals in den verhängnißvollen Apfel gebissen, aber Verdienst war dabei keines, denn was für ein Mann war das auch? Ein lebensfähiger Organismus und reiner Verstand geben noch keinen Menschen, es muß eine neue Sphäre seinem Wesen gleichsam zur Hilfe hinzugeschaffen werden." Aus der Brust, dem Sitz des Herzens, entsteht das Weib, — der kalte Werstand schläft bei dieser Schöpfung. Als er aufwacht, erinnert er sich sogleich seiner Pflicht und benennt sie — „Männin", — aber dies ist kein bloßes Nennen mehr, es ist ein Ruf freudiger Ueberraschung. „Das bin doch Ich!" Was unbewußt in seinem Innern schlummerte, ist zur lebendigen Erscheinung geworden. Aber nicht als, fremdes Objekt seines logischen Denkens steht das Weib vor ihm. Er hatte bisher nur das beschränkt egoistische Gefühl gekannt. Sein einziger Zweck war die^Selbsterhaltung. Er fühlte nur sich selbst, er fühlte nicht mit der Welt. Darum war der Mensch allein, und das war nicht gut. Nun hat sich mit einem Schlage Alles geändert. Eine Frau ist entstanden, der er sich liebend anschließt. Das Jch-Gefühl hat sich erweitert, ist auf ein anderes gegenständliches Wesen übergegangen. - Mit der Schöpfung des Weibes tritt der logischen Betrachtung die ästhetische Anschauung der Welt zur Seite. Der Egoismus hört auf, die Liebe beginnt. Liebe ist die Fähigkeit, sich im All und das All in sich zu fühlen, nicht im gewöhnlichen Sinn als Affekt, der zum sogenannten Sündenfall führt. Adam fällt ja gar nicht, er steigt- Gott sagt von ihm: „Siehe, Adam ist geworden wie unser Einer." Freilich ist er dadurch dem Tode verfallen; dies ist aber nur ein symbolischer Ausdruck für das Ende der paradiesischen Unschuld. Das Weib ist für den Menschen Welt und Ich. Durch ihre geheimnißvolle Doppelnatur stellt sie das fehlende Band zwischen Welt und Mensch her. Zum ersten Mal empfindet der Mensch sich selbst im äußeren Gegenstand. Nicht Sinne und Verstand allein haben jetzt ein äußeres Objekt in der Wirklichkeit, auch das Unbewußte, das Gefühl hat eine Objektivirung erfahren, ist sicht- und greifbar geworden. Der Mensch fühlt anschauend, das ist das Wesen der Weibschöpfung. Das Weib ist für den Mann halb Ich und halbdie- Welt, und durch sie ergreift er die Welt mit seinem Gefühl. Diese Natur, die vordem nur ein Rechenexempel für den kalten, einsamen Verstand gewesen, rückt nun dem Herzen des Mannes nahe, jetzt ist er nicht mehr allein in der Schöpfung; durch die Bande des Gefühls hinein gezogen, wird er zum lebendigen Theil des Alls. „Jetzt erkennen wir, was für ein Wesen der erste Mensch -tyar, ehe die Schöpfung des Weiblichen ihn zum ganzen Menschen machte." Reine Mathematik. Was macht der Verstand aus der Welt, und was kann er schließlich aus ihr machen? In seiner Arbeit, die Außenwelt naturwissenschaftlich zu sichten, kommt er zuletzt bei der Molekularbewegung an. Die Außenwelt löst sich in ein Gewirr von Schwingungen kleinster Theile, verschieden nach Größe und Dauer, und auf die gleiche Zeiteinheit berechnet ist es schließlich nur die Schwingungsgröße, die alle Unterschiede in der wahrgenommenen Welt ausmacht. Da den schwingenden kleinsten Theilen auch keine Realität zuertheilt werden kann, so bleibt als letzte Bestimmung der Außenwelt die Schwingungsgröße, und da auch diese keine reale Bedeutung hat, so finden wir als letztes Kennzeichen der Wirklichkeit nur das Verhältniß der einzelnen Schwingungsgrößen zu einander, das heißt einen Bruch. Möglich, daß es Menschen giebt, welche die Auflösung der Welt in ein Zahlenverhältniß befriedigt, für andere geht aber diese Rechnung nicht ohne Rest auf, und dieser Rest heißt „Weib". 'Wären wir auf dem ersten Zustand der Menschschöpfung stehen geblieben, so könnten wir als fleißige Schüler mit unserem Rechenheft vor Gott treten und sagen: „Hier hast du die letzten Namen, die der Verstand uns gestattet, den'Dingen zu geben, wir sind zu Ende." Aber durch das Weib haben wir die Fähigkeit der ästhetischen AnschauMgsweise, die, einmal geboren, ihre Netze um die weite Welt zieht; was früher nur ein Objekt verständigen Anschauens war, wird nun Gegenstand des allumschlingenden Gefühls. Nein, jetzt ist der Mensch nicht mehr allein, — was er sieht, hört und betastet, in Allem'fühlt er sich selber lebendig. „Als dem kühlen, einsamen Verstand das Weib zur Gehilfin gegeben wurde, da klang zum ersten Mal durch die Schöpfung das frohe Wort : O, meine Welt, wie bist du schön!" Mit dem Weib wurde Schön?

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