Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 52 (25.12.1896)
- Date
- 1896-12-25
- Page
- Seite 616 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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616 Dann giebt es hier ungefähr 15. palästinensische Juden (Aschkenazim), die aus Polen stammen; sie sind aus Saffed, Liberias oder Jerusalem resp. Jaffa herübergekommen. Schließlich noch einige aschkenazisch-polnische Familien, zwei davon aus Rumänien, drei aus Konstantinopel, zwei aus Rußland und dazu noch die meinige, M aus dem Elsaß stammt. Im jüdischen Stadtviertel existirt eine gemeinsame Synagoge; aber außerdem giebt es noch in verschiedenen Stadttheilen einzelne Lehrhäuser (Midraschim). Im Kultus selbst giebt es keine feste Organisation. Wir haben einen sehr alten Rabbiner (Moussd Iedid L^vy), der von der öffentlichen Wohlthätigkeit lebt. Die Juden sind hier im Allgemeinen arme Leute und haben Mühe, die Militärsteuer der Regierung zu bezahlen; ebenso viel Anstrengung kostet es sie, die Schächter zu unterhalten. .v, Wir leben hier unbehelligt von Seiten der Regierung, wie es auch in den anderen Städten des ottomanischen Reiches ist. Der gegenwärtige Generalgouverneur ist ein sehr gutmüthiger Manm dem es am Herzen liegt, alle Unterthanen zu beschützen. Wenn eS in den verschiedenen Körperschaften und Gerichtshöfen der Stadt und des Generalgouvernements keine)sisraelitischen Mitglieder giebt, so liegt die Schuld zumeist an den Juden selber, die nicht allen durch das Gesetz festgesetzten Anforderungen genügen. So tragen die meisten Juden, die »einigermaßen begütert sind und den Schutz einer ausländischen Regierung, der französischen, italienischen oder englischengenießen, nur wenig oder gar nicht für die Bedürfnisse des Kultus, zu den Steuern u. s. w. bei. Unter den gegenwärtigen Beamten des Landes ist nur ein einziger Glaubensgenosse hervorzuhebeu, nämlich Dr. Levy Effendi, welcher Ackerbau-Inspektor in den syrischen Billegats ist, z. B. Beyrouth oder Damaskus. Wir haben hier eine Schule der Alliance Israelite urtb eitr jüdisches?Knabenpensionat. Die jüngere GenerationIist ziemlich gÄ ausgebildet, aber wenig religiös; die ältere ist religiöser veranlagt. Unter den Glaubensgenoffen giebt es Kaufleute, Geldwechsler, Klempner, Sattler, nur wenig Schneider undlSchuhmacher; ffoitji aber keine Handwerker. Es giebt hier keine weitere jüdische Vereinigung, als eine solche für die Bestattung der Todten; aber auch diese ist nicht recht in Ordnung. Auch für die Unterstützung der armen Kranken (Bikhour cholim) ist nicht recht gesorgt, da die Mittel fehlen. Ueberhaupt herrscht in diesen Dingen eine große Anarchie oder vielmehr eine große Unordnung, und man kann leider keinem unserer GläubensgenossenZ in Beyrouth kein Lob aussprechen, da sie allem gegenüber apathisch und^jedes Zusammengehörigkeitsgefühls, aller Liebe^und nationalen. Bewußtseins bar. — Auch an einer'* jüdischen Druckerei fehlt es hier, so daß leider von Beyrouth wenig hervorzuheben ist. An jüdischen interessanten Alterthümlichkeiten giebt es in Beyrouth meines Wissens nichts, was^ jedoch von Damaskus 'und den Städten des heiligen Landes nicht gilt. — Anbei ein Machsor, das ich mir von unserem Rabbiner geliehen habe. . , .. Mit aller Hochachtung empfehle^ich mich ihnen und bleibe Ihr ergebener Diener E. F. Krrch ein Mvrt über die Mischen Kynagogen-Melodien. Von Dr. M. Kayserling. §n mehreren Nummern dieser Zeitung, zuletzt in Nr. 50 d. I., wurde die Sammlung der alten Nigunim oder Synagogen- Melodien zur Sprache gebracht und das Verdienst, diese „hochwichtige Frage" angeregt zu haben, Herrn Professor Dr. Steinthal zugeschrieben. Es liegt uns fern, dem geehrten Herrn Profeffor Steinthal das Verdienst in dieser Angelegenheit zu schmälern, wir wollen zur Steuer der Wahrheit nur darauf Hinweisen, daß vor"mehr"denn sechzig Jahren, schon im Jahre 1835, der Begründer dieser Zeitung die Sammlung der alten Nigunim in Anregung gebracht hat. In der „Einleitung zum zweiten Bande" seines „Israelitischen Predigt- und Schul-Magazins"'finden sich einige pia desideria, d. h. fromme Wünsche des Herausgebers; einer derselben ist „Sammlung der Nigunim und Gesänge". Da heißt es Seite 19 : „Dies führt uns unmittelbar noch zu zwei Wünschen, die wir unumwunden aussprechen wollen, und auf deren Realisirung der Herausgeber thatkräftig hinarbeiten wird. Daß es Bedürfniß in unserem Gottesdienst geworden, den seit geraumer Zeit in Unordnung geratheneu Gesang zu reinigen und zu ordnen, wird' überall gefühlt. Nicht daß jene alten, so oft das Herz tief berührenden, nur unmusikalisch vorgetragenen Negunim sammt und sonders.des Landes verwiesen werden sollten, aber eine neuere Bearbeitung derselben, vermehrt mit im Geiste unserer Gebete und mit orientalischem Hauche verfaßten, wäre ein überaus wichtiger Erwerb. ... Eine Ausführung des Gesagten in Druck, so daß eine jede Gemeinde dieselben erlangen könnte, und daß sie zugleich zu einem Kanon für alle Gemeinden dienen könnte, ist es, welche unsere lebhaftesten Wünsche in Anspruch nimmt. Es ist gewiß, daß das Unternehmen mit vielen Schwierigkeiten verbunden ist,, auch könnte es einem einzigen Manne nicht überlassen bleiben, — aber je größer die Mühe, desto herrlicher, desto erfolgreicher der Gewinn!" Philippson hat die Sammlung der alten Nigunim auch insofern faktisch gefördert, daß er im zweiten und anderen Jahrgängen^dieser Zeitung die Melodien der spanisch-portugiesischen Juden, wie die des Kaddisch am ersten Abend Peffach und Sukkoth, des Halle! für den zweiten Tag Peffach und für Simchath Thora, des Jigdal u. a., veröffentlichte. Während meines Aufenthaltes in Spanien richtete ich mein Augenmerk auch auf die alten synagogalen Melodien der spanischen Juden. Eine Sammlung dieser Melodien befindet sich, wie ich in Madrid in Erfahrung brachte, in der Bibliothek der Kathedrale zu Cordova, doch wurde mir dabei bedeutet, daß der Schlüssel zu der Partitur fehle. Auf Wunsch des verdienstvollen Ober-Kantors E. Birnbaum in Königsberg versuchte ich nichtsdestoweniger später, eine Abschrift wenigstens einiger dieser Melodien zu erhalten; meine desfalsigen Bemühungen blieben jedoch ohne Erfolg. Hoffen wir, daß cs den vereinten Kräften der Herren Kantoren und Chor-Dirigenten nunmehr gelingen möge, die alten synagogalen Melodien zu sammeln und der Vergessenheit zu entreißen. Mehrere derselben hat der vor mehreren Jahren verstorbene Ober - Kantor Moritz Friedmann in ganz vortrefflicher Weise neu bearbeitet.