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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1896-12-18 · Heft 51 (18.12.1896) · p. Seite 3

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
60 (1896)
Issue
Heft 51 (18.12.1896)
Date
1896-12-18
Page
Seite 3 (sequence 15)
Language
German
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Benno Posch zu verantworten. Der Angeklagte, der sich als Anhänger ider antffemitischen Partei bekannte, hatte nämlich am 5. Oktober Vormittag, also zur Oktoberfestzeit, an der Ecke der Findling- und SK Paulöaße verschiedene antisemitische Flugschriften/ darunter auch den Talmudg, Zusammenstellung der wichtigsten, heute noch giltigen Stttenlesetze der Juden, an verschiedene Passanten vertheilt, bei -welcher Ge-!egenheit er von einem Gendarmen' betreten und zur Anzeige gebracht urde. ' Auf dem Mandatswege wegen groben Unfugsin eine auf 12 M. lautende Geldstrafe genommen, erhob- Posch dagegen Einspruch s mit der'Begründung, daß dieser Talmudauszug seit Jahresfrist in mehr / als hunderttausend Exemplaren verbreitet worden sei. Auf.Antrag des - Ämtsanwaltes wurdewährend der Verlesung des Talmüdauszuges durch Gerichtsbeschluß die Oeffentlichkeit ausgeschlossen, um eine Gefährdung ( der öffentlichen Ordnung zu verhüten. Nach. Wiederherstellung der i Oeffentlichkeit beantragte der Amtsanwalt wegen der cynischen Art und! Weise, mit welcher in dem Flugblatte den Juden längst veraltete Sitten! und Gebräuche imputirt und als Heute noch zu Recht bestehend erklärt j werden, eine Erhöhung der Geldstrafe auf 25 M. Der Inhalt dieses i Talmudauszuges sei geeignet, nicht nur bei den Juden, sondern auch! bei den Nichtjuden Aergerniß zu erregen, und habe lediglich den Zweck, i gegen die Israeliten aufzureizen. Das Gericht eignete sich diese An-! schauung vollkommen an und verurtheilte den Posch zu-25 M. Geld- 'strafe, event. 5 Tagen Haft.' In den Urtheilsgründen wurde insbesondere hervorgehoben, daß bei der Gleichberechtigung der jüdischen j Konfession derartige Expektorationen, wie sie in dem Talmudauszug ent-; halten sind und geradezu wider beste res Wissen noch als rechtlich sank- I tionirtes Gesetz der Juden erklärt werden/die Allgemeinheit in hohem! Grade belästigen und geeignet 'sind, allgemeines Aergniß zu erregen, weshalb Posch wegen groben Unfugs zu bestrafen und bei der Frivolität seines Einspruchs in entsprechend höhere Strafe zu nehmen war. Außerdem wurde auch die Einziehung und Unbrauchbarmachung der konfiszirten Druckschriften ausgesprochen. - Oesterreich-Ungarn. □ Wien, 14. Dezember^ Die leitenden Grundsätze der neuen deutschen Fortschrittspartei wenden sich.auch gegen die politischen Strebungen des Klerikalismus und Antisemitismus. Sie verwahren sich dagegen, daß der erhabene Zweck der Religion zum Deckmantel für politische Parteibildungen benützt werde; diesführe nur zu einer dem nationalen Gedanken, wie den fortschrittlichen Ideen gleich - gefährlichen klerikalen Parteiherrschaft. Es sei vielmehr an der staatsgrundsätzlich gewährleisteten Gleichheit aller Staatsbürger vor dem Gesetze unverbrüchlich festzuhalten. Der Antisemitismus erscheine in seiner Wesenheit als eine vornehmlich gesellschaftliche Frage (sic!), welche nicht geeignet sein könne, die Grundlage für politische Parteibildungen abzugeben. — Die Tage des Prager Ghetto sind gezählt. Nach und nach, in kleineren Partien, wird das ganze Viertel weggeräumt werden. Einer der interessantesten Stadttheile von ganz Europa wird, mir ihm . von der Oberfläche verschwinden. Es war. ein ganz eigenartiges Bild, welches die krummen Gäßchen desselben boten:. Düstere, alte Häuser, rauchgeschwärzte Mauern, manche Fensterrahmen eingeschlagen, schmutzige Fensterscheiben^ bizarre, gebrochene Dächer, ewig dunkle Trödlerläden, feuchte Gewölbe. Und es waren, auch ganz eigenartige Gestalten, die das merkwürdige Viertel bewohnten. Arme und -7 . orthodoxe Juden. Kleine Notizen in den Zeitungen und bescheidene Afstchen an den Ecken verkündeten am vergangenen Sonntag, daß einer der interessantesten Theile der Prager Jüdenstadt an diesem Tage gegen ein kleines Eintrittsgeld zum letzten Male zu sehen sei .. Die Nachricht wirkte überraschend. Dichte Menschenmassen strömten den zu demolirenden einunddreißig Häusern in der Meisel-, Joachims- und Würselgaste zu. um zum letzten Male die Gebäude zu sehen, welche man früher so wenig beachtet hatte. Der Kaiser hat in Anerkennung der um den österreichischungarischen Hilfsverein in London erworbenen Verdienste dem Präsidenten^ des Vereins, Ernst S chiss, den Orden der Eisernen'Krone dritter Klassei taxfrei, ferner dem Ehren-Almosenier desselben. Vereins, Sigismuiü Pollitzer, das Ritterkreuz des Franz Josefs-Ordens verliehen. J r. Troppa», 9. Dezember. Gestern feierte unsere Gemeinde e| schönes Fest. Der neue Tempel, der mit einem Kofienaufwande von -70000 Gulden erbaut wurde und zur Zierde der Stadt dient, wurde - ei ngew eih t. Um 2 Uhr begab sich die Gemeinde in die alte Synagoge/, um' von dort Abschied zu nehmen und die Thorarollen in den-neuen Tempel zu - überführen, j Herr Rabbiner Dr. Blüh nahm; in einer gediegenen Rede vom alten Hause Abschied, ermahnte', die Gemeindemitglieder, im neuen ttjjie im alten Hause an den Lehren der Thora festzuhalten und den Geist mitzunehmen, wie er hier waltete, den Geist des . Friedens und der Eintracht. Kein Auge blieb thränenleer, als die ältesten 6 Gemeindemitglieder/die Thorarollen ergriffen. Um 3 Uhr ^begann -der Weihegottesdienst im neuen Tempel im Beisein des LandespräfiLenten, der Kaiserlichen Räthe, der Generalität und der Spitzen der hohen Behörden und sämmtlicher Sladträthe mit dem-Bürgermeister, an der Spitze. Der Tempel, der viele hundert Personen faßt, war ^um Erdrücken voll: Nachdem Herr Oberkantor Singerman mit seinem geschulten Chor und unter Orgelbegleitüng ,das Na tov'o sang, wurde der Umzug miv den Thorarollen gehalten und das Hoschio no gesungen. Hierauf bestieg Herr Rabbiner Dr. Blüh die Kanzel, zündete das ewige Licht an und setzte in einer wohldurchdachten Rede auseinander, wie die beiden Lichterdie. uns Gott geschenkt, das Licht der Vernunft und das Licht der ,Thora, unser Lebensglück begründen und uns den rechten Pfad zeigen. Nachdem er den hohen Besuchern den Dank der Gemeinde aussprach, betete er bei offener Lade für Kaiser und Reich, für Stadt und Land, und der Chor sang das Volkslied. Hierauf bestieg Herr Dr. Feuchtwang aus Nikolsburg die Kanzel und hielt ebenfalls eine tiefergreifende Weiherede. Mit einem ausgezeichneten Hallelujagesang endigte die Feier, die'noch lange im Gedächtniß der hiesigen Bewohner nachklingen wird. Auf die Feier folgte ein Bankett, an welchem die Kultusvorsteher und die Rabbiner-der benachbarten Gemeinden theilnahmen, dann ein Ball, welcher von der Jugend unserer Gemeinde veranstaltet wurde. 8. Essegg, 7. Dezember. Am 3. b. M., als am Sterbetage des selZ Dr. Sam. Sp/itzer, fand im hiesigen Kultustempel ein feierlicher, - würdiger Trauer-Gottesdienst statt. Um 9 Uhr Vormittags versammelten sich in dem geschmackvoll schwarz drapirten Gotteshause, worin der Verewigte durch volle 40 Jahre das Wort Gottes verkündete, die Vorstände der Kultusgemeinde, der Chewra-Kadischa sowie sämmtliche Vorstände der Filial-Gemeinden, die Spitzen der Behörden, die Geistlichkett, die Direktoren der Mittelschulen sowie der gesummte Lehrkörper der isrüelitffcheniVolksschule mit den Schülern, eine Llbordnung des israelitischen Frauen-Wohlthätigkeits-Vereins, an deren Spitze die Frau Friederike Bauer /steht/ Ein vom Oberkantor Friedrich exakt; einstudirter erhebender Traüer-Chöral eröffnete die Feier, worauf Herr Rabbsner Dr. Julius Diamant laus Vukovar eine wirkungsvolle, wohldurchdachte Rede hielt, in' welcher er das verdienstvolle Wirken des vereng Rabbiners Dr! Spitzer innerhalb und außerhalb seiner Gem^jin schönen Wörten.schilderte, was auf die zahlreich versammelte Trauer-Versammlung einen sichtbar tiefen Eindruck machte und Vielen Thräneu der Rührung entlockte. Auf dem Gottesacker, wo gleichzeitig die Enthüllung. des durch/die Gemeinde errichteten prachtvollen Granitdenkmals stattsand, hielt Der Präses der Chewra-Kadischa, Herr Adolf Kraus, eine ent- '' sprechende Ansprache an die Familie des Verblichenen. Ein Gebet für das Deelenheil des Verewigten, gehalten vom Rabbiner Dr. Diamant, und/einige Worte des Dankes vom Sohne des Heimgegangenen Ober- . rabbiners an den Vorstand schloß die erhebende Trauerfeier. Rußland. M Ssewastopol, im Dezember. Im Wartesaal einer Station der ^osowo-Ssewastopoler Eisenbahn ereignete sich ein kurioser (?) Vorfallüber den der „Herold" nach-dem „Krim. Westnik" wie folgt berichtet; Mner von den Passagieren, ein Offizier, der sich Stabsrittmeister der/. jOdessaer Brigade Brillant nannte, protestirte dagegen, daß die im " Saale anwesenden hebräischen Kornhändler untereinander in hebräischem .^Jargon sich unterhielten, indem er ihr Gespräch ein „jüdisches" nannte. f‘ jAls der Stationschef ihm erklärte, daß es nach dem Gesetz in den Warteälen 'der Eisenbahnen den Fremden nicht verböten sei, sich in ihrer . ^Muttersprache zu unterhalten, verlangte Herr Brillant das Klagebuch,- in welches er eine Klage folgenden Inhalts: „Es fand eine Unterhaltung, :tt jüdischer Sprache statt" eintrug , und mit seinem Familiennamen und itel Unterzeichnete.' Sämmtliche im Wartesaale sich aufhaltenden .affagiere/ ohne Unterschied der Konfessionäußerten.ihre Entrüstung tber die - unpassenden Ausfälle des Offiziers und bestanden darauf, daß

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