Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 51 (18.12.1896)
- Date
- 1896-12-18
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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60, Jahrgang. Nr. ÖL ^XX Berlin, 18. Dc;°ml'er 1896. Weilage zur „Allgemeinen Zeitung öes IuöenLHuws". Korrespondenzen und Nachrichten. Deutschland. 22 Berlin, 15. Dezember. Abweichend von der üblichen Gewohnheit ging in der diesmaligen Sitzung der Reprasentantenversammlung am 13. d. Mts. die geheime der öffentlichen Sitzung voran. Die schon seit langem vorbereiteten Ergänzungswahlen zum Vorstände gelangten endlich in dieser geheimen Sitzung zur Erledigung. Das Resultat 'derselben ist bereits durch die Tagesblätter - bekannt geworden. Für die dm 1. Januar 1897 aus dem Gemeindevorstande ausscheidenden Mitglieder: die Herren Julius Jaeoby, Direktor Herrmann und Sanitätsrath Dr. Wiesenthal, sowie für die Vorsteher-Stellvertreter, die Herren Professor Dr. Geiger, Kommerzienrath Julius Jsaac und Regierungsrath a. D. Magnus wurden durch .Zettelwahl gewählt: Herr Julius Jaeoby mit 15 Stimmen, Herr Rechtsanwalt Dr. Eugen Fuchs II mit 14 Stimmen und Herr Martin Simon mit 12 Stimmen. Zu Stellvertretern wurden ebenfalls durch Zettelwahl die Herren Geheimer Sanitätsrath Dr. B o a s mit 20 Stimmen, Rechtsanwalt Lilienthal mit 13 Stimmen und Wilhelm G oldschmidt mit 12 Stimmen gewählt. Anwesend waren sämmtliche 21 Mitglieder der Repräsentantenversammlung. Die Herren Regierungsrath Magnus und Kommerzienrath Jsaac hatten übrigens schon vorher dem Vorstande angezeigt, daß sie eine Wiederwahl nicht annehmen würden. Mit den Neuwahlen könnten wir im Ganzen einverstanden sein, da die neugewählten Herren bis auf einen ja durchaus liberal sind und sehr energisch dagegen protestiren würden, wenn man sie als Vertreter der konservativen Partei hinstellen oder gar behaupten wollte, sie wären auf ein bestimmtes Programm und mit gebundener Marschroute gewählt worden. Ist dies nun aber wirklich der Fall, wozu war denn eine Neuwahl nöthig? Wozu war es nöthig, an Stelle der bisherigen und - bewährten neue Vorsteher zu wählen, die sich erst noch zu bewähren haben werden? Diese Fragen werden wohl in der ganzen Gemeinde aufgeworfen werden. Mit lebhaftem Bedauern aber sehen wir einen Mann wie Herrn Direktor Herrmann aus dem Amte scheiden, dessen eminente Sachkenntniß, dessen warme Liebe zum Judenthum und dessen seltener Pflichteifer auch von Denen, die seine Wiederwahl verhindert haben, jetzt eifrig gepriesen wird. Und wir hegen die Zuversicht, daß die beiden ausscheidenden Vertreter ihre Theilname dem Gemeindeleben auch fernerhin erhalten und in nicht zu ferner Zeit in der Verwaltung wieder eine hervorragende Stelle einnehmen werden. Diejenigen aber, welche den Riß in die Repräsentantenversammlung, der nun einmal nicht wegzuleugnen ist, verursacht und dadurch leider eine unzweifelhafte Störung des Gemeindefriedens bewirkt haben, mögen die Verantwortung für diese Heldenthaten tragen. Der liberalen Majorität unserer Gemeinde erwächst aus allen diesen Vorgängen eine sehr werthvolle Lehre und eine wichtige Mahnung dazu, nämlich die, mitvoller Energie an dem Gemeindeleben sich fortan zu betheiligen, um dasselbe in ihrem Sinne, nicht in dem einer winzigen aber fanatischen Minorität auszubauen. — Die Tagesordnung der öffentlichen Sitzung enthielt nur zwei Punkte, lieber denRechnungsabschlußder Gemeinde - Hauptkasse erstattete Herr Leichtentritt das Referat. Aus dem mitgetheilten Zahlen- und Datenmaterial ist zu entnehmen, daß auch im abgelaufenen Rechnungsjahr ein Ueberschuß in Höhe von 108 136 Mark zu verzeichnen ist. Die Einnahmen der Gemeinde sind wiederum gewachsen, sie betrugen Mehreinnahme an Zinsen 24 374 Mark, an Grundstücken 6551 Mark, an Gemeindesteuern ' 20 428 Mark. Die Zahl der steuerzahlenden Gemeindemitglieder ist von 16 235 auf 17261 gestiegen. Der Penstonsfonds der Gemeinde hat zur Zeit eine Höhe von 65 890 Mark, der Amortisationsfonds eine solche von 132 345 Mark. An Grundstücken besitzt die Gemeinde ein Vermögen von 5 368 434 Mark, das sonstige Vermögen beträgt 2 247 436 Mark. Die Versammlung nimmt von diesem Ergebnis Kenntniß und genehmigte nachträglich einige unwesentliche Ueberschreiiungen des Etats. Als zweiter Punkt der Tagesordnung wurde die Berathung über das Statut der Armenkommission fortgesetzt, und zwar bei der Frage, ob Centralisation oder Decentralisation. Die Kommission will zunächst versuchsweise zwei Unterabtheilungen der Armenkommission einsetzen. Herr Louis Sachs als Vorkämpfer des Prinzips einer Decentralisirung, sieht in diesem Vorschlag nur einen ungenügenden Anfang und erklärt sich für die Schaffung von sechs Unterkommissionen. Die heute bestehende Kommission könne bei der Zunahme der Bevölkerung und damit der Arbeit unmöglich noch ihrer Aufgabe gewachsen sein, da es schwer sei, in einem so ausgedehnten Organismus jeden einzelnen Fall genau zu übersehen und zu prüfen. Die Armenpflege der Gemeinde müsse eine Armenpflege des Herzens, eine wirklich jüdische Armenpflege sein. Unterkommissionen für bestimmte Bezirke, aus Bewohnern dieser Gegend zusammengesetzt, würden für diese Aufgabe viel geeigneter sein. Herr Isaak als Vertreter des Vorstandes, bekämpft den Antrag Sachs mit der Begründung, daß bei Einrichtung derartiger Kommissionen die richtige Vertheilung der erforderlichen Geldmittel unmöglich sei, und daß es schwer sein würde, für diese Kommissionen die erforderlichen Mitglieder zu bekommen. Herr Simon ist im Prinzip mit dem Anträge Sachs einverstanden, bittet aber doch, es bei dem Vorschläge der Kommission zu belassen. Herr Löwenberg ist auf Grund seiner 39jährigen Erfahrung Gegner des Antrages Sachs. Es sei schon heute über die geringe Theilnahme der Mitglieder an den Sitzungen der Kommission zu' klagen, und im Falle der Einführung des Vorschlages des Herrn Sachs würde sich die Lage noch verschlimmern. Nachdem noch Herr Leonhard Sachs für eine möglichst ausgedehnte Centralisation sich ausgesprochen, betonte Herr Louis Sachs in seinem Schlußwort, daß man die Mitglieder für die Kommissionen schon bekommen würde; nur müsse man sich nicht beschränken auf die Herren aus dem Thiergartenviertel, sondern Leute aus dem Mittelstände, die die betreffende Stadtgegend genau kennen, in die Kommission hineinwählen. Der Antrag Sachs wurde schließlich an eine gemischte Kommission verwiesen, in welche von Seiten der Versammlung die Herren Dr. Apolant, Dr. Tiktin, Louis Sachs und Dr. Weigert gewählt wurden. 2Q Berlin, 15. Dezember. Im Verein für jüdische Geschichte und Litteratur hielt am 10. dieses Monats Herr Rabbiner Di. Frank aus Köln einen sehr interessanten und geistvollen Vortrag über den Propheten Elia in Sage und Geschichte. Ein plastisch abgerundetes Bild dieses großen Propheten rollte der Vortragende vor unseren Blicken auf; wir sahen den Gottesmann im Lichte der Geschichte und im Halbdunkel der Sage, wie sie Mischna, Talmud und Kabbala, das Neue Testament und der Koran ausgebildet haben. Der hochinteressante Vortrag fand den wohlverdienten allgemeinen und lebhaften Beifall; der Saal war bis auf den letzten Platz gefüllt.— In Leipzig fand am 13. dieses Monats die Generalversammlung des dortigen Litteraturvereins statt Der Vorstand besteht aus den Herren Rabbiner Dr. N. Porges, Vorsitzender; S. Nelke, stellvertr. Vorsitzender; Jacob B lu men seid, Schriftführer; 'Mcrx Weg, stellvertr. Schriftführer; Alphons Jacobson, für den sel. Louis Hausdorff, Schatzmeister. Der Rechnungsabschluß pro 1896 ergiebt an Einnahmen: 2232,25 M., an Ausgaben: 1097,35 M, der Bestand ist also: .1134,90 Mark. — In Ostrowo ist ary 12. dieses Monats ein neuer Litteraturverein begründet worden. 'Herr-Rabbiner Dr. Pleßner hielt den einleitenden Vortrag über die Bedeutung derjüdischen Geschichte und Litteratur. Schon in der konstituirenden Versammlung hatten sich über 60 Mitglieder zum Beitritt gemeldet. ■' L2 Berlin, 14. Dezember. Die, „Wissenschaftliche Vereinigung jüdischer Schulmänner zu Berlin" hielt am 5. Dezember ihre statutengemäße Generalversammlung ab. Bor Eintritt in die Tagesordnung berichtigte der Vorsitzende eine ihn betreffende Notiz