Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 51 (18.12.1896)
- Date
- 1896-12-18
- Page
- Seite 612 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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612 im Rheinlands und man wird finden, daß die dortigen Gemeinden in übergroßer Vorsicht, daß sich ihre Beamten nicht lukullische MahlzeÄen gestalten sollen, sich nicht scheuen, einen solchen bei einem Einkommen von 7—600 Mark zu verlangen, der das Gute und Treffliche in solchem Maße in sich zu vereinigen hat, daß ihm sonst nichts mehr als her Doktortitel fehlt. Ein Gehalt von 1000 Mark findet man selten in den Ausbietungen vor, während hier die Beamten der noch so kleinen Gemeinde wenigstens ein Einkommen von 1200 Mark haben, bei einigen erreicht dasselbe sogar die Höhe von 1800 Mark. ’’ Wenn ferner in dem Artikel behauptet wird, daß jede Gemeinde jm deutschen Osten eine Art Souveränität sich vindizirt, und daß die eine sich nicht um die andere kümmert, so liefert wiederum Ostpreußen den Beweis des Gegentheils. Hier existirt bereits seit Jahren der „Ätpreußische Gemeindeverband" mit dem ausgesprochenen Zweck, idie kleinen Gemeinden lebensfähig zu erhalten. , Ein uns dieser Tage zugekommener gedrückter Bericht über den Verbands - Etat besagt, daß die Ausgaben des Verbandes im verflossenen Jahre sich auf 1933 M. beliefen es wurden 5 kleinere Gemeinden unterstützt und anderen nothwendigen Forderungen Rechnung getragen —, während für den Ausgabe-Etat 1896/97 2075 Mark cmgesetzt sind. Bei dieser Fürsorge der einen Gemeinde für die andere kann man wahrlich nicht von einem „insularen" Zustand sprechen. ’r(( Jener Lehrer, der bei der Berufung zu einem Probevortrage sehne Tüchtigkeit mit dem Bekenntniß legitimirte. daß ihm der Sabbathgottesdienst fremd geworden, weil er ihn schon seit vielen Jahren nicht kenne, jener Lehrer muß überhaupt die nöthige Qualifikation... Ar seinen Beruf niemals besessen haben, sonst hätte es nimmermehr geschehen können, daß sie ihm in der Zeit von Simchas Thora his Pessach abhanden gekommen wäre. ,(!- Ein Anderer, der nach Berlin kommt, beladen mit bitteren Erfahrungen, die er in seiner amtlichen Stellung im deutschen Osten gemacht, auch er wird wohl mehr gesagt haben, als er verantworten kann. Daß irgend eine Gemeinde es von sich weisen wird, wenn, tzn Lehrer aus freien Stücken sich erbietet, die Kinder im Hebräischen zu unterrichten, läßt sich schwer annehmen. „Eines Mannes Rede ist eben keines Mannes Rede, man muß sie hören alle Beede." — -1 Von Zänkereien in unseren Gemeinden bekommt man sehr werrig zu hören. Da, wo wirkliche Armuth vorhanden, schlägt sie sich nicht. Die kleineren Gemeinden besonders wissen, daß ihre Existenz von der Eintracht abhängt. Den Luxus, unter einander im Streit sich zu .befinden, können sich nur die Großgemeinden gestatten. :ii, Was nun die religiöse Erbauung betrifft, so ist sie, wenn es auf Heranbildung zur Religiosität und Frömmigkeit ankommt, bei den Großgemeiuden trotz des gewaltigen Apparates, der ihnen dabei zu Gebote steht, nicht nachhaltiger und fruchtbringender bis jetzt zu Ts^ge getreten, als wie sie der Beamte der Klein gemeinde hervorzurufen und zu wecken vermag. Wir erkennen solches ja schon daraus, daß ip Synagogenbesuch, nach dem Prozentsatz berechnet, bei den Kleingemeinden größer als bei den Großmeinden ist. Wer da meint, daß die reichen Juden nur wegen der Großartigkeit der Kultuseinrichtungen nach beit Großstädten ziehen, der irrt; sie haben alle Gründe der Welt für ihre Uebersiedelung dort hin, nur den letzten nicht. Das Verfahren der Gemeinden im deutschen Osten bei Anstellung eines Beamten ist in beregtem Artikel in einer Weise geschildert, dtzß man all.es Mögliche herauslesen kann, nur nicht ein obwaltendes System, wenn es auch das schlechteste wäre. Das aber steht fest, daß der jüdische Beamte hier, wenn er gerade nicht zu denjenigen gehört, die den Sabbathgottesdienst vergessen können, viel länger in seiner Stellung verbleibt, als derjenige im deutschen Westen. M. 8cfi. * ' . 7 Geehrter Herr Redakteur! Sie mir einen kleinen Platz in Ihrem Blatte, um aus eine Frage zurückzukommen, die, wenngleich sie schon zu wiederholten Malen berührt worden ist, doch noch immer nicht das allgemeine Interesse erweckt, das sie in so hohem Grade verdient. Den unvermählt bleibenden Frauen unserer Konfession ist es noch immer schwer, unter den ihnen zu Gebot stehenden Berufsarten die richtige Wahl zu treffen, und doch giebt es einen Beruf, in dem es noch dauernd, an passenden Kräften fehlt, einen Beruf, den zu.erfüllen Herz find-Geist befriedigt, der gequälten Mitmenschen Linderung ,' dem Arzte die nothwendige Unterstützung durch Frauenhand schafft) Ich meine den Beruf der Krankenpflegerin. Im vorigen Jahr mußte ich als Patient im Königswarter Hospital zu Frankfurt a. M. den Winter hindurch die Hilfe der Schwestern des „Vereins für jüdische Krankenpflegerinnen", der unter der Leitung der bewährtesten Aevzte steht, in Anspruch nehmen und hatte Gelegenheit, mich der segensreichen Wirkung , die dieses Institut nach verschiedenen Richtungen erzielt, zu erfreuen.- In erster Linie genießt der Patient den hohen Vorzug, von durchgebildeten Menschen, die täglich an sich und ihrer Vervollkommnung arbeiten, ihre Sache gründlich verstehen und ideal auffassen, umgeben und gepflegt zu werden. Und es ist nun einmal ein höchst wohlthuendes Gefühl, ein angenehmer Gedanke, daß die Pflegerin ein gebildeter und bildungsfähiger, reifer'Mensch ist, an dem der Genesende auch in der Rekonvalescenz eine angenehme und. oft fördernde Gesellschaft besitzt. Die Pflegerin selbst besitzt das beglückende Bewußtsein, einen hochwichtigen Platz im Leben auszusüllen, dem Arzte eine unentbehrliche Stütze, der leidenden Menschheit eine Helferin und Trösterin in der Noth zu sein. In diesem Gedanken werden die durchwachte Nacht, der arbeitsreiche Tag mit Lust und Befriedigung ertragen. Welch' eine Freude für die Schwester, wenn der dankbare Patient sich nicht von ihr trennen will, ihr lieber in die zugehörige Anstalt folgt — wie ich's gerade bei meiner Anwesenheit erlebte. Fast das gesammte Pflegepersonal besteht jetzt schon aus Zöglingen des „Vereins für jüdische Krankenpflegerinnen" und steht unter der Leitung der ebendaselbst ausgebildeten Oberschwester. ...... .. Alle diese jungen Mädchen bilden gleichsam eine Familie, die in der liebenswerthen Oberin ihre mütterliche Freundin und Räthgeberin sehen. Einige von ihnen — darunter immer mindestens zwei Schülerinnen — wohnen im Hospital und haben die Pflege der dort anwesenden Patienten zu besorgen. Einige andere versehen den KrankeNdienst in Familien; eine Armenpflegerin nimmt sich der unbemittelten Kranken aller Konfessionen an. Die Nachfrage aber ist. so groß und dringend, daß Anmeldungen von angemessenen Schülerinnen sehr gewünscht werden. Die jungen Mädchen sollten eigentlich eine, höhere Töchterschule durchgemacht haben; eine entsprechende Vorbildung im schriftlichen Ausdruck und folgerichtigen Denken und eine gute häusliche Erziehung würden auch schon hinreichend sein. Was mir aber unerläßlich für den Beruf einer Krankenpflegerin erscheint, ist ein offener Kopf, eine gute Schulbildung nebst häuslicher Erziehung und ein gesunder Körper; ferner die ethischen Tugenden der Folgsamkeit, peinlicher Ordnungsliebe und Selbstbeherrschung. Selbstverständlich ist die Liebe zum Beruf und das gute, nachsichtige Herz. Wer die heitere Ruhe, das muntere Treiben der Schwestern mit angesehen hat wie ich, der gewinnt die Ueberzeugung, daß -hier ein wirklich inniges Familienleben „ eine glückerfüllte Stimmung Hospital und Schwesternhaus verbinden; auch herzliches Lachen zu rechter Zeit ist nicht ausgeschlossen, so wenig wie eine bildende Unterhaltung und fürdernder Verkehr der Schülerinnen mit der Oberin und den älteren Schwestern. Also jede Furcht vor klösterlicher Einsanikeit oder trübseligem Dahinleben ist zu verbannen. Neben dem idealen Glück hoher inniger Befriedigung ist hier zugleich eine Heimath geboten. Indem ich der Hoffnung Raum gebe, daß die Veröffentlichung obigen Briefes da das Interesse erhöhen werde, wo es noth thut, unter den gebildeten jungen Mädchen, die vor einer Berufswahl stehen, empfehle ich mich Ihnen, geehrter Herr Redakteur, hochachtungsvoll — 1 — - £ - , meinem Vortrag Nr. 49 soll es anstatt „vielbenWten Wellen" (22) heißen „wildbewegten Wellen", anstatt „heldenmükhMN Sohne" „heldenmüthigen Sohn". . ,, :i Jnowrazlaw, 6. Dezember. Dr. Kohn. Druck und Verlag von Rudolf Aiosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz'in Berlin.