Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 51 (18.12.1896)
- Date
- 1896-12-18
- Page
- Seite 610 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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-II—-—----IV— |*|^ EEUILLETO.N'1 | -H-+---II-II- Andere Zeiten. , Eine Erzählung aus dem jüdischen Leben der jüngsten Vergangenheit, von Gotthard Deutsch. Siebzehntes Kapitel. Der Stein vom Herzen. ax löschte die Weingeistlampe aus und legte seine In- I strumeute zusammen. „Meine Damen," ries er, die,Thür öffnend, „ich kann Ihnen die erfreuliche Mittheilüng 'machen, daß das Befinden unseres Patienten ein recht zufriedenstellendes ist. Eine kleine Abnormität der Prostata, eine Erschlaffung I der Muskeln, wie sie in vorgerückteren Jahren vorzukommen pflegt. Höchst uninteressanter, alltäglicher Fall! Herr Patient, Sie werden die Güte haben , sich-vorläufig für einige Tage im Bette zu halten.! so viel lauwarme Milch und Sauerbrunn zu trinken, als Sie vertragen können, und die schwierigen Fragen des talmudischen Civilj rechtes einige Zeit ruhen zu lasien." „Ja,, ja!" seufzte Reb Rephoel, „es steht doch geschrieben:-Wer sich der Thora hingiebt, bannt alle körperlichen Leiden." „Unzweifelhaft wahr," replizirte der Doktor. „Nur ist diese Kur eine sehr -heroische und setzt einen günstigeren Kräftezustand voraus. Wir müssen sie daher für spätere Zeiten aufschieben. Vorläufig bitte ich auch das Fasten an Jahrzeittagen und bei ähnlichen Anlässen zu vermeiden. Der Wiederaufbau des Tempels zu. Jerusalem, ist ohnehin nur eine Frage der Zeit, und es ist daher absolut unnöthig, dieses Ereigniß schneller herbeiführen zu wollen, indem man seine. Gesundheit riskirt. Wollen Sie, meine Damen, die Durchführung meiner Anordnungen überwachen, da ich noch , heute abreisen muß. Am Ende dieser Woche will ich mich von den Resultaten meiner Ordination persönlich überzeugen." , i „Wenn ein Mensch kommt zu den Jahren feiner Väter," ^bemerkte Reb Rephoel ernst, „soll er stets-gefaßt sein. So steht es^im Talmud. Ich bin einundsiebzig, mein Großvater war zweiundsiebzig,mls er starb, mein Vater nur achtundsechzig. Meine Zeit ist gekommen." „Nu, nu, Väterchen," bemerkte Max, „wenn ich nicht irre, heißt es auch, daß hohe Verdienste unser Leben verlängern können. So ist bei allem Respekt vor der Unfehlbarkeit des Talmud für Dich immer noch ein Chance für pleitere zehn Jahre, bis Hildegard zur Rebbezin avancirt ist." „Giebst Du schon wieder keine Ruhe, Onkel?" schmollte das junge / Mädchen.' . . ' ' „Meine Verdienste!" seufzte Reb Rephoel, „die müßten sich! an meinen Kindern zeigen. Max, ich muß mit Dir ein paar Worte allein sprechen." * Die Frauen verließen das Zimmer. „Sag' mir aufrichtig," begann der Alte mit gepreßter Stimme, „hast Du meinen Brief zu Rosch haschänah erhalten?" „Warum so feierlich?" sagte der Doktor. „Ich habe ihn er-- halten und mit bewunderndem Neide auf Deine Gewandtheit im j hebräischen Stil gelesen." „Es ist eine Zeit zu lachen und eine Zeit zu weinen," citirte der Alte. „Ich will wissen, ob Du ihn verstanden hast; nicht idie! Sprache, den Inhalt meine ich"! | „Ich habe so'viel verstanden, daß Du nach den Worten Nehemiahs, die, wie ich glaube, im Talmud in .dieser Richtung citirt sind, es als Deine Pflicht betrachtest,! Deinem Sohne ein Weib zu geben. Dann erinnere ich mich, daß Du auch.Vater Abrahams Beispiel anführtest, dessen sehnlichster Wunsch es war, seinen Sohn . unter die Haube gebracht zu sehen. War es nicht sö?" - ' Der Alte nickte. - „Dann, wolltest Du, ich solle mich vor den Töchtern der Kanaaniten in Acht nehmen, in deren Mitte ich wohne, und etwas von' Mordechai und Esther, auf das ich mich nicht mehr so im- Einzelnen besinnen kann." „Und wie denkst Du darüber?" fragte der Greis ungeduldig. „Jamein Gott, - ich - denke, daß die Kanaaniter im höchsten Grade ausgestorben sind und deren verführerische Töchter' heute, wenn überhaupt, nur noch als reizlose Mumien existiren, die Niemandes Herzensruhe gefährlich werden können." „Scherze nichtmein Sohn," sagte der Alte mit schmerzlichem Tone. „Du weißt, was ich unter Kanaanitern verstehe." „Nun, so leid es mir thut, Dir widersprechen zu müssen." antwortete der Doktor, „ich muß gestehen, daß ich in diesem . Falle nicht zu Neh.emiah, sondern zu Maleachi stehe, der uns lehrt, daß wir alle einen Vater haben." „Ist es also doch wahr?" rief der Alte, „indem er sein Gesicht mit den Händen bedeckte. „Das. mußte ich erleben." „Warum giebst Du dem Müden Licht, und Leben Denen, bereu Seele verbittert ist?" fuhr er mit den Worten Hiobs fort. „Vater, um Gotteswillen!" rief Max erschreckt, „rege Dich doch nicht unnöthig auf, oder ich muß auf meinem Rechte -als Arzt bestehen und die Unterredung abbrechen. Du wirst doch nicht glauben, daß ich einen Schritt thun könnte, der Dich mir für immer entfremdete? Aber wozu diese Diskussion, die Dich unnöthigerweise aufregt? Laß' sie uns auf gelegenere Zeit verschieben!" „Nein!" sagte der Alte mit festem Tone. „Der Mensch kenntnicht seine Zeit, und jedes Kopfweh soll uns an unfer Ende erinnern. Ich will darüber Gewißheit Haben. Glaubst Du denn, es wird ' mir wohlthun, Dich auf falschem Wege zu wissen, wenn ich auch nicht mehr auf dieser Welt weile. Ihr Aerzte freilich glaubt an das nicht, ich weiß es, aber König Salomo hat schon vor Jahr- tausenden gesagt: Wer - ist zum Himmel hinaufgestiegen und zurückgekommen?" . > ' „Vater," begann der Doktor wieder, „ich kann als Arzt unmöglich dulden, daß Du Dich derartigen Grübeleien jetzt hingiebst, wenn ich auch als Sohn Deine Belehrung gern anhöre. Ich kann Dir übrigens in diesem Punkte völlige Beruhigung geben. Ich bin durchaus kein .Materialist. Gerade meine Wissenschaft hat mich gelehrt, daß das wahre Wesen des Menschen nicht nn Fleisch und Knochen, in Sehnen und Muskeln bestehe. Und wenn ich vielleicht über den Garten Eden und das Gehinnom meine eigenen Ansichten habe, so bekenne ich mich doch getreu zu der Lehre meines Lieblingsschriftstellers, des Verfassers von: Hiob: , „Ein Geist ist in dem Menschen, und die Seele des Allmächtigen macht ihn verständig." „Die Wahrheit erkennt man an dem Tone," zitirte der Kranke aus dem Talmud. „Ich danke Dir, mein Sohn, daß Du mir das. gesagt hast, aber doch, doch . . ." „Aber doch fährst Du am heiligen Jontew," ergänzte der Doktor lachend. : ' > Der Alte schüttelte stumm den Kopf. „Nun, welches Aber?" fragte der Doktor. . „Ich muß es wissen," sagte der Alte. „Ist es wahr, daß Du. des Bergraths Tochter heirathen willst?" '