Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 51 (18.12.1896)
- Date
- 1896-12-18
- Page
- Seite 609 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Dies ist ganz und gar nicht der Fall. Von vielen Seiten ist oft der Wunsch nach einer neuen, korrekten, zuverlässigen, mit Sachkenntniß ausgearbeiteten Concordanz laut geworden. Aber es hat sich kein Mensch gefunden, der sich stark genug fühlte, an diese Riesenarbeit heranzutreten. Eine gewiffe Zaghaftigkeit mußte sich jedes Mannes bemächtigen, der daran dachte, eine Arbeit allein zu unternehmen, die früher ganze Gesellschaften nicht befriedigend zu erledigen im Stande waren. Rur Einer Hat diese Zaghaftigkeit überwältigt— dieser Eine war Dr. Salomon Mandelkern. Mandelkern ist mit der hebräischen Sprache großgewachsen. Schon in seiner frühesten Jugend hat er sich als Meister eines rein biblischen Stiles der staunenden Mitwelt vorgestellt. Ein eingehendes Studium der orientalischen Sprachen hat ihn über den engen Zusammenhang derselben mit dem Hebräischen belehrt. Eine gediegene Kenntniß der klassischen Sprachen half ihm erkennen, wie die Septuaginta und die Vulgata die einzelnen Worte des hebräischen Bibeltextes aufgefaßt haben. So mit der nöthigen Vorbildung in reichem Maße ausgestattet, machte sich Mandelkern an die Bearbeitung seiner Concordanz, die nunmehr, nach vierzehnjähriger energischer Thätigkeit, fertig vorliegt?) Schon der äußere Anblick verräth, daß hier ein monumentales Werk geschaffen wurde, das bestimmt ist, Jahrhunderte zu überdauern und späteren Geschlechtern von dem Fleiße des neunzehnten Jahrhunderts Zeugniß abzulegen. Ein riesiger Folioband, 1532 Seiten enthaltend mit zusammen 5128 Kolumnen, in prachtvoller Ausstattung und auf gutem Papier gedruckt — das ist das Aeußere der Mandelkernschen Concordanz. Aber der Inhalt derselben hat dieses schöne Gefäß verdient. Mandelkern hat nicht allein die Fehler und Gebrechen der alten Concordanzen berichtigt, die ich oben nur angeführt, um die Bedeutung der neuen Concordanz um so deutlicher hervortreten zu lassen. Mit außerotMtlichem Scharfsinn hat er den Stoff neu geordnet, damit der Gebrauch der Concordanz leichter sei. Bei den Zitaten aus der Bibel hat er stets darauf geachtet, daß sie den vollständigen Sinn ergeben, den sie in der Bibel haben?) Bei jeder Wortform, deren Grundform sich in der Bibel nicht findet, hat er diese in eckigen Klammern angegeben. Die Tonsilbe ist immer durch ein Zeichen kenntlich gemacht. Auf die genaue Wiedergabe des mafforetischen Textes ist außerordentliche Sorgfalt verwendet worden; sogar das Pesik ist hierbei beachtet, die plene und defekte Schreibart nie außer Acht gelaffen. Die Partikeln und Pronomina sind ohne Ausnahme ausgenommen; die ersteren sind dem Haupttheile der Concordanz einverleibt, die letzteren bilden eine besondere Abtheilung. Ebenso bildet das Mittelding zweifelhafter Abstammung, das Nom. rel. einen besonderen Abschnitt. Mit ungewöhnlicher Sorgfalt ist der vierte Theil, der die Nomina propria enthält, ausgearbeitet. Der dritte Theil, der den aramäischen und chaldäischen Wörtern der Bibel gewidmet ist, erforderte überhaupt erst ein besonderes Studium, da gerade diese Theile der biblischen Schriften bis in die letzte Zeit hinein über unverdiente Vernachlässigung zu klagen haben. Hier hat Mandelkern ein doppeltes Verdienst sich erworben. Das gründliche Studium der neueren einschlägigen Litteratur hat Mandelkern iw den Stand gesetzt, t) Mandelkern, S., EHpil ■ Veteris Testament! Concordantiae Hebraicae atque Chaldaicae. . . Lipsiae, Veit et Go., 1896. 150 Mark. 2) In den früheren Concordanzen war das nicht der Fall. Dort haben die meisten Zitate gar keinen Sinn, manche aber enthalten einen Unfinn. So lesen wir z. B. s. v. vnH: ttbVnn s.v. rm6*‘ nmb h pb; s.v.2^>nn: prr« NX1! jeder einzelnen Wurzel eine Erklärung in zwei Sprachen. Hebräisch und Lateinisch, vorauszuschicken, wobei immer den Ergebnissen der neueren Forschung in ausgiebigster Weise Rechnung getragen wird.. Aber auch die eigenen Erklärungen Mandelkerns sowie die Angabe der Abweichungen, welche die Septuaginta und Peschitta aufweisen, müffen wir mit Dank aufnehmen. Hier sind einige Vorzüge des Mandelkernschen Werkes nur kurz berührt. Ueber jeden einzelnen Punkt könnte man, soll er ausführlich besprochen werden, einen ganzen Aufsatz schreiben. Doch glaube ich, daß jeder Sachverständige sich schon auf Grund dieser Andeutungen eine richtige Vorstellung von der Bedeutung der neuen Concordanz wird machen könnet!. Mit mir wird Jeder, der ein derartiges Buch zu schätzen weiß, das Erscheinen der Mandelkernschen- Concordanz freudig begrüßen. Mich hat es doppelt angenehm und wohlthuend berührt, daß der Bearbeiter der nunmehr geschaffenen, von alten Fehlern befreiten und niit neuen Vorzügen ausgestatteten Concordanz ein Jude ist. Mer die neue Litteratur mit offenen Augen verfolgt, wird die betrübende Wahrnehnumg gemacht haben, daß seit geraumer Zeit alles, was zur biblischen Wissenschaft gehört, von nichtjüdischen Gelehrten geschaffen wird. Die nichts weniger als korrekte und zuverlässige Berliner Missionsbibel ist vorzüglich im Gebrauch?) Die besten Handbücher der hebräischen Sprache, wie z. B. die soeben in 26. Auflage erschienene-ueue Grammatik von G esenius-Kautzfch, das vorzügliche Wörterbuch von Gesenius-Bnhl und dergleichen haben Nichtjuden zu Verfaffern. Will der jüdische Studirende nicht mehr Zunz, Fürst und Philippsohn gebrauchen, so muff er zu K aützs'ch'Bibel greifen oder zu den von Strack undZöckler hercmsgeg^benen, mit christologischen Stellen reichbeladenen, kurzgefaßten Kommentarien Zuflucht nehmen. Es dürfte kaum einen christlichen Theologen geben, der nicht mit einem Theile der Bibel sich in irgend einer Weise beschäftigt hätte; bei uns ist das Verhältniß umgekehrt. Nun mag es ja in mancher Hinsicht erfreulich sein, daß auch christliche Gelehrte sich mit der Erforschung unserer heiligen Schriften eifrig beschäftigen, aber ich kann es nicht anders als tiefbetrübend bezeichnen, wenn diese Studien fast nur von christlicher Seite betrieben werden. Ich würde mich schämen, wenn die neue, vollständige Bibelcoucordanz, das eine Hauptwerk, dessen Mangel noch so stark empfunden wurde, wieder von einem Nichtjuden verfaßt worden wäre. ' Mandelkern ist kaum 50 Jahre alt. Mehr als den vierten Theil seines Lebens hat ihm die Bearbeitung der Concordanz in Anspruch genommen. Das Werk ist ihm vielleicht bester gelungen, als er geahnt. Nur in materieller Hinsicht wird er, fürchte ich, bittere Täuschung erfahren. Doch hoffe ich, daß er im Sinne des Ausspruches des erfahrenen Kohelet (,T^2 .Trifi PlttDnfi) an dem gelungenen Werke selbst Befriedigung finden und auch fernerhin seine Kräfte in den Dienst unseres Schriftthums stellen wird. Mit diesem Wunsche rufe ich ihm zu „Glück auf I" i) Wie unbrauchbar die Bibel in dieser Ausgabe ist, hat wohl Jeder erfahren, der sie aufmerksam gelesen. Abgesehen davon, daß die Vokal- und Tonzeichen an vielen Stellen abgebrochen sind, enthält sie trotz des Vermerkes p£Q njfin auf dem Titelblatt und trotz des Namens Letteris, den sie noch immer trägt, zahlreiche Fehler. Ich verweise hier nur auf zwei Fehler, die ich dieser Tage gefunden: Genes. XX, 10 liest man tf\TH für 7^8*1, Ps. LXXVI, 7: 2D1 für 2D1! Doch darüber ein anderes Mal in einem besonderen Artikel.