Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 50 (11.12.1896)
- Date
- 1896-12-11
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
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60. ialjrgang. Wr. 50. 01^4 ^Un. 1U D-?emver ^6. Weilage zur „Allgemeinen!Zeitung öes IuöentHurns". KorrejpoudenMn und Nachrichten. Deutschland. M. Berlin, 7. Dezember. In. der letzten, am 6. d. Mts. stattgehabten Sitzung der Repräsentanten-Versammlung konzentrirte sich das Interesse, fast ausschließlich auf die Abänderung des Reglements der Armenkommission. Das betreffende Thema hätte schon zwei der voraufgegängenen Sitzungen beschäftigen sollen. Bisher war die Angelegenheit dem Plenum jedoch noch nicht spruchreif genug erschienen. In der letzten Sitzung nun erschienen die Arbeiten des Ausschusses soweit konform den Ansichten der Versammlung, daß diese in die Berathung eintrat. Es handelte sich um das Verhältniß.des Fonds für verschämte Arme zu der Centralstelle für Wohlthätigkeitseinrichtungen. Der Ausschuß hatte zu dieser Frage in der Weise Stellung genommen/ daß Geheimhaltung der Namen der Bittsteller der Centrale gegenüber stattzufinden habe, wenn mehr als ein Mitglied der Kommission daraus anträgt. Ein Antrag Tiktin fordert diese Geheimhaltung schon dann, wenn auch nur eine einzelne Stimme dafür sich geltend macht. Ein Antrag Louis Sachs will Geheimhaltung unter allen Umständen. Der Vorstand verlangt dagegen auch aus der Verwaltung des Fonds für verschämte Arme alle Angaben und will in besonderen Fällen durch Mehrheitsbeschluß die Geheimhaltung gestatten. Eine äußerst lebhafte Debatte entspinnt sich, die von den. Vertretern der beiden diametral sich gegenüberstehenden Meinungen eröffnet wird. Justizrath Meyer betont die Nothwendigkeit einer Kontrole. Er stützt sich dabei auf einen Bericht, aus dem hervorgeht, daß unter den 345 im letzten Jahre Unterstützten sich 125 befanden, die nicht zum ersten Mal eingekommen waren. Der Redner weist auf die „unverschämten Verschämten" hin. Der Armenkommission gingen sie aus dem Wege, dagegen klopften sie an den Thüren aller Hilfskassen an. Diese Leute kennen zu lernen, sei im Interesse der Armenpflege von großer Wichtigkeit. Herr Louis Sachs erklärte seinen Standpunkt aus der Benennung des Fonds heraus, die, wenn der Name dem Wesen entsprechen soll, strengste Geheimhaltung verlange. Wolle man die Bittsteller preisgeben, dann sei es besser, den ganzen Fonds aufzuheben. Um einiger Unwürdiger willen solle man die Namen Würdiger nicht der Oeffentlichkeit anheimgeben. Herr Loewenberg führt seine 39jährige Erfahrung als Mitglied der Armenkommission ins Gefecht, und ein wesentlich neues Moment bringt er durch den Hinweis hinein, daß die dem Fonds überwiesenen Spenden in der Erwartung hingegeben sind, daß die Hilfe eine streng verschwiegene bleibe. Herr Leonhard Sachs zog aus einem Fall, in welchem ein von der Joel Wolff Meyer-Stiftung zur Zeit Unterstützter nach zwei Jahren den Betrag zurückerstattete, die Lehre, daß die verschämten Armen eine diskrete Behandlung unter allen Umständen erfahren müßten. Herr Martin Simon erörtert die Frage, ob denn Jemand an seiner Ehre geschmälert sei, wenn ihm in bedrängter Lage einmal Hilfe zutheil geworden. Er glaube, daß z. B. ein Student, der aus solchen Fonds Unterstützung empfangen habe, noch immer gleichwertig sei dem Studirenden, der aus seines Vaters Tasche gelebt. Er vermag daher keine Schädigung in einer der Centrale gegebenen Auskunft zu erblicken. Im Gegentheil könne es nur den Verschämten zu Gute kommen, wenn der für sie bestimmte Fonds vor den Ansprüchen Unwürdiger gewahrt bleibe. Herr Stadtrath Dr. Weigert erklärt, den Standpunkt des Vorstandes zu theilen, und empfiehlt, den Namen des Fonds zu ändern, wenn man fürchte, sich im Widerspruch zu befinden. Herr Professor Le w in zerlegt die Frage in eine solche von ethischer und eine von praktischer Bedeutung. Für erstere komme der Wunsch der Geldgeber hinzu. Er will aber der praktischen Seite im Sinne des Antrages Tiktin entgegenkommen. Die Abstimmung ergab die Annahme des Antrages Tiktin. Die Erledigung des übrigen' Theils der Tagesordnung hatte . einen rein geschäftsmäßigen Charakter. So wurden ohne Debatte für den Religionsverein Bene Berith 1000 Mark und für das jüdische Ärmenasyl in Meran 150 Mark bewilligt. Der Rechnungsabschluß des Siechenhauses wurde entgegengenommen nnd ergab einen Minderverbrauch von 2900 Mark; desgleichen nahm die Versammlung den Bericht über die gottesdienstlichen Veranstaltungen an den hohen Feiertagen entgegen, wonach ein Zuschuß von 18 559 Mark erforderlich ist. Drei Punkte bezogen sich auf den Neubau der Synagoge in der Lützowstraßeaä 1 genehmigte die Versammlung den Vertrag mit dem Erwerber der Abbruchsarbeiten, für die der Gemeinde 2300 Mark gezahlt werden, ad 2 genehmigte die Versammlung die von Maurermeister Fränkel erläuterten Pläne, ad 3 erklärt sich die Versammlung einverstanden mit der Zahlung von 1000 Mark als Verzugszinsen für verspätete Auslassung der Grundstücks an den früheren Eigenthümer und gegenwärtigen Repräsentanten Herrn Julius Oppenheim. Diese Verspätung war durch den Tod des Justizrath Levy verursacht worden, in dessen Hände die notariellen Akten gelegt waren. — Das Rechtdiese 1000 Mark zu fordern, wurde dem Verkäufer von der Majorität gegen vereinzelten Widerspruch zugebilligt. „Aber," so erklärte Herr Maurermeister Fränkel unter allgemeiner Heiterkeit, „ich würde sie nicht nehmen." — Die nächste Sitzung wird nun endlich, wie der Vorsitzende auf einen Antrag verschiedener Herren, die es gar nicht mehr erwarten können, mittheilte, die vielbesprochenen Vorstandswahlen bringen. Wie wir hören, hat Herr Regierungsrath Dr. Magnus, zur Zeit Vorsteher- Stellvertreter, erklärt, eine event. Wiederwahl nicht annehmen zu können. Berlin, 7. Dezember. Das Judenthum und die Wissenschaft beklagen gemeinsam den unersetzlichen Verlust, den beide durch das jähe Hinscheiden des Herrn Dr. Felix Buka, Professors, an der Technischen Hochschule und Oberlehrers am Realgymnasium zu Charlottenburg, erlitten. Derselbe ist in der Nacht zum Freitag, noch nicht 45 Jahre alt, gestorben. Felix Buka, - der aus Breslau stammte, studirte Mathematik und Physik und promovirte 1877 mit der Studie „Ueber das sphärische Kurbelgetriebe und seinen . Spezialfall, das Hookesche Gelenl" in Göttingen zum Doktor. Kurz darauf, habilitirte er sich als Privatdozent in der Abtheilung für allgemeine Wissenschaften bei der Technischen Hochschule, um mathematische Vorlesungen zu halten. Hauptsächlich unterrichtete er in der darstellenden Geometrie. 1888 wurde er zum. außeretatsmäßigen Dozenten befördert. Zuvor hatte er eine Oberlehrerstelle am Realgymnasium zu Charlottenburg übernommen. 1893 wurde Buka zum Professor befördert. Die wissenschaftliche.Arbeit Bukas galt früher der darstellenden Geometrie und Mechanik. In weiteren Kreisen ist Buka neuerdings durch seine Studien und Versuche zur Kenntniß und Verwerthung der Röntgenschen Entdeckung einer neuen Art von Strahlen bekannt geworden. Buka legte die Ergebnisse seiner Röntgenstudien in mehreren Aufsätzen in der „Deutsch, med. Wochenschr." nieder. Die mathematischen Einzelstudien Bukas finden sich in Schlömilchs „Zeitschr. f. Mathem." und in den Programm- Abhandlungen des Charlottenburger Realgymnasiums. Zu nennen sind: „Die Krümmung windschiefer Flächen in den Punkten einer gradlinigen. Erzeugenden" (1881) „Beiträge zu der Grüblerschen Bestimmung der Krümmungsmittelpunkte der Polbahnen eines ebenen Systems" (1888), „Elemente der kinematischen Geometrie des zweigliedrigen ebenen Systems" (1890). Zu Unterrichtszwecken gab Buka „Projektivische Maßstäbe" und „Bewegliche Modelle zur höheren Geometrie" heraus. In dem Dahingeschiedenen, dessen Eifer für die Wissenschaft, dessen große Begabung und dessen heiterer, goldreiner Charakter von Allen gepriesen wird, die ihn kannten, verliert aber auch das Judenthum einen. seiner besten und treuesten Söhne. Trotz der großen Arbeitslast, die auf ihm lag, widmete er sich doch mit gleichem Eifer den Angelegenheiten des Judenthums. Professor Buka war Vorsteher der jüdischen Gemeinde zu Charlottenburg und Mitglied des Vorstandes des liberalen Vereins für die Angelegenheiten der jüdischen Gemeinde in Berlin. Er war das Muster eines modernen Juden, und'sein Hinscheiden wird von uns mit N a