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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1896-12-11 · Heft 50 (11.12.1896) · p. Seite 599

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
60 (1896)
Issue
Heft 50 (11.12.1896)
Date
1896-12-11
Page
Seite 599 (sequence 11)
Language
German
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599 ankäwpfen, „das mußt Du. Und, wenn Du schon thust, was Du thust, warum muß Fanny und das Kind sich auch ausschmadden?"*) »Ich habe wirklich nicht wollen, Vaterleben," fiel hier Fanny ein „aber ich habe die ganze Nacht vor Sorge und Aufregung kein Auge schließen können. Sollte ich noch so einen Tag zubringen, ich wäre krank geworden. Ich denke, Gott wird mir das verzeihen. Ich thue es sonst niemals." „Halt Later!" bemerkte hier der Doktor, „wir haben ja das wichtigste Argument vergessen. Heute ist doch der zweite Feiertag, der doch nur ein rabbinischer Gebrauch ist, „die Sitte Euerer Väter in Euerer Hand", sagt doch der Talnmd ganz oben auf der ersten Blattseite, gleich hinter der trefflichen Abhandlung von dem am Feiertage gelegten Uiiglücksei. Nicht wahr, Vater?" „Ja, einen Kopf hast Du, Eisen," bemerkte der Alte, indem er sich bemühte, durch die aufgeworfene Unterlippe eine Entrüstung zu zeigen, welcher der helle Glanz der Augen widersprach. „Ich habe Dich zu viel lernen lassen. Das ist das Unglück. So suchst Du Dir jetzt heraus, was Du gerade brauchst." „Ja wohl, ganz wie die Schüler des Antigouos und alle anderen Ketzer, deren Jammergeschrei man jeden Freitag hören kann, wenn man im Gehinnom 3) Schabbes macht. Nun sage mir aufrichtig, hast Du wirklich keine Freude, wenn Du Deine Enkelin Hildegard siehst. Die ist eine fromme Seele, dle ain Freitag Abend kein Theater besticht und in den Häusern ihrer christlichen Freundinnen nichts essen will." Der Alte streichelte dem hochgewachsenen Mädchen, das an seinem Bette stand, die Hände. „Glaube mir, Vater," fuhr der Doktor fort, „die wird die Ehre der Familie retten. Nicht wahr. Hilda, Du heirathest nur einen Rabbiner?" wandte er sich an die Nichte. „Keinen solchen Ketzer, der in seinen Predigten Schillers Glocke und noch dazu am Unrechten Ort und mit falschem Accent zitirt, sondern einen wahrhaft frommen Mann, so wie Reb Eliser war, nicht wahr, Vater! Der kriegt dann den großen Familienschatz, den Schnlchan Aruch mit Sabbatai Koheus, unseres großen Stammvaters — sein Verdienst stehe uns bei — eigenhändigen Randnoten. „Ja, ja!" seufzte Reb Rephoel unter wiederholtem Kopfnicken. „Verdirb mir das Kind nicht. Max, ich bitte Dich", siel Fanny ein, „sie hat noch Zeit, an solche Dinge zu denken." „Nein, das ist eine hochernste Frage," fuhr der Doktor in feierlichem Tone fort. „Sie muß sich auf ihren zukünftigen Beruf vorbereiten. Siehst Du, Hildegarde," sagte er, indem er ihre langen braunen Zöpfe durch seine Hand gleiten ließ, „diesen Schmuck mußt Du auf dem Altar der Ehe opfern, und so eine Haube mit einem breiten Sammtband mußt Du tragen, wie die Großmutter da drüben auf dem Bilde. Nicht Sigwart oder Dankmar darfst Du den Erwählten rufen, sondern „Rebbe" mußt Du zu ihm sagen. In Deiner Hand ruht die Hoffnung auf Erhaltung des großen Namens von Sabbatai Kohen, des Pfadfinders auf dem Gebiete des Suppeutopfes und des Milchlöffels." „Du kriegst doch keine Frau, Onkel," schmollte Hildegard. „Nicht einmal eine mit einer Sammthaube. Nein nein!" „Ah, das traf. Benolio!" sagte der Doktor, „ich bin geschlagen; doch, meine Damen," fuhr er fort, Plötzlich üen Ton ändernd, „ich mich jetzt um die Ehre ersuchen, Sie hinaus begleiten zu dürfen." Und mit verbindlicher Verbeugung nahm er beide am Arme, öffnete die Thüre und hatte sie wieder geschlossen, ehe die Frauen Zeit hatten, zu sagen, daß sie von selber gehen wollten. „Herr Kahn!" wandte er sich an seinen Vater, „Sie werden die Güte haben, mir Ihre Krankheitsgeschichte zu erzählen. So, so! Puls, bitte! Richten Sie sich einmal auf! Tief athmen, bitte, so, so; noch einmal, recht brav! Zunge, bitte, gut! Wo sind die Rezepte? Hm, hm," dann nahm er sein Etui aus der Tasche mit den blanken Instrumenten, vor welchen Reb Rephoel graute. Es ist merkwürdig, was alles in so eines Doktors Taschen Platz hat, Fläschchen, Gläschen, Feuerzeug. Weingeistlampe, und wie rasch er das handhabt. „Hab' keine Sorge, Vater, cs wird nicht wehe thun, nur ein bischen unangenehm, das ist alles." „Ja, so ein Kind, das ist doch ganz anders wie ein Fremder, und geschickt ist er, er hat einen eisernen Kopf. Sonst würde er nicht noch so viel Gemoro kennen. Das hat er von meinem Vater, der hat auch so ein eisernes^Gedächtniß gehabt." (Forts, folgt.) SprerysaaU Hochgeehrter Herr Redakteur! (>8^er Leitartikel der jüngsten Nummer (48) Ihres sehr geschätzten, <32 Blattes schildert mit beredten und leider nur allzu treffenden Worten die religiöse Noth der kleinen israelitischen Gemeinden des Ostens. Freilich sieht es im Westen vielfach nicht besser ans. Der Artikel erblickt eine Abhilfe nur in der auf dem letzten Gemeindetage von Herrn Amtsgerichtsrath Levy vorgeschlagenen planmäßigen Ausbildung von Schächtern und tadelt den Gemeindebund, diesen Antrag aus Kompetenzbedenken zurückgewiesen zu haben. Erlauben Sie mir. Ihnen zu bemerken, daß die Verwerfung des Antrages hauptsächlich aus der Befürchtung heraus geschah, durch seine Annahme die Orthodoxen wie Liberalen gleich antipathische Verquickung des Lehrer- und Vorbeteramtes mit der Schächtthätigkeit zu befördern. Der Gemeindebund will Lehrer, die zugleich vorbeten können, nach Möglichkeit unterstützen, nicht aber dahin wirken, daß ungebildete Schächter die einzigen Beamten kleiner Synagogengemeinden seien und nebenbei lehren und vorbeten. Das werden Sie in der Diskussion des Levy'schen Antrages (Mittheilungen Nr. 44) deutlich ausgesprochen finden. Uebrigens war Herr Amtsgerichtsrath Levy mit dessen Verwerfung, nach der Besprechung, durchaus einverstanden. Die wahre Abhilfe für die Noth der kleinen Gemeinden besteht in der vom Gemeindetage einstimmig empfohlenen Organisation von Bezirksverbänden der Synagogengemeinden. Sie wird den „in die Hauptstädte verzogenen jüdischen Millionären" Gelegenheit gewähren, „etwas von ihrem Segen an die nothleidenden kleinen Gemeinden abzugeben". Erfreulicherweise ist man bereits in mehreren Provinzen mit dieser Organisation beschäftigt. Möge das große Werk schließlich in allen Theilen, zumal des alten Preußen, gelingen, — es ist das eine Frage des dringendsten und unumgänglichsten religiösen wie moralischen Interesses für viele Tausende deutscher Israeliten. Berlin, 4. Dezember. Prof. Dr. M. Philippsvn. X Sehr geehrter Herr Redakteur! Sn Nr. 40 der „Allgemeinen Zeitung des Judenthums" bringt der Sprechsaal eine Notiz zur Bestätigung einer sich vermeintlich auch auf andere Aeußerungen stützenden Bermuthung, daß die beiden seinerzeit in meinem Jahrbuche erschienenen A. Bernsteinschen Novellen „Vögele der Maggid" und „Mendel Gibbor" seitens des Verfassers vorder Veröffentlichung eine sorgfältige Ueberarbeitung erfahren, hätten.. Wie der Einsender aus authentischer Quelle (sie!) wissen will, „soll" Bernstein seine Manuskripte dem weiland Rabbiner Caro in Wlozlawek zur Begutachtung vorgelegt und auf dessen Veranlassung sorgfältig umgearbeitet haben. Allen derartigen Erzählungen, Muthmaßungen u. s. w. möchte ich zur Steuer der Wahrheit folgende thatsächliche Miti) Abtrünnig werden. -) Hölle.

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