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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1896-12-11 · Heft 50 (11.12.1896) · p. Seite 598

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
60 (1896)
Issue
Heft 50 (11.12.1896)
Date
1896-12-11
Page
Seite 598 (sequence 10)
Language
German
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598 beunruhigte ihn. Das war ein sicheres Zeichen und wenn die größten Doktoren der Welt das Gegentheil sagen: der Großvater hat gerufen. Das stand fest, obwohl er selbst sich bemüht hatte, es dem Kranken auszureden. Seine Channe hat auch gerade zwei Tage vor ihrem Tode von dem kleinen Moschele geträumt, der ihnen vor vielen Jahren als zweijähriges Kind gestorben war. Wie wäre ihr das eingefallen? Man hat schon viele, viele Jahre von dem Kinde, nicht gesprochen. Natürlich, die Lobten wissen alles, und wenn sie erfahren, daß jemand von ihren Lieben kommen soll, gehen sie ihm entgegen, wie wein: Jemand einem guten Freunde entgegengeht, der von einer langen Reise zurückkehrt. Daß es gerade der Großvater war, der so große Stücke auf Reb Rephoel gehalten hatte, bestärkte Mordche in seiner Vermuthung. Der. Schlaf des Kranken war sehr gestört. Er erwachte öfter, voll Schmerzen geplagt oder von unruhigen Trälimen geängstigt. Stets war Mordche an seiner Seite, llm nach feinen Wünschen zu fragen. Reb Rephoel war sehr geduldig im Leiden. „Schlaf du nur", sagte er. „Mein Schlaf ist niemals besser." Er nahm höchstens seine Medizin, nicht ohne die Formel zu sprechen, daß sie ihm gedeihe. Mit dem ersten Morgengrauen erschien Chawe's weiße Haube in der Thürspalte, Mordche tauschte leise mit ihr ein paar Bemerkungen aus, er wollte jetzt ihr die Pflege des Kranken überlassen, um die Schul' in Ordnung zu bringen, denn heute gab es für ihn viel zu thun. Reb Rephoel Ulerkte, daß Mordche sich zum Gehen anschickte, und rief: „Mordche, du mußt hier erst Kaffee trinken." Mordche betheuerte, daß ein so zeitiges Frühstück gegen seine Gewohnheit sei, aber der Kranke gab nicht nach, und so mußte er sich fügen. Als er sich ungeduldig erhob, rief ihm Rephoel nach: „Vergiß mir nicht an den Notar, und dann hör' noch eins. Sie werden mir wollen einen Mischeberach machen lassen. Sag' ihnen, ich will das nicht. Sag' irgend eine Ansrede, sag' .... du -glaubst, ich werde mich aufregell, wenn ich es höre, sag', was dir gerade einfällt. Ich will nicht, daß der Schegetz*) mit dem Knebelbart mich segnen soll. Und wenn der Rabbiner dich fragt, wie es mir geht, sag', der Doktor hat verboten, irgend Jemanden zu mir hereinzulassen. Hörst du!" Ein sonniger warmer Herbstmorgen war angebrochen. Lustig tanzten die Sonnenstäubchen in einem schrägen Bündel durchs Fenster, und verspätete Fliegen putzten mit ihren Hinterfüßen emsig ihre Flügel, als gelte es, die Toilette für eine neue Saison zu besorgen. Dem Patienten war es, als fühlte er den Spätsommer in seinen Kräften; der Arzt, der am Morgen wieder vorsprach, hatte seinen Zustand zufriedenstellend gefunden und ihm auf baldiges Aufstehen Hofflnmg gemacht. So saß er denn, von drei jener monströsen Kopfkissen unterstützt, wie sie der Hausrath unserer Altvorderen kannte und deren eines hinlänglich Federn enthielt, um ein ganzes Hotel zu versorgen. Auf der ebenso schweren Oberdecke lag ein Band der Mischnah, in dem er summend las. An der Hausthür wurde geklinkt. Man hörte in der Krankenstube Gutruds freudigen Aufschrei: „Nein, so eine Ueberraschung, Gott soll's Ihnen zahlen, gnädige Frau, nein, der Schrecken, ich will das nicht wieder erleben! Herr Doktor, wenn Sie da sind, ist schon alles wieder gut, und das Fräulein ist schon wieder um einen ganzen Kopf gewachsen in den drei Wochen, seit ich sie nicht gesehen habe, so wahr ich lebe!" Die Angckommenen hatten Mühe, den Redeschwall zu hemmen, um nur die dürftigsten Nachrichten über das Befinden des Kranken i) Ketzer. zu erhalten, der natürlich sofort wußte.« welcher Besuch ihm bevorstand.. Es kostete ihn offenbar einige Mühe, zu seufzen, wie er es that, während ein Schimmer Heller Freude über seinem Angesicht lagerte. „Ja, ja," sagte er, die Vokale dehnend, „wenn mir einer vor dreißig Jahren prophezeit Hütte, daß meine. Kinder am heiligen „Jontew" zu mir gefahren kommen werden. Ja, ja, man giebt nach, ob man will oder nicht! Geh', Chawe," wandte er sich an die Wärterin, die still in ihrem Gebetbuche las, „sag', sie sollen hereinkommen." In demselben Augenblick that sich schon die Thür auf, und die Gäste eilten auf das Krankenbett des Vaters zu. Chawe hatte sich still zurückgezogen. Nach den ersten Begrüßungsworten sagte Max, auf die offene Mischnah deutend: „Das ist ja ein gutes Zeichen. „Leiden, die uns am Studium der Gotteslehre nicht hindern, sind ja keine Strafleiden." So steht es doch im Talmud, nicht wahr, Vater!" „Ja, ja," glaubte Reb Rephoel wieder bemerken zu müssen, ohne seine freudige Stimmung hinter dem gedehnten „a" verbergen zu können. „Das alles weißt Du, und doch kommst Du am Jontew herausgefahren. Soll mich das gesund machen?" „Nanu, Väterchen, nicht so tragisch," sagte Max. „Wir haben den Wagen vor der Mauthschranke verlassen, um die öffentliche Meinung dieses heiligen Ortes, wenn eine solche noch besteht, nicht zu provozireu, und sind zu Fuß hierher gewandert. Was mm die von der Stadt bis hierher begangene Sünde betrifft, habe ich sie ganz auf mir, denn ich befand mich gerade in der Stadt, als die Nachricht von Deiner Erkrankung eintraf, und diese unschuldigen Weibsleute habe ich auf meine Veralllwortung mitgenommen." „Du brauchst mich nicht zu täuschen;" sagte der Alte, „ich weiß, ich bin in Gottes-Hand." „Nein, beruhige Dich vollständig," meinte der Doktor. „Du weißt, ich hätte von Fabiansberg noch nicht hier sein können. Ich hatte wirklich ein Geschäft in der Stadt, als uns Mordches Depesche traf, die uns Deine Erkrankung meldete." „Der Mordche!" brummelte Reb Rephoel. „Hätte er mir nur ein Wort gesagt!" „Nun, siehst Du," sagte der Doktor wieder, „der alte Wächter über die Frömmigkeit der Gemeinde hat mit einer Logik, die einem Manne, welcher weder Bacon noch Kant gelesen hat, alle Ehre macht, einfach so gefolgert: Dr. Max Kohn, fürstlich Aldringenscher Bergarzt in Fabiansberg, befindet sich, wollen wir annehmen, am heiligen Jom - Kippur in der Synagoge, gerade während das Weltengericht in den erschütterndsten Worten und Weisen geschildert wird. Da kommt ein Bote und meldet: In der Segengotteszeche ist ein Arbeiter von einem herabfallenden Stück Kohle getroffen worden. Man hat ihn mit eingeschlagenem Schädel, aber noch lebend, ins Hospital gebracht. Was wird der Doktor thun? Er wird ungesäumt in den Wagen springen und den Kutscher rasch zufahren heißen, obwohl hundert gegen eins zu wetten ist, daß der Verunglückte schon tobt oder unrettbar verloren ist. Nun, so räsounirt Mordche, und er hat nicht Unrecht; wenn der Doktor Max Kohn das für einen wildfremden Menschen thun darf, und sein eigener frommer und gelehrter Vater" — „Red' ' mir nichts ein," rief der Alte dazwischen — „und sein eigener frounner und gelehrter Vater ihm nichts anderes rathen würde," fuhr der Doktor unbarmherzig fort, „warum soll er seinem Vater zuliebe nicht das Gleiche thun dürfen?" „Das ist etwas anderes," erwiederte der Alte mit jener Hartnäckigkeit, die immer em Zeichen ist, daß wir gegen unser Besserwisseu

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