Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 50 (11.12.1896)
- Date
- 1896-12-11
- Page
- Seite 597 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3224737-3228148-3228199--53319-3258992- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
öffentlich. geschworen hätte, dem Llusspruche des Säugers der Psalmen zu folgen: „Meine Rechte möge verdorren, wem: ich Dem vergesse!" Wiewohl Morgulies verhültllißmäßig wenig geschrieben hat, muß man sich dennoch wundern, daß er bei seinen vielfältigen und verschiedenartigen Praktischen Beschäftigungen noch Zeit und Muße zu seinen litterarischen. Arbeiten gefunden hat. Morgulies war- Mitarbeiter aller russisch-jüdischen Zeitschriften, wo er eine große Anzahl von Aufsätzen über brennende Lagesfragen geschrieben hat; in der Zeitung .„Djen" leitete er die ausländische Abtheilung und betheiligte sich an der Redaktion dieses Organs. Manmuß noch in Betracht ziehen, daß Morgulies von Fach Anwalt ist, der eine große Praxis hat (besonders im Civilprozeß, in dem er ein Spezialist ist). Die Advokatur ist die einzige, Quelle seines Erwerbes. Im Kreise der Odeffaer Juristen — gleichviel ob Christen oder Juden — erfreut sich Morgulies der größten Achtung. Er bekleidete längere Zeit das Amt eines Sekretärs der juridischen Gesellschaft und schrieb einige interessante Arbeiten über Jurisprudenz, lieber „F. Lassalles System -erworbener Rechte", „Unsere Gesetzgebung in Bezug auf das Eherecht der Nichtchristen" sind im ' „Journal des Civil- und Kriminalrechtes" der Jahre 1881 und 1884 äbgedruckt. „lieber Vindikation nach dem russischen Rechte", „K. D. Kawelin nach seinen Arbeiren" und noch andere Aufsätze sind in den „Mittheilungen der Odessaer juridischen Gesellschaft" erschienen. Nach seinen moralischen Anschauungen gehört Morgulies zu den typischen Vertretern der Periode der sechziger Jahre, der die großen Verheißungen der Vergangenheit aufbewahrt hat und den festen Glauben an die allgemein menschlichen Ideale sich nicht rauben ließ- Seine Gutmüthigkeit undWelchherzigkeit sind überraschend; nicht leicht ist es, ihp aus seiner Geduld zu bringen; er gleicht darin dem alten Hillel. tiefer feiner ^)er3elI§eiQcufd^^aften bedient sich die große Masse der intelligenten Bevölkerung, die stets sich an ihn um Rath wendet. In diesen Kreisen ist Morgulies sehr populär. Wir wünschten von Herzen, es möchte in Rußland viele ähnliche Männer geben! Morgulies befindet sich jetzt in der vollen Blüthe seiner geistigen Kräfte; er hat sich die Macht des Geistes und eine idealistische Lebens- . lmschäuung bewahrt. Der Sturm, der sich über die Häupter der russischen Juden in der traurigen Periode der Verfolgungen entladen, hat natürlich auch seinen Optimismus unterwühlt, er hat ihn aber nicht gänzlich zerstört. Das, russische Judenthum kann noch viel Nützliches von diesem hervorragenden jüdischen „Sechziger" erwarten. FEUILLETON Eine Erzählung aus dem jüdischen Leben der jüngsten Vergangenheit, von Gotthard Deutsch. Sechszehntes Kapitel. Der Besuch am Feiertage. ./^^A hawe hätte sich wortlos an Neb Rephoels Bette 'niedergesetzt, \W) nur die offenen Bänder der weißen Haube verriethen, daß sie es sich bequem machen wolle. Ohne ein Wort zu sprechen, wechselte sie die Eisumschläge aus Reb Rephoels Kopf, und mir mit einer kurzen Aufforderung', sich zu erheben, reichte sie ihm zur bestimmtenIZeit die Medizin. * Mordche war nach Verlauf einer Stunde wieder zurück. Das ' Telegraphiren hatte Awrom besorgt, denn Mordche war dazu doch nicht geschickt genug und dann, wenn auch der Beamte das 'Telegramm aufschreibt, man kann ihn doch am Feiertage nicht 'bezahlen, und der Awrom, wie schon die junge Welt ist, macht sich daraus nicht viel. So hatte er die Silbergeräthe aus der ^Synagoge geholt 'und war wieder an seinen Posten geeilt. „Chawe." sagte er bei seinem Eintritte, „Du kannst wieder nach Hause gehen. Für uns beide ist kein Bedarf, und ich bleibe ohnehin hier." _ Chawe weigerte sich, aber Reb Rephoel sagte mit schwacher "Stimme: „Ich fühle mich schon besser und möchte schlafen." So wurde denn beschlosien, daß Chawe Gutruds Zimmer theilen .'sollte, um, welm es nothweudig wäre, zur Hand zu sein. Mordche wollte trotz Reb Rephoels Protest nicht nach Hause gehen. „Ich bin das Wachen gewöhnt," sagte er, „und mir schadet es nicht, Gott sei Dank, und wenn ich mich in den Lehnstuhl setze, schlafe ich gerade so gut wie im weichsten Bett." Als sich die Frauen zurückgezogen hatten und Reb Rephoel sich yon Mordche die Hände waschen ließ, .um sein Nachtgebet zu sprechen, sagte er: „Weißt Du, was mir eigentlich gewesen ist?" Mordche horchte aus. „Ich habe den „Deden"*) gesehen, der Friede mit ihm, gerade so deutlich, wie ich Dich sehe, und gewinkt hat er mir, ich soll mit ihm zmn Duchangehen. Man soll auf solche Träume 'iuchis geben, aber es ist doch eine eigene Sache." „Das nimmt mich doch ein Wunder auf Euch, Reb Rephoel," erwiederte Mordche hastig, „daß Ihr Euch aus solche Schmonzes^) einlasset. Wenn ich sollte auf das achten, was ich in meinem Leben '^chon geträumt habe, wäre ich längst nicht mehr da." j , „Träume nützen nichts und schaden nichts," zitirte der Alte aus '))em Talmud. und Mordche meinte scherzend : „Jetzt thut es mir gar nicht leid, daß ich ein Anchorez bin. Ich habe das nicht gelernt und weiß gerade so viel." / Nach einer kurzen Panse begann Reb Rephoel wieder mit einem '"Tone, der gleichgiltig seinsollte, dem mau aber eine innere Erregung aumerkte: „Hör' mal, Mordche, Du darfst das nicht vergessen, Morgen früh, wenn Du von Schul kommst, mußt Du mir ^gleich zum Notar hingehen. Er soll Herkommen oder mir seinen Kanzlisten schicken. Ich will den Kindern schreiben lassen und habe 'noch etwas mit ihm zu reden." Mordche that, als verstände er nicht. „Morgen wollen wir von Morgen reden," sagte er. „Gönnt Euch jetzt nur Ruhe, damit Euch der Schlaf erquicke. Schlaf ist die beste Medizin." .Reb Rephoel murmelte leise sein Nachtgebet. Nur einzelne ^ütze, die er besonders betonte, konnte man hören.' „EMlchte meine Äugen, daß ich nicht entschlafe den Todesschlaf," und wieder nach einer Pause: „Ich lege mich nieder und entschlummere, ich erwache, denn der Herr stützt mich." Dann wieder: „In Deine Hände befehle ich meine Seele." „Alle Krankhelten, die ich gebracht habe über Aegypten, will ich fern halten von-Dir, ich, der Herr, bin es, .der Dich heilt." „Siehe, er schlummert und schläft nicht, der Hüter- Israels." . ' - Die Lampe war durch einen Schirm nach der Seite des Kranken verdeckt worden, und Mordche konnte nicht sehen, ob Neb Rephoel schlief/ Er hatte seine weiße. Zipfelmütze aufgesetzt' und lehnte seinen Kopf gegen den Rücken des Lehnsessels,' ohne ein Auge zu schließen.. Die Erscheinung, die ihm Reh Rephoel erzählt hatte, ' r) Großvater, aus dem Slavischen. / ■ 2) Thörichte Geschichten, korrunipirt aus dem hebräischen Schmueß.