Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 50 (11.12.1896)
- Date
- 1896-12-11
- Page
- Seite 596 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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1869 übersiedelte er^gänzlich nachOdeffa, und . hier beginnt eine neue- und sehr wichtige Periode seiner litterarischen und Gemeindewirksamkeit, - die ihm einen ehrenvollen und hervorragenden Platz anwies. - Gleich bei seiner Ankunft in Odeffa nahm er den lebhaftesten Antheil an allen jüdischen Gemeindeangelegenheiten; er wurde hier sofort beachtet und wurde bald in dieser oder jener Anstalt und Stiftung als Mitglied der Verwaltung gewählt. Jetzt giebt es in Odessa keine einzige jüdische Verwaltung, wo er nicht die Hauptrolle spielt. :: Die Stellung von Morgulies in Odessa ist eine ganz ausschließliche: ohne seinen Rathseine Leitung und ' unmittelbare Theilnahme wird keine einzige jüdische Angelegenheit unternommen. Ungeachtet besten, 'daß Odessa He größte und" bedeutsamste russischjüdische Gemeinde im Süden ist, so wird man dort, doch nicht einen zweiten Menschen finden, der so erfahren und so nützlich für das Judenthum wirkt. Dies erklärt sich theilweise dadurch, daß Morgulies ein jetzt seltenes Vorbild eines intelligenten Mannes darstellt, der ' mit einer vorzüglichen europäischen Bildung ein gründliches althebräisches Misten in sich vereinigt. Eine Sammlung seiner Aussätze, die früher in verschiedenen periodischen Zeitschriften abgedruckt waren („Raßwet", „Wosschod", „Jüdische Bibliothek", „Jüdische Rundschau", „Djen" und „Der russische Jude"), ließ er im Jahre 1889 in Peters-. bürg unter dem allgemeinen Titel „Fragen des jüdischen Lebens" erscheinen, und hier findet man den Widerhall alles besten, was das russische 'Judenthum in den letzten 30 bis 40 Jahren in Bewegung setzte. Auf dem ersten Plan stehen seine Aufsätze zur „Geschichte der Bildung der russischen Juden". Es ist eine lebhafte Schilderung jenes Kampfes, den die Pioniere der Bildung unter den Juden bei Gründung der Schulen von der fanatischen jüdischen Bevölkerung zu erleiden hatten, eine Darstellung, die oft von kritischen Bemerkungen des Verfassers' unterbrochen wird, die allerdings jetzt ihre Bedeutung verloren haben. Diesem folgen die Aufsätze „Ueber die jetzigen jüdischen Gemeindeschulen" und „Was sollen wir mit den russischen Juden thun", in welchen er mit Eifer die Nothwendigkeit einer Reorganisation unserer Jeschibots (die ihren Zweck nicht erreichen) in höhere rabbinische Seminarien nach dem Muster der westeuropäischen vertritt; in seinem zweiten Aufsatze kämpft er für allgemeinere Errichtung von Handwerks- und landwirthschaftlichen Schulen für unsere Jugend, gegen vieles Uebel, das jeden armen Juden im Leben erwartet. Zu gleicher Zeit sagt Morgulies viel bittere Wahrheiten unserer jüdischen Bourgeoisie und Intelligenz und richtet an sie den Ruf, für das Wohl ihres Volkes zu wirken und zu arbeiten. Man kann nicht behaupten, daß diese Aufsätze sich durch eine besondere Überzeugungskraft auszeichnen und den Gegenstand erschöpfen, den sie behandeln; aber die Fragen selbst, die sie berühren, sind so lebenskräftig und so wichtig für das russische Judenthum, daß sie bis heute noch ihre Schärfe nicht verloren haben. In Betreff eines theologischen Seminars, einer Anstalt, in der die wahre. jüdische Wissenschaft betrieben werden soll und aus der gebildete Rabbiner und Führer des Volkes hervorgehen sollen, haben wir nichts'gethan, und daran hat natürlich unser unverzeihlicher Jndifferentismus für die höheren nationalen Interessen Schuld und der rohe Utilitarismus, der sich mit einem in der Ferne noch liegenden Nutzen nicht begnügt. Mit den Gewerbeschulen steht es' umso bester. Handwerkerschulen sind in vielen Städten „des Ansiedelungsrayons" eröffnet, und landwirthschaftliche Farmen und der-- gleichen lenken die Aufmerksamkeit aller jüdischen Männer auf sich und werden nach und nach ins Leben gerufen.. In dieser Beziehung ist das Wirken von Morgulies von Erfolg gekrönt worden : er leitet selbst eine der besten und bedeutsamsten Handwerkerschulen der Odessaer Gesellschaft „Trud", an deren Spitze er- 25 Jahre' steht (seit August 1871). - Dank hauptsächlich seinen Bemühungen wurde noch eine ■■ andere sympathische Anstalt geschaffen? die landwirthschaftliche Farm beim jüdischen. Waisen--, hause, wo Morgulies viele Jahre als Mglied des Kuratoriums segensreich wirkt. Seine sympathischen Ideen führt .er nicht, nur in der Presse,.- sondern .auch in fast..allen jüdischen Anstalten in Odeffa. durch (Talmud-Thora, Gesellschaft für israelitische Ackerbauer in Palästina, Waisenhaus, .Gesellschaft zur - Verbreitung der Aufklärung unter den Juden,.'Gesellschaft „Trud" und noch .viele andere). Ganz ^besonders widmet er seine Zeit und Muße der „Gesellschaft zur Verbreitung der Aufklärung", in welcher er die anspornende Seele des Komitees ist, das seine Thätigkeit bedeutend erweitert hat. Es erübrigt noch, über die wichtigsten ausführlichen und ausgezeichneten Aufsätze von Morgulies zu sprechen. Zu diesen zählen wir „Selbstbefreiung und Selbstaufgebung", „der Kahal itnb das Magdeburger Recht", „die Fleischpacht" („Korobotschny Sbo r") und ein sehr, ausführliches Memoire für die Pahleusche Kommission über die jüdische Frage (1887), welches in drei Theile zerfällt: über das Recht des Grundbesitzes der Juden, .über, die Erweiterung des Ansiedelunzsrayons und über die Fleischpacht. Der erste von den erwähnten Aufsätzen berührt die wichtigste Aufgabe des russischen Judenthums; mit einer außergewöhnlichen Wärme und Schärfe, die seinem Charakter gar nicht eigen sind, tritt er gegen Diejenigen auf, die eine „Selbstaufgebung" predigen, indem er die Nothwendigkeit einer Wiedergeburt des Judenthums beweist. Hier in diesem Aufsatze spannt Morgulies eine Brücke, auf welcher er sich mit den bekannten Vertretern der Palästinophilen verbindet. In dieser Bewegung sieht er einen jener Abzugskanäle, mittelst derer das bittere Loos der Juden erleichtert wird, die sich gegenseitig in dem verwunschenen „Ansiedelungsrayon" verzehren. Deshalb ist . er für ein „territoriales Centrum", welches wir unser Eigenes nennen könnten und in welchem wir in den Jahren der Bedrängniß und der Verfolgung uns verstecken könnten. Und in diesem Sjnne ist Morgulies eiy Palästinophile. Dies heißt aber durchaus nicht, irgendwelche politische Illusionen hegen; das Resultat seiner Gedanken hat in sich selbst durchaus nichts Zionistisches im-Sinne von Politik, sondern ist begründet durch eine nüchterne und rationelle Erfahrung. Der Aufsatz „Selbstbefreiung und Selbstaufgebung" rief seinerzeit (im Jahre 1884) Sensation hervor. Diese Arbeit zeichnet sich durch eine vorzügliche Sprache, durch Kühnheit der Gedanken, scharfe Logik und ehrliche Ueberzeugung aus. Sein zweiter Aufsatz, „Der Kahal und das Magdeburger Recht", gegen das. berüchtigte Werk von Brafmann gerichtet, ist ein werthvoller Schatz in der Litteratur über das russische Gemeindeleben und schlägt seinen Gegner gänzlich zu Boden. Seine große Gelehrsamkeit entwickelte Morgulies in der originellen Studie „Die Fleischpacht", die auf Grund von primären Quellen ausgearbeitet wurde. Diese beiden. Aufsätze verbreiteten viel Licht über die Themata, die sie behandeln, und schufen eine viel richtigere und gründlichere Anschauung über die den Christen geheimnißvolle Frage des „Kahal" und der'„Fleischpacht". Vor der Pahlenschen Kommission erscheint Morgulies als ein ernster Vertheidiger der Emanzipation der Juden, seine Beweise sowohl aus den historischen, statistischen und logischen Akten, als auch vom rein praktischen Gesichtspunkte, in politischer Beziehung ziehend, v lieber was aber auch Morgulies sprechen mag, immer und überall fühlt er die Nothwendigkeit, ein überzeugendes Wort zur- Verteidigung seiner schwer geprüften Glaubensgenossen zu sagen; denn der MaMel aller elementaren Rechte hindert jeden-richtigen und möglichen Fortschritt im russischen Juhenthum. Als ob er