Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 50 (11.12.1896)
- Date
- 1896-12-11
- Page
- Seite 595 (sequence 7)
- Language
- German
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595 künden wir es öffentlich: tri Io al haleclieni lewaddo jichjeh hoodom, daß wir, jüdische Kantoren, nicht im Drange unseres wenn auch schweren Berufes untergehen, sondern die Fähigkeiten und den Intellekt besitzen, unser geistiges Auge zu geistiger Höhe zu erheben und nach idealen Gliicksgütern zu streben. Jedes ernsten Mannes Rede wird gehört und jede Anschauung vollinhaltlich gewürdigt. Halte sich Keiner zu hoch oder zu gering, um in diesem wahrhaftig edlen Kampfe als Krieger mitzukämpfen, und es wird und muß uns gelingen, unseren heiligen und altehrwürdigen Synagogenmelodien den ihnen schon längst gebührenden Ehrenplatz in der Geschichte des Gesanges zu erkämpfen. SjÄ* Michail Grigorjewitsch Morgulies. Von N. Rafchkowsky. ünfunddreißig Jahre hindurch erklingt dieser sympathische Name inmitten des russischen Judenthums; fünfunddceißig Jahre unermüdlichen Kampfes, mühsamer, anstrengender Arbeit zu Nutz und Frömmelt seines gehetzten Volkes. Was Wunder, daß dieser Name einen Widerhall in den Herzen Derer findet, denen die Interessen des Volkswohles und der Volksaufklärung theuer sind. Morgulies gehört zu den wenigen und seltenen Männern, die mit Leib und Seele sich dem allgemeinen Wohle hingeben; für ihn ist dies keine Nebensache, keine zufällige Beschäftigung, sondern ein organisches Bedürfniß der Seele. Michail Morgulies wurde im Jahre 1837 in Berdiczew von ziemlich bemittelten Eltern geboren, die dem Kaufmannsstande angehörten. Seine Kinderjahre verbrachte er im dumpfen Cheder, dem Studium der Bibel und des Talmuds sich hingebend, deren gründliches Wissen ihm in der Folge von so großein Nutzen war. Morgulies erzählt selbst iit seinen „Lebenseriunerungen" (Wosschod 1895), wie man sein Gedächtniß und seine Fähigkeiten exploitirw, um seinen Kopf mit Dingen anzufüllen, die für den Geist eines Kindes unzugänglich sind; aber dies war dem Melamed nothwendig, um sich mit den glänzenden Fortschritten seines begabten Schülers gu brüsten. Zur selben Zeit entstand zwischen den Eltern unseres Morgulies ein Streit: Der Vater, der unter dem Einflüsse der gebildeten Gruppe der Juden sich befand, wünschte seinem Sohne zugleich mit der jüdischen auch eine allgemeine Bildung zu geben; dagegen sträubte sich die Mutter, die dem Chassidismus zuneigte und in ihrem Erstgeborenen einen zukünftigen frommen Rabbiner sah. Zu dieser Zeit eröffnete ein gewisser Anipolsky ein Mustercheder, wo man mit den jüdischen Lehrgegenständen zugleich auch Russisch lehrte. .Man entschloß sich endlich, den Knaben dieser Schule zu übergeben, der Morgulies mit Dankbarkeit sich erinnert. Zu jener Zeit, wo der Fanatismus den überwiegenden Theil der russischen Juden in seinen Klauen festhielt, wurde ein solcher Entschluß als „Epikuräismus" betrachtet. Nichtsdestoweniger blieb der Vater von Morgulies dabei nicht stehen und übergab seinen Sohn im Jahre 1850 der eben ereröffneten ersten jüdischen Kronsschule. Drei Jahre, die ec in dieser Lehranstalt verbrachte, bereiteten den Klwben derart gründlich vor, daß er im Jahre 1853 in der Rabbinerschnle zu Zytomir auf Staatskosten eintreten konnte. Hier begann für ihn ein neues Leben voll verschiedenartigen Interesses; hier entfaltete sich seine begabte Natur, und ein unbefriedigter Durst des Wissens kam zum Vorschein. Dank der gründlichen Vorbereitung in den jüdischen Gegenständen hatte der Jüngling die Möglichkeit, einen großen Theil seiner Zeit der Lektüre klassischer Werke zu widmen. In den höheren Klassen zog er die Aufmerksamkeit seiner Lehrer und Vorgesetzten durch seine merkwürdige geistige Entwickelung und durch seine glänzenden Fortschritte in den Wissenschaften auf sich. Er stand stets an der Spitze aller seiner Kameraden. Die Seminaristen bereiteten sich schon in der Lehranstalt auf ihre künftige Karriere als Kronsrabbiner und Pädagogen vor. Seit dem Jahre 1861, nach Beendigung der Schule (in der Rabbinerabtheilung), beginnt sein aktiver und offener Kampf gegen die Unwissenheit der jüdischen Massen. Als Zögling der Rabbinerschule auf Kronskosten erzogen, war er verpflichtet, nach Absolvirung derselben den Posten eines Rabbiners anzunehmen, der ihm von der Gouvernementsbehörde designirt wurde. Aber Morgulies dachte nicht einmal daran, sich der religiös-geistlichen Thätigkeit zu widmen, es zog ihn zur Universität hin. Der berühmte Nikolai Jwanowitsch Pirogoff — der damalige Kurator des Kiewschen Lehrbezirks —, dein er von der besten Seite bekannt war, kam ihm zu Hilfe und richtete eine Bitte an das Ministerium des Innern, diesen talentvollen jungen Mann von den Pflichten des Rabbineramtes zu Befreien und ihm das Recht zu gewähren, die Universität zu besuchen. Diese Bemühungen dauerten ziemlich lauge — säst drei lange, bange Jahre, in welcher unser Morgulies zu kämpfen und zu leiden hatte. Er ging nach Berdyczew, wo der unvergeßliche Pirogoff ihm eine Stelle als Lehrer der russischen Sprache in jener Kronsschule verschaffte, wo er seine Erziehung genoß. Inzwischen forderte der Gouverneur seine Abreise nach dem Flecken Skwir — einem Neste des schlimmsten Chassidismus, wohin er absichtlich als Rabbiner ernannt wurde. Morgulies sträubte sich mit Händen und Füßen dagegen, indem sich auf die Verwendung seines einflußreichen Gönners und Beschützers bezog, urtb ging auch nicht nach Skwir. Er war aber gezwungen, Berdiczew zu verlassen und nach Kiew zu gehen, wo er einstweilen als freiwilliger Zuhörer die Universität bezog. Im Jahre 1864 endlich kam die Bewilligung vom Ministerium, und Morgulies wurde als Student der juridischen Fakultät eingetragen. Seine Studentenjahre verbrachte er in mühsamer Arbeit zur Selbstbildung, trotz der heißen Zeit der politischen Umtriebe in der Studentenschaft. Morgulies begann schon damals verschiedene Aufsätze zu veröffentlichen und wurde durch dieselbe!! in größeren Kreisen bekannt. Dieser Periode gehören die Aufsätze: „Die Zadikim-Wunderthäter" (welcher eine Antwort von Herrn Fedoroff, einem Beamten des Kiewer Gouverneurs hervorrief), „Die alte und neue Kabbala", „Ueber das Recht des Besitzes von Gütern in den westlichen Provinzen" u. m. a., die im „Kijewljauin" und in der „Wolgaschen Gouvernementszeitung" erschienen. An diesem letzten Organ betheiligte er sich als Mitarbeiter auf Einladung des Gouverneurs. Noch früher (im Jahre 1861) schrieb ec im „Naßwet" von O. Rablnowitsch: „Die neugriechische Poesie und die Juden", „Ueber Ertheiluug der Rechte an die Zöglinge der Rabbinerschuleu". Noch auf der Studenteubauk schrieb er die Monographie „Ueber das Erbschnftsrecht nach der mosaisch-talmudischeu Gesetzgebung", die er im Jahre 1869 als Dissertation einreichte, um den Kandidatengrad zu erlangen, und die er auch vor der Fakultät öffentlich vertheidigte. Im Jahre 1867 veröffentlichte er eine Sammlung seiner größeren Aufsätze, als: „Frank und die Jrankisteu", „Schilderung des kriminellen Gerichtsverfahrens bei den alten Hebräern", „Zur Vertheidigung des Talmuds" und noch viele andere. Diese Aufsätze haben noch bis jetzt ihr Interesse nicht verloren. Nach Absolvirung der Universität wurde ihm die Stelle als Inspektor der Rabbinerschnle in Zitomir angeboten, aber er wies dieselbe für eine andere, weit größere Karriere zurück. Ende des Jahres