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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1896-12-11 · Heft 50 (11.12.1896) · p. Seite 594

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
60 (1896)
Issue
Heft 50 (11.12.1896)
Date
1896-12-11
Page
Seite 594 (sequence 6)
Language
German
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- —— 59-Jr. Ursachen die beklagenswerthe Wirkung auch hierbei hervorgerufen wurde, bedarf keiner weitschweifigen Erörterungen. So viel steht indeß für den Eingeweihten und im Dienste des Kultus Stehenden fest: Gemeindegesang ist kein störender, sondern ein die Andacht wesentlich fördernder Faktor im jüdischen Gottesdienste, besonders wenn er von der Schule her in rechter Weise vorbereitet wird.. Die Wahrheit dieses Satzes haben gerade unsere genialsten Synagogenkomponisten Lewanvowski und Sulzer, allerdings etwas spät, erkannt und waren bemüht, bei den von ihnen geschaffenen und geleiteten Gottesdiensten neben den Chören auch dem Gemeindegesange die ihm gebührende Stellring einzuräumen. Orgel und Chor, vereint oder getrennt, bilden bereits in vielen Gemeinden eine kräftige Stütze für die allgeineine Gesangsbetheiligung, namentlich der Responsorien und kleiner, geeigneter Chornummern; die strenge Durchführung unseres Prinzips, zumal dort, wo die Unterhaltung eines Chores unmöglich ist — und dazu sind ja die meisten mittleren und kleinen Gemeinden zu zählen —, würde sicherlich mit der Zeit von segensreichem Einflüsse auf die Bessergestaltung des Kultus sein. Tritt hierzu noch ein Vorbeter mit voller Sach- und Fachkenntniß, eine eonckitio sine' qua -non, welche den leitenden Männern unserer Neligionsgemeinden bei der Wahl ihrer Vorbeter nicht eindringlich genug ans Herz gelegt werden kann, so wird dieses Ziel zweifellos erreicht und damit dem frommen Wunsche des Herrn Professor Steiilthal in gewisser Beziehung entgegengekommen werden. Einem störenden Moment, das in neuerer Zeit von den sogenannten „Künstlern" unter den Kantoren, besser „imitirten Chasonim", in die Synagoge verpflanzt worden, muß bei unserem Bestreben mit Entschiedenheit entgegengewirkt werden, nämlich dem Vortrag arienhafter Pieren, sowie aus Obern und Oratorien entlehnter Rezitative. Das, was die alten Chasonim im Gegensätze zu „Kol" schlechtweg „Dibbur" nannten, d. h. die Fähigkeit, durch ein melodisches Parlando zu wirken, scheint aber vielen Vorbetern zu mangeln. Und doch hängt hiervon mehr ab, als sich mancher „Sänger vor dem Herrn" träumen läßt. Die schlichte, innige Art vorzubeten, obschon dieselbe keineswegs weniger künstlerisches Können erfordert, als pomphaft vorgetragene Solis, wirkt auf den Zuhörer mindestens ebenso wohlthuend und erweckt in ihm das Gefühl der Andacht und das Bedürfniß, selbst 311 beten, nicht nur passiv zu sein, wie es Herr Prof. Stein annimmt und als für den Gottesdienst heilsam hält. — Hierzu gehört für den Vorbeter vor allem gründliche Kenntnis; des alten Chasouus, nicht allein der stereotypen Melodieen, dann aber auch Phantasie, eine Gabe, die allerdings nur bevorzugten musikalischen Naturen eigen zu sein pflegt. Diesem Mangel kann jedoch zum großeil Theile dadurch abgehotfell werden, daß erfahrene und befähigte Kantoren die alten Vortragsweisen aufzeichnen und'sammeln. Ein solch' zu schassendes Handbuch, ein vollständiges Chasan-Gebet- und Vortrags-Buch, würde zweifellos eine Lücke in unserer musikalischen Synagogen - Litteratur ausznfülten im Stande sein. Und das ist's. was Herr Professor Steinthal in seinem schätzbaren Aufsatz „Was wollen wir mit den jüdischen Melodieen?" verlangt und erwartet. Darum schließen auch wir uns dem Rllf an diejenigen Kantoren gern an, welche befähigt und berufen sind, das altehrwürdige Chasonus, das ehemals ein kostbares Erbauuugsmittel unseren Vätern gewesen, oder doch im Geiste desselben, und zwar in streng musikalischer Form, für die Zukunft niederzuschreiben und es als ein gemeinsames Eigenthum der Synagoge zu überliefern, nicht allein im Interesse der Geschichte, sondern mehr noch zum Heile des Gottesdienstes und zur größeren Verherrlichung Gottes. Daß bei diesem schöneil Unternehmen man sozusagen „die eigenen Kirchthurmintereffeu" wird aufgeben und vom allgemeinem Gesichtspunkte geleitet werden müssen, ist selbstverständlich. Dem Herrn Professor Stemthal gebührt das nicht geringe Verdienst, diese hochwichtige Frage angeregt, sowie unserem geschätzten Berufsgenossen, Herrn Oberkantor Friedmann in Berlin, nicht minder, die Tragweite und die Bedeutung derselben zuerst erkannt zu haben, deren fruchtbarste Lösung von allen den Männern lebhaft gewünscht werden muß, welche sich für eine iinmer segensreichere Entwickelung unseres Gottesdienstes einen klaren Blick und ein warmes Herz bewahrt haben. Von Herrn Oberkantor Singer in Wien geht uns mit Bezug auf die vorliegende Frage der folgende Aufruf zu: Jilmitten des bedailerlichen Kampfes gegen die Heiligthümer des Judenthums werden selbstredend die Sonderinteressen jeglicher Art in den Hintergrund gedrängt. Diesem bedauerlichen Umstande ist es hauptsächlich zuzllschreiben, wenn auch wir jüdischen Kantoren in letzter Zeit lediglich iit der Erfüllung unserer Funktionspflichten unser Genügeil failden und, unser geistiges Auge auf eminente allgemeine Tagesfragen richtenv, seit geraumer Zeit von der synagogalen Melodie ablenkten. Da, inmitten unseres Säumens. trifft uns du Weckruf von überaus bedeutsamer Seite und mahnt uns an unsere Pflicht. Eine Leuchte der Wissenschaft, kein Geringerer als Herr Professor Dr. Steinthal in Berlill, wendet in einen; überaus sympathischen Aufsatze dieses Blattes der synagogalen Melodie seine Aufmerksamkeit zu, indem er unter der Ueberschrift „Was wollen wir mit den jüdischen Melodien?" im Allgemeinen zur Sammlung aller vorsindlichen synagogalen Melodien auffordert. Herr Professor Steinthal erblickt in einer größtmöglichen Sammlung dieser Melodiengruppe ihre Rettung vor dem Untergange. Unsere gegentheilige Anschauung gipfelte darin, daß nicht eine einfache Sammlung dieser Melodien die eventuelle Rettung derselben bedinge, sondern daß dieser Sammlung die Feststellung eines Stiles vorausgehen und gleichsam in diesem Chaos als Gradmeffer dienen müßte, welche Melodie zu verwerfen und welche aufzunehmen sei. Ist dieser Stil endlich Gemeingut sämmtlicher synagogalgesanglicher Faktoren geworden, dann wird es ein Leichtes sein, bei einer eventuellen Theilung der Arbeit, die Ideale des Herrn Professor Steinthal zu verwirklichen, d. h. eine erschöpfende Sammlung aller unverfälschten Synagogenmelodien aufzustellen. Mehrere unserer intelligenten und für ihr Fach begeisterten Kollegen neigten sich nun unserer Anschauung zu, und Herr Professor Steinthal würdigt dieselbe in einem freundlichen Briefe an den Schreiber dieses Aufsatzes als den richtigen Weg zum ernsten und heiligen Ziele. Um nun die etwas zurückgedrängte Angelegenheit wieder in Fluß zu bringen, erachten wir es zuvörderst als unsere Aufgabe, unsere geehrten Herren Kollegen ohne Unterschied der Nationalität und religiösen Richtung für diesen ernsten Gegenstand zu interessiren. Mögen sich auch die Herren Synagogen-Chordirigenten zu gemeinsan;er Arbeit mit uns vereinigen und zunächst behufs Klärung der Angelegenheit ihre wenn auch extrem gegentheiligen Ansichten in diesein Fachblatte rückhaltlos veröffentlichen. Die Theilnehmer an der Debatte sollen dann zu einem Komitee zusammentreten» welches die Vorbesprechungen zu pflegen und die Tagesordnung für einen großen und allgemeinen Kantorentag festzusetzen hat, m welcher Weise das geplante wichtige Unternehmen einer gedeihlichen Lösung entgegengeführt werden könnte. Nun, geehrte Kollegen, reichen wir uns die Hände und stützen wir uns gegenseitig! Einigkeit macht stark! Zeigen wir und'be-

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