Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 50 (11.12.1896)
- Date
- 1896-12-11
- Page
- Seite 591 (sequence 3)
- Language
- German
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591 Das', der starte Rückgang der Jaden in Westprenßen und Posen sicher auch eine Verschiebung der bisherigen Verhältnisse zu Gunsten der Polen fühlbar machen muß, ist selbstverständlich. Aber auch das genirt unsere braven Antisemiten nicht. * Bei dem Prozeß Leckert-Lützow, der uns ja Gott sei Dank gar nichts angeht, sind doch einige sehr interessante Streiflichter auf die antisemitische Partei gefallen, die den Patriotismus unserer .Gegner in seltsamster Weise beleuchteten. Herr Oberstaatsanwalt Drescher nahm wiederholt Veranlassung, den Unterschied zwischen antisemitischer und deutscher Art scharf hervorzuheben. Verschiedene „Vertrauensmänner" gehören speziell der antisemitischen Partei an; einer derselben erklärte sogar ausdrücklich, auf dem „rassenreinen" Standpunkt zu stehen, und ein anderer ist s. Z. zur Beobachtung der antisemitischen Bewegung nach Leipzig geschickt worden. * Auch Frankreich hat nun seinen Antisemitenkongreß gehabt. Dieser tagte in den letzten Novembertagen in Lyon und war eigentlich nur eine große Parade für E. Drumout und seine Getreuen. Die Beschlüsse, die dort gefaßt wurden, lauten folgendermaßen: „Das Gesetz von 1791, das den Juden französische Staatsbürgerrechte verlieh, ist aufzuheben. Inzwischen müssen die Juden vom öffentlichen Unterricht, von der Rechtspflege, der Verwaltung und dem Offizierstand ausgeschlossen werden. Alle vaterländischen Zeitungen, besonders die katholischen, sollen einen kräftigen antisemitischen Feldzug führen und dazu auch Flugschriften und Nachrichtenagenturen benutzen. Das Gesetz über die Aktiengesellschaften, hinter denen sich die Juden verbergen, soll geändert, kein Jude zu Heerlieferungen zugelassen, Waarenwucher und Ringbildung strafrechtlich verfolgt und ein Adreßbuch aller jüdischen Kaufleute veröffentlicht werden." Sehr charakteristisch ist es aber, daß in Frankreich die Judenhetze auch mit einer Protestantenhetze innig verbunden ist. Man schreibt uns darüber aus Paris vom 3. d. M.: „Den gemeinsamen Kreuzzug gegen Juden und Protestanten predigt der famose G. Thiübaud, der augenblicklich durch die Provinz zieht, um die Volkskreise aufzuhetzen und die kleinen evangelischen Gemeinschaften zu diskreditiren. Als Judenfresser hat er früher schon gegen die „Fürsten der Börse und der Synagoge" gewettert, die er größtentheils als „Prussiens“ denunzirte, jetzt schleudert er dieses „Schlagwort gegen die französischen Protestanten, weil diese durch ihre Glaubensangehörigkeit gemeinsame Interessen mit den Protestanten in Deutschland verbinden. In einer im Stadttheater in Privas abgehaltenen Versammlung brachte er eine Tagesordnung zur Annahme, in der es heißt: „Die Erschleichung des Einflusses der Amtsstellen und Würden der Republik durch eine religiöse Minderheit ist geeignet, in Zukunft die Gewissensfreiheit durch den unausbleiblichen Rückschlag zu gefährden, den dieser Mißbrauch Hervorrufen wird." - * Eine der merkwürdigsten Erscheinungen des jüdischen Lebens in Amerika ist die aktive Theilnahme der Frauen an demselben Diese haben sich in dem National Council of Jewisli Women ein. Organ geschaffen, von dessen Bedeutung der jüngst in New-Aork abgehaltene Kongreß beredtes Zeugniß ablegte. Zu diesem Kongreß waren mehr als 120 Delegirte ans allen Theilen des Landes erschienen. Die amerikanischen Zeitungen berichten darüber: , „Die Beamten des „Council", alle von Chicago, sind folgende: Frau H. Salomon, Präsidentin; Frau E. Mandel, Vizepräsidentin; Frau H. I. Selz, Schatzmeisterin; Fräulein Sadie Americain, korr. Sekretärin, Frau T. I. Wolf, prot. Sekretärin. Achtzehn Staaten find auf dem Konvent, der am Donnerstag Nachmittags schließen wird, vertreten. Die Beamten der Newyorker Sektion sind : Frau A. .KoHut, Präsidentin; Frau S. A. Ruskay, Bizepräsidentin Frau H. N. Viueberg, Schatzmeisterin; Frau Carrie Wise, prot. Sekretärin; Frl. Miriam Fischer, korr. Sekretärin. Am ersten Abend sprach Rev. Dr. K. Köhler zum Beginn der Verhandlungen ein Gebet, und Frau Sophie Beer, die Vizepräsidentin für den Staat New-Aork, hieß die Delegaten willkommen, sie sagte, sie würden während des Konvents in Erfahrung bringen, was der „Council" in den drei Jahren seit seiner Gründung erreicht habe. Der Konvent sei sehr wichtig für alle Israelitinnen und würde sehr viel dazu beitragen, sie zu dem Kampfe für Erziehung und Recht zu vereinigen. Dann hielt Frau A. Kohut, die Präsidentin der New-Aorker Abtheilung, eine begeisterte Ansprache. Die zweite Sitzung fand unter dein Vorsitz der Frau Hannah G. Salomon von Chicago statt. Nach Uebergabe der Beglaubigungsschreiben verlas die Sekretärin Carrie M. Wolff den Jahresbericht, aus welchem hervorgeht, daß dies Council 30 Organisationen und 3000 Mitglieder umfaßt. Die Schatzmeisterin, Frau Bertha A. Selz aus Chicago, meldete ihren Bericht über den günstigen Stand der Finanzen. Die verschiedenen Sektionspräsidentinnen erstatteten kurze Berichte über das Wirken ihrer Sektionen. Dann wurden folgende Komitees ernannt: Religion: Frl. Julie Felsenthal von Chicago; Frl. Cillia Hershsield von New-Aork; Frl. Sarah Lyons von New-Aork; Frl. Mary M. Cohen von New-Aork. Philantropie: Frau Carrie S. Benjamin von Denver; Frau I. M. Appel von Denver; Frau Holzmann von Denver; Frau Josef G. Wallach von New-Aork und Frau Pauline Witkowsky von Chicago. Religionsschulen: Frl. Julie Richmann von New-Aork; Frl. Ella Jacobs von Philadelphia; Frl. Rebecca Cesem von Quincy; Frl. Emma Schulum von Kansas City; Frl. Sadie Americain von Chicago. Der ganze Kongreß verlief in sehr würdiger Weise. Aus Ostpreußen. Von Moritz Scherbel. ir stehen hier noch immer unter dem Eindruck des schweren Verlustes, welchen der Tod des Königsberger Rabbiners Dr. Bamberger in so vielen Kreisen erzeugt, in welchen ihm sein frommes, edles Wirken das höchste Maß von Achtung und Verehrung erworben und eingetragen hat. Tie Trauer um den mit den besten Tugenden geschmückten Seelenhirten reicht weit hinaus über seinen amtlichen Wirkungskreis und bleibt auch dort nicht stehen, wo die Konfession ihren Unterschied zu Tage treten läßt. Was indeß den Schreiber dieses dem Heimgegangenen näher gebracht, war die Eigenschaft als Vorsitzender der Schulinspektion, welche Dr. Bamberger bekleidete, und die ihn mit den einzelnen Inspizienten in stetigem geistigen Zusammenhang erhalten hat. Wie es der Verstorbene recht eigentlich gewesen, der mit Hilfe anderer gleichgesinnter Männer den Ostpreußischen Gemeindebund ins Dasein gerufen und da, wo früher die allerschlimmste religiöse Gleichgiltigkeit vorhanden war> ein frisches, lebendiges Jntereffe.fÄr das ererbte Judenthum schuf, eine Vereinigung zu Stande braM. die jetzt beinahe 40 Gemeinden in ffch birgt, — so war er es auch, der die Schulinspektion begründete, eine Schöpfung, auf die er stets mit einem gewissen Stolz blickte, und die in der That auch ein Musterwerk für andere Gemeinden geworden ist. Als Leiter dieser Institution war der Blick bewundernswerth. womit der Verblichene die Kontrole über das Wesen der unter seiner Aufsicht stehenden jüdischen Religionsschulen der Provinz führte, so wie das innige Mitgefühl in ihm für jeden einzelnen Lehrer