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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1896-12-11 · Heft 50 (11.12.1896) · p. Seite 590

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
60 (1896)
Issue
Heft 50 (11.12.1896)
Date
1896-12-11
Page
Seite 590 (sequence 2)
Language
German
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Mehr als seltsam nimmt sich gegenüber dem Geschrei nach Bekämpfung des Antisemitismus das Verlangen ans, kleine Leute in die Gemeindeverwaltung zu wählen. Beide Forderungen sind geradezu unvereinbar,- denn es ist wohl selbstverständlich, daß nur ein solcher Vorstandhier mit Erfolg auftreten könnte, dessen Mitglieder auch im sozialen Leben eine angesehene Stellung besitzen.. Es erinnert dieses Geschrei an die bekannte Parabel, welche der Talmud aus einem ähnlichen Anlaß von Josua ben Levi erzählt. Der Schweif einer Schlange sprach einst zum Haupte: „Wie lange willst du noch der Erste sein? Ueberlaß jetzt mir die Führerschaft/' Da trat der Schweis sein Regiment an. - Er zog die Schlange über Wassergräben und fiel hinein, über Brandstätten und stürzte in die Flammen, über Dornen und Disteln imb verwundete sich an denselben. Bald war der Leib der Schlange arg zugerichtet. Was war der Grund davon? Weil nicht der Kopf, sondern der Schweif der Führer war. So geht es auch bei den Menschen. Folgen die Kleinen den Großen, so erfüllen sich ihre Wünsche. Aber wenn die Oberen den Unteren folgen müssen, so geschieht nur Unglück. (Midrasch Rabba 5 M. Kap. 1.) Ganz anders liegen die Verhältnisse aber hier in Berlin, wo der Vorstand nach dem unglückseligen Gesetz von 1847 von den Repräsentanten selbst gewählt wird. Seit mehreren Wochen wird hier eine lebhafte Agitation innerhalb der Partei der „neuen Männer" betrieben, zwei von den bisherigen Vertretern fallen zu lassen und an deren Stelle gleichfalls neue Männer zu wählen. Die kühnsten Kombinationen wurden gemacht, Fühler nach allen Richtungen hin ausgestreckt. Das Resultat ist ein mehr als seltsames. Zwei Männer sollen nicht wiedergewählt werden, die in der Gemeinde-Verwaltung sich vortrefflich bewährt haben, von denen der eine die glückliche Muße, die ihm beschieden, ausschließlich in den Dienst dieses Ehrenamtes stellte und mit seinem scharfen Verstände, mit seiner genauen Fachkenntniß, mit seinem warmen Herzen für das Judenthum auch gleichsam prädestinirt war für ein solches Amt, während der andere mit seltenem Pflichteifer und umfaffender Fachkenntniß den humanitären Anstalten der Gemeinde lange Jahre selbstlos sich widmete. Und diese Männer sollen keineswegs etwa darum nicht wiedergewählt werden, weil.sie den religiösen Anschauungen der neuen Partei nicht entsprechen, — o nein, denn auch alle diejenigen Kandidaten, die an deren'Stelle genannt werden, stehen auf dem Boden derselben religiösen Welt- Anschauung und entsprechender Lebensführung! — sondern sie müssen fallen, blos weil die neue Partei eine Machtprobe anstellen will, die ihren Wühlern impouireu sott! Das Hineintragen solcher Machtfragen in die Repräsentanten-Versiimmlung einer Gemeinde ist aber erfahrungsgemäß immer der Beginn. von großen Zwistigkeittzn und schweren Kämpfen, der Friede der Gemeinde wird gestört, und durch diese Störung leiden bekanntlich zumeist und zuerst die Institutionen der Gemeinde, vor allem ihre Wohlthätigkeits-Anstalten. Die ohnehin schon recht ungünstige Lage, in die unser jüdisches Leben eben durch jenes Judengesetz gebracht wurde, würde zu einer wahren.Anarchie ansarten, wenn nian da noch Machtfragen aufwerfen und mit Kraftproben das Schicksal der Gemeinden entscheiden wollte. Nichts ist uns hellte so nöthig, als der Gemeindefriede. Denn nur auf dem Boden gemeinsamen Wirkens können die wichtigstell Fragen gelöst und die Institutionen geschaffen werden, die uns aus dem ailgenblicklichen Chaos herausfiihrell sollen. Nimmt es sich mm eine kleine, aber rührige Partei Heralls, obwohl sie sehr genau lveiß, daß sie innerhalb der Gemeinde selbst nur eine verschwindende Minorität vertritt, blos weil sie eine Zufalls-Majorität in der Nepräsentanten-Versammlling besitzt, eine Kraftprobe gerade bei der Wahl eines Vorstandes ailzustelleil, so ist das in der That ein nlehr als gewagtes Spiel. Und man Mllß deshalb alle Diejenigeil, denen die Erhaltung des Gemeindefriedens und die gedeihliche Entwickelung der verschiedenen Institutionen wirklich am Herzen liegt, dringend davor warnen, imfcrc Gemeindeverwaltung zum Versuchsboden für eine solche Politik brutaler Machtfragen zu machen. Alle diese Anschauungen aber, aus denen die Vorstandswahlen hier wie anderwärts hervorgehen, stammen leider aus einer bedauerlichen Unkenlltniß der Bedürfnisse lind Forderungeil des jüdischen Gemeindelebens einerseits und aus einem immer weiter um sich greifenden Jndifferentislnus auf der anderen Seite. Zwischen biefen beiden gefährlichen Klippen segelt unser armes Schifflein hin und her. Wo aber ist der Steuermann, der es aus dieser Brandung zu neuen Ufern lenken könnte? Die Woche. Berlin, 8. Dezember, nter den Initiativanträgen, die noch in dieser Session den Reichstag beschäftigen werden, befindet sich auch der der Antisemiten auf Verbot der Einwanderung fremder Juden in Deutschland. Da kommt denn vielleicht gerade zu rechter Zeit bas statistische Material der letzten Volkszählung, das, allerdings nur für Preußen, aber nur um dieses allein handelt es sich ja bei dieser Frage, einen konstanten Rückgailg der jüdischen Bevölkerung aufzeigt. Im ganzell preußischen Staate befinden sich nach der neuesten Zählung 379 716 Juden, während vor 5 Jahren, also 1890, 372 059 Juden in Preußen lebten. Dies ergiebt eine Zunahme voll 7657 Seeleii, also 20,58 per Tausend, während sich Protestanten um 58,18, Katholiken sogar um 72,83 vermehrt haben. .Wir haben also abermals eine relative Abnahme des Antheils der Juden an der Bevölkerung des preußischen Staates zu konstatiren, denn von den 31855123 Seelen überhaupt, die Preußen jetzt zählt, sind die Juden nur der 84ste Theil. 1880 kamen auf Tausend Seelen überhaupt 13,34 Juden, 1885 „ „ „ „ „ 12,90 „ 1890 „ „ . „ „ „ 12.42 „ 1895 „ „ ., „ „ 11,99 „ Die absolüte Zunahme von 7657 Seelen in 5 Jahren ist zwar etwas größer als die von 5484 in dem vorigen Jahrfünft, aber doch viel kleiner als dem Prozentsatz gemäß, denn sie Hütte nach dem Verhültniß der christlichen Bevölkerung ca. 24 000 Seelen betragen müssen. Freilich bleibt schon die natürliche Vermehrung weit hinter der christlichen zurück, demnach dürfte auch diese sich in den 5 Jahren 1690—95 (von 1895 fehlen noch die Zahlen) auf ca. 18 000j Seelen belaufen. Die Zahl der preußischen Juden hat also in der Berichtsperiode an 10 000 Seelen durch Ausweisungen und freiwilliges Auswanderung verloren, während von einer Einwanderung nicht die Rede sein kann. Im übrigen Deutschland, aus dem noch keine Ziffern vorliegen,^wird nach früheren Erfahrungen der Rückgang der jüdischen ^Bevölkerung noch stärker sein. Ganz besonders interessant ist aber das Verhültniß in den hier allein in Frage kommenden Provinzen Ost- und Westpreußen, Posen und Schlesien. 1895 1890 Abnahme Ostpreußen . . . 14 364 14 411 47 Westpreußen. . . 20 238 21 750 1512 Posen. . 40019 44 346 4327 Pommern . . . . 11661 12 246 585 Schlesien . . . . 47 593 48 003 410

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