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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1896-12-11 · Heft 50 (11.12.1896) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
60 (1896)
Issue
Heft 50 (11.12.1896)
Date
1896-12-11
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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Berlin, 11. Ae;emi>er 1896. 60. Jahrgang. Ur. 50. Ern unparteiisches Organ für alles jüdische Intereffe. Begründet, von Nab bin er B*- Ludwig, Phtlippson -Kann. Verlags-Expedition: Berlin, Lerufalemerflr. 48/49 Diese Zeitung erscheint w ö ch entlich. Abonnements - Preis: Durch Buchhandel. Post oder direkt von derExpeditioninBerlin unter Streifband bezogen Vierteljahr!: 3 M. Red acte ur: Gustav Lvarp elos. Alle Zujendungen für Redaktion und Expedition sind an-die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judenthmns', Berlin SW., Jerusalemer Straße 48/40 zu richten. . Verlag von Rudolf Mosse » Berlin. Inhalt. Leitartikel: Vvrstandswahlen. — Die Woche. — Aus Ostpreußen. Von Mvritz Sch erbel. — Die jüdischen Synagogen-Meiodien. III. Von B. Ja c o b s o h n. — Michael Grigorjewitsch Morgulies. Von N. Raschkowskh.-^- Feuilleton: Andere Zeiten. Eine Erzählung von Gotthard Deutsch (Forts.), — Sprechsaal. Der Gemeindebote. Korrespondenzen rmd Nachrichten: Berlin, Aus der Provinz Posen, Breslau, Bernstadt i.. Schl., Lobsens, Hannover, Frankfurt a. M., München, Wien. — Don Nah und Fern. — Miseellcn. Uorstauds - Mahlen. Berlin, 8. Dezember. n verschiedenen deutschen und anßerdeutschen Städten stehen gegenwärtig die Vorstandswahlen auf der Tagesordnung der jüdischen Gemeinden. In Berlin und in Breslau sowohl wie in Wien und in Paris. Da ist es nun sehr interessant zu beobachten, welche Forderungen an dieMänner gestellt werden, die das Vertrauen ihrer. Glaubensgenossen ' genießen sollen/ mib welche Vorwürfe gegen die Männer erhöben werden, die dieses Vertrauens nicht mehr theilhaftig sind. Auch in dieser Beziehung haben sich die Anschauungen innerhalb des jüdischen Lebens der Gegenwart völlig verschoben. Während man früher' die angesehensten Männer, diejenigen , welche auch sonst im öffentlichen Leben eine Stellung inne hatten, zu Vertretern wählte, ist in, den letzten Jahren die Forderung sehr oft laut geworden, daß man Männer aus allen Schichten der Bevölkerung in den Gemeindevorstand wählen müßte, weil nur so die Interessen aller Schichten gewahrt werden könnten. „Der kleine Mann" macht also auch im jüdischen Gemeindeleben seine Rechte geltend. -Es liegt diese unabweisbare Forderung im demokratischen Zuge der Zeit,- und sie hat zweifellos ihre Berechtigung; nur darf sie nicht übertrieben werden, nur muß nicht auch in das jüdische Gemeindeleben jener häßliche soziale Gegensatz, getragen werden, der den Haß gegen die Neichen predigt, blos weil sie reich finbl Die Gleichheit Aller war ja von jeher, ein Grundzug des jüdischen Lebens, an dem sich Jeder nach .seinen Gaben und Kräften betheiligen konnte, denn die Ahnen des /Einen wie des Anderen haben vor dem Berge Sinai gestanden, so lautet ja wohl ein bekanntes jüdisches Sprichwort. Auch-war der Reichthum nie allein ausschlaggebend für eine solche Stellung, sondern 'vielmehr die Intelligenz, die jüdische Bildung und die soziale Position des Kandidaten. Auf alle diese Punkte muß jedoch auch heute die gebührende Rücksicht genommen werden, denn schwieriger und verantwortungsvoller als jemals ist heute das Amt eines jüdischen Gemeindevorstehers. Es wäre mehr als verfehlt, wenn man um eines dieser Punkte willen die anderen in den Hintergrund stellen wollte. Wir halten es für unrichtig, Männer zu Gemeindevorstehern zu wählen, .die Io wenig Intereffe für das Judenthum haben, daß sie ihre eigenen Kinder demselben entfremden. Und ebenso wenig halten wir es für richtig, Männer zu wählen, blos deshalb, weil sie reich , oder im öffentlichen Ltzben eine angesehene Stellung bekleiden: Der Mann, ..dem wir unser Vertrauen schenken sollen, muß vor allem ein warmes Herz für das Judenthum haben. Er muß dasselbe kennen und bereit sein, immer und überall für dasselbe einzustehen. Das, so meinen wir, wäre die oberste Forderung für jeden Gememdevertreter. - Nun ist in neuerer Zeit, angesichts der Verheerungen, die der Antisemitismus angerichtet hat, vielfach der Wunsch laut geworden, daß die Vertreter der jüdischen Gemeinde als solche zu dieser Bewegung Stellung nehmen oder gar gegen dieselbe auftreten sollten. , Wir halten diese Forderung nicht für berechtigt, denn der Vorstand; einer jüdischen Gemeinde ist keine politische Behörde, sondern vielmehr -eine religiöse, deren Aufgabe es ist, die religiösen Wohlthätigkeits- und Schulangelegenheiten einer Gemeinde zu verwalten,-und nur in dieser Beziehung hat derselbe die Pflicht, die Gemeinde auch nach außen hin zu vertreten. Alles Andere aber ist nicht Sache des Vorstandes: Er müßte also in einzelnen konkrete!! Fällen, wenn z. B. irgend eine bestimmte Gemeindeinstitution angegriffen, dagegen auftreten, falls sich dieses als nothwendig Herausstellen sollte. Es ist jedoch keineswegs sein Mandat, gegen -allgemeine Verfolgungen oder Angriffe auf die Juden vorzugehen. Es würde ihm ein solches Vorgehen auch unter den gegenwärtigen Verhältnissen nur sehr wenig nützen. Ja, es könnte sogar leicht dahin kommen, daß irgend ein eifriger Landrath eine solche Gemeindeverwaltung, weil sie über ihre Befugnisse hinausgehe, aufzulösen versuchen wollte. Da wir nun einmal keine gemeinsame Oberbehörde haben, so müssen wir die Stellungnahme allen Angriffen der Antisemiten gegenüber besonderen Vereinen oder Kommissionen überlassen, die diese Angelegenheit zu ihrer ausschließlichen Aufgabe sich machen. . , Merkwürdigerweise ist gerade in den vier Gemeinden, welche wir oben genannt haben, dieser Punkt in der Wahlagitation besonders hervorgehoben worden. Ja, in Paris ist sogar einer der verdientesten Männer des französischen Judenthums,' der General Söe. ans dem Grundenicht wieder in das Konsistorium gewählt worden, weil er entschieden dagegen war, daß diese Behörde gegen den Antisemitismus öffentlich Stellung - nehme. ' Und am schärfsten ist diese Forderung bei den letzten Vorstandswahlen in Wien gestellt worden, natürlich weil dort der Antisemitismus auch gegenwärtig am stärksten ist. Aber Keiner von all Denen, welche diese Forderung erhoben, hat auch nur die Behauptung gewagt, daß irgend ein Gemeindevorstand mit solcher Stellungnahme'das Geringste erreicht hätte. Das Einzige, was von dieser Seite hätte geschehen können, wären Proteste oder Bittschriften gewesen. Die elfteren hätte'man nicht berücksichtigt, und die letzteren kann wohl Niemand ernstlich fordern.

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