Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 49 (4.12.1896)
- Date
- 1896-12-04
- Page
- Seite 587 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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587 „Soll ich aus dem Fenster die Nachbarn rufen, soll ich Feuer schreien? Sie werden ihn einsperren. Reb Bär hat schon lange gesagt, er wartet nur auf den ersten Anlaß, um den Räuber auf ein paar Monate in die Frohuveste zu bringen. Reb Rephoel hat mir auch gesagt, als ich ihn gebeten habe, Zodek wieder ins Gewissen zu reden: „Der „Schwer" soll mit dem Stecken mit ihm reden." Man wird ihn mit Ketten führen! Ich überleb', das nicht, aber, gerechter Gott, wie soll ich leben, wenn ich nicht einkaufeil kanil." Schon öffnet sie das Fenster, um die Nachbarn zu rufen: „Aber das Kind, das Kind! Es wird aufwachen, es wird sich wieder fürchten, es-bekommt gewiß die Fraissen! Horch, er hat die Thür aufgebrochen, er wirft Alles hin und her, jetzt hat er es, jetzt geht er, soll er Alles haben, wenn nur dem Kind nichts geschieht. Zu allem Anderen muß Gott helfen, und er wird auch, mein Kind ist doch die ärmste Waise, die man sich denken kann? Chawe drückt ihr Ohr an die Thür. Alles ist still.' Leise schiebt sie'den Riegel zurück, vorsichtig öffnet sie die Thür und lugt durch die Spalte. Er ist gegangen. Das Geld hat er jetzt. Mehr will er doch nicht. Jetzt wird er spielen, so lange es aushält. Gott sei Dank, jetzt ist doch wieder Licht. Hunger und Roth will ich leiden, nur Licht will ich haben. Wie ruhig mein Schmul'lebeu schläft. Gott soll Dich mir nur zu langen Jahren lassen! Licht! Licht! Wenn sie ihn eingesperrt hätten, müßte er ohne Licht bleiben. Nein, nein! Vielleicht wird er doch anders! Ich kann ihm ja jetzt kein Geld geben, wo soll ich es nehmen? So muß er doch aufhören mit seinem liederlichen Lebenswandel! In der Nacht darf er nicht herein, denn wenn er das Geld verloren hat, ist er im Stande, mich mit dem Kinde umzubringen." Wie es nur da aussieht? Gerechter Gott! Die geschliffenen Gläser, die ich von seinem Geschwisterkind als „Droscheschenk"*) bekommen habe, alles in Stücke, und der rothe Wein auf der Tischdecke! Meine beste Decke, echte Leinwand! Ich schicke um den Gensdarm. Man soll ihn einsperrn, den Satan! -Was habe ich doch davon? Wenn mein Schmule heranwächst, wird man ihm - Vorhalten, daß man seinen Vater in Eisen durch die Gasse geführt hat." Es war eine schrecktliche Nacht, die sie zubrachte. Wie gut, daß die Lampe bis zum Morgengrauen aushielt. Das Kind schlief. Gott sei gelobt und gedankt. Der Schreck hat ihm nicht geschadet. Zodek kam nicht des Morgens. Vielleicht schämt er sich und wird erst nach Schul zu Tische kommen. Er war aber nicht itt Schul und kam auch nicht zu Tische. Er kam auch Abends nicht. Bei Nacht sott er nicht herein. Das war Ehawes Entschluß. Aber er kam nicht. Am zweiten Morgen ließ sie die Scheu fallen und berieth sich mit den Nachbarn. Sie erzählte nicht Alles. Man muß nicht sein Gesicht zu waschen geben. Sie sagte nur. daß Zodek am ersten Sederabend aus dem Hause gegangen und nicht wieder zurückgekehrt sei. Die Nachforschungen ergaben, daß er die ganze Nacht gespielt habe und, nachdem er Alles verloren hatte, fortgegangen sei. Wohin wußte Niemand. Erst später erfuhr man auf amtlichem Wege,, daß er als Ersatzmann für einen reichen Fabrikantensohn sich noch einmal zum Militär habe anwerben lassen. Das war das Letzte, was man von ihm hörte. , Die guten Freunde kamen jetzt mit Trost- und Hoffnmigsgründen. Chawe schwieg/ Sie wußte es besser. Ihrem Kinde hat Gott die Schmach erspart, daß sein Vater in Eisen geschlossen durch die Gassen geführt wurde. Von ihrem erbrochenen Schranke erzählte sie Niemandem, auch Reb Rephoel nicht, bei welchem sie nach den i Feiertagen die goldene Halskette ihrer Mutter, ihr einziges Erbstück, und das Loos, welches ihr Schmule von.Reb Rephoel als Pathengeschenk erhalten hatte, versetzte. Ihre tapfere Mutterliebe und ihre Ehrlichkeit gewannen ihr Freunde unter den Fabrikanten, von denen sie kaufte, wie unter den Beamten, welche ihre Kunden waren, und sie lebte buchstäblich die ganze Woche von trockenen Kartoffeln und Kaffee, zufrieden, wenn nur ihr Kind nicht Noth zu leiden brauchte. Gaben wies sie höflich, aber entschieden zurück. Und Gott hat ihr geholfen, wie sie es sich vornahm. Ihr Kind hatte immer Kleider und Schuhe und litt nicht Hunger. Chawe ließ ihn sogar von einem Privatlehrer unterrichten, wenn es auch vier Groschen die Woche kostet. Sie lebt doch nur für das Kind. Wenn es auch ein bischen hart ist, Gott hilft doch. Und Mosche Reb Salme Wolf'ns hat eine ehrliche Freude an dem Kinde. „Aus dem wird etwas Großes werden," sägt er; überall nennt er ihn als Muster. Mit vier Jahren hat Schmule schon das „Schemoneh-Eßre" auswendig gewußt, mit fünf schon den ersten Abschnitt aus der Thora verdeutschen können. Und wie fromm er ist! Gott hat doch Chawes Gebet gehört und ihre Thränen gesehen, als sie sich mit ihrem Kinde in der finsteren Kammer an in wandte. Für Gott ist nichts finster. Er sieht auch da, wo kein Licht brennt. Und er hat auf sie gesehen und ihr das „gebenschte" Kind geschenkt. Aber was sind wir Menschen! Schmule war noch nicht sechs Jahre alt, als der böse Typhus im Orte herrschte. Er war eines der ersten Opfer. Am Abende, als ihn der Schauer faßte und ihn die besorgte Mutter zu Bett brachte, hatte er noch laut sein Nachtgebet, Wort für Wort, gesprochen, dann war er in die Fieberhitze gefallen und kannte nicht einmal seine Mutter. Neun Tage und neun Nächte hat sie an seinem Bette zugebracht, ohne sich je niederzulegen oder ihre Kleider zu wechseln. Alle Tage hatte sie die Psalmen und ihre ganze.Techinne durchgesagt, die Blätter waren schon ganz brüchig geworden von den Thränen, die darauf fielen; an Arzt und Medizin war auch nicht gespart worden, aber wenn Gott nicht will, nützt alles nicht. Am neunten Tage ist er gestorben, ruhig, wie von einem Engel geküßt. Chawe weinte nicht mehr, kein Wort der Klage kam über ihre Lippen, sie nickte nur stumm, wenn man ihr Trost zuredete. Nur als man den kleinen Sarg durch die Hausihür trug und sie einige Schritte ihm folgen wollte, brach sie zusammen und unter krampfhaftem Schluchzen rief sie: „Gott ist gerecht, aber wie ich mir das bei ihm verdient Habe, weiß ich doch nicht." Die Nachbarinnen drangen auf sie ein. „Man muß das Alles in Gutem hinnehmen," sagten sie, „es hilft doch nichts, und wenn die Zeit vorüber ist, muß man sich trösten." Das brachte Chawe wieder zu ihrem Selbstbewußtsein; sie will Niemandes Mitleid. Ruhig ging sie ihrer Hausarbeit und ihrem Geschäft nach. Kein Kranker war in der Gemeinde, bei dem sie nicht Wärterdienste leistete, bei jedem Todesfälle verrichtete sie die Dienste der Frauen, bei den Männern besorgte sie das Mähen der Todtenkleider, bei Frauen die rituellen Waschungen. War in der Gemeinde eine Hochzeit oder eine Beschneidungsfeier, half sie in. der Küche. Sie hatte in all diesen Dingen unbestrittene Autorität. War irgendwo etwas Unrechtes geschehen, so trat Chawe als das öffentliche Gewissen auf, besonders wenn ein Mann seine Frau ungebührlich be- : handelte, war Chawe der wirksamste Schiedsrichter. Wenn sie sagte:; „Sie, schlechter Mensch, unterstehen sich, ein Weib zu schlagen. Sie schämen sich nicht, vor Ihren Kindern, ihnen ein solches Beispiel zu geben," dann wagte der trotzigste Raufbold keine andere Entgegnung, r) Hochzeitsgeschenk.