Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 49 (4.12.1896)
- Date
- 1896-12-04
- Page
- Seite 586 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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586 ' : Ein Söhnchen wurde ihm geboren. .Die reine Freude de^ Mutter,' die ihre, ganze -Liebe dem zarten Geschöpfe zuwendete,, mußie sich' dem verrohten Gatten mittheilen. Wie glücklich war .. Chawe-. ein . Wesen zu besitzen, das. versprach, Liebe mit Liebe zu erwiederu^ und der Mutter jene Theilnahme zu schenken, die sie in der einsam^ vertrauerten Jugend vermißt hatte! ' Reb Rephoel nahm die Pathenschaft an, doch stellte er die Bedingung, daß das Kind nach seinem Großvater genannt werde. Mit Widerstreben ging Chawe darauf ein, denn sie wollte ihrem Erst'- - geborenen den Namen ihres eigenen Vaters geben, aber der Ehrgeiz mberwog. Ihr Kind, das einzig Begehrenswerthe, das sie in ihrem. Leben besaß, sollte einen vornehmen Gevatter haben. Dann glaubt, man auch an eine gewisse Wahlverwandtschaft zwischen Pathe und - Pathenkind. Ihr Kind, hofft Chawe, soll ein frommer und gelehrter 'Mann werden. - Llm einunddreißigsten Tage liach der Geburt des ,Kindes., trat Reb Rephoel noch einmal in Funktion..-Der kleine Schwüle mußte als Erstgeborener von einem Kohen ausgelöst werden. Reb Rephoel v war kein Bibelkritiker, und Zodek bei all seinen Lastern war wenigstens von dieser einen Sünde vollkommen frei. Reb Rephoel würde nie,, zugegeben haben, daß dieser Brauch ein Ueberbleibsel des altsemitischen, Molochdienstes sei, ein erratischer Block aus jener Periode, als bessere / Gesittung das rohe Heidmihüm zu verdrängen begann und man die Kinder, statt sie' dem Moloch zu opfern, aus den Händen der Molochpriester auslöste. . , ’ - . . So war denn für Reb Rephoel die Auslösimg des Erstgeborenen^ ein Gegenstand von hoher Bedeutung. Mit heiligem Ernste unter-, richtete er den verwilderten Soldaten in der Bedeutung dieses Aktes. „Gott," sagte er. „hat die Erstgeborenen der Israeliten geschont, als er olle, anderen Erstgeborenen in Aegypten, sterben ließ. . Darum ge-., hören alle Erstgeborenen dem Herrn, doch er hat gestattet, sie aus-,, zulösen." ' * . ,? Zodek wählte wie jeder Vater seit Menschengedenken die letztere Alternative und zahlte für das Privilegium, seinen Sohn behaltenzu dürfen, an Reb Rephoel die Summe von fünf Thalern, welche dieser nach dem Gesetze behalten mußte, aber , dafür dem Kinde ein Loos in dem doppelten Werthe der erhaltenen Summe zum Ge-- schenke machte. Nachdem der offizielle Theil der Feier vorüber war, /las Reb/ Rephoel dem Zodek gründlich den Text, -was sonst gegen seine,, Gewohnheit war, denn wie das Ghetto-Sprichwort sagt: Ein guter.z Mann braucht keinen Brief, und einem schlechten Mann. hilft - kein Brief. „Zodek," sagte Reb Rephoel in feierlichem Tone, „Du. hast Letzt ein Kind, und .Du bist vor Gott für das Kind verantwortlich, denn-; „die Thaten der Väter erben die Söhne", sagen unsere Weisen. Du mußt das Deinige dazu thun, damit aus Deinem Kinde ein recht-: schaffener Jüd wird." Zodek versprach aufrichtig, sich zu bessern, er wollte nicht mehr ins Gasthaus gehen und leben, wie ein jüdisches Kind soll, damit : sein Söhn ein gottgefälliger Mensch würde. Aber wieder währte es nicht lange, und er fiel in sein Gewohnheitslaster zurück. Chaw^ klagte nicht. Sie hatte doch ihr Kind, für das sie arbeitete; sie lehrh^ den kleinen Schwule seinen Vater lieben, und entzog ihn, soviel, sie konnte, dem widerlichen Anblicks wenn der Vater taumelnd und . fluchend aus der Schänke nach Hause, kam; sie schwieg, .,wenn er ihrmit der Faust, ins Gesicht schlug, und. nur wenn er gar zm argA tobte, bat -sie mit aufgehobenen Händen:"„Zodek.. thu mir,; was Du^ willst, weck nur das Kind nicht auf;, es kann vorSchrecken.- choliloh - die Fraissen bekommen;" ,, , - - ::. . ( . Ja, es giebt inanches Martyrium, welches der.Griffel der Geschichte nicht registrirt; obwohl es einen höheren Grad von Muth und Selbstverleugnung därstellt als manches, wofür politische und religiöse Blutzeugen auf dem Schaffot ihr Leben, gelassen haben. So ging es zwei Jahre fort, bis an einem Peffachabend Zodek stürmisch Geld verlangte. Chawe bat flehentlich : „Bleib doch heute wenigstens zu.Hause, wo Jeder,. der, nur ein Fünkchen jüdischen Gewissens hat, im Kreise seiner Familie sich.aufhält. Denk' doch an das Kind, es wird aufwachsen wie ein , Wilder, es wird sich seines Vaters: schämen müssen. Geh', Schmullebsn, mein, Gold, bitte doch den Vater, er soll heute zu Hause bleiben." Und der Kleine patschte seine Händchen zusammen und rief mit seiner süßen Kiuderstimme : „Tatta da bleiben, da bleiben." Einen Augenblick schien die kindliche Unschuld aus den hartgesottenen Sünder Eindruck zu machen, aber nur einen Augenblick. Dann packte ihn wieder der böse Geist der Spielwuth. und mit ge- ' ballier Faust auf den Tisch schlagend, daßdie Teller, und die Gläser klirrten, schrie er: „Geld giebst Du mir, meist Geld, ich bin Herr im Haus." Die Rothe gerechten Zornes stieg Chawe ins Gesicht, sie preßte das erschreckte Kind heftig an ihre Brust und sagte, ihrem Gatten furchtlos ins Gesicht schauend : „Heute nicht, und wenn es mein Leben kosten sollte." Zodek sprang wie ein wildes Thier auf und suchte ihr den Schlüsselbund zu entreißen, den sie an der Schürze trug. Mit einer raschen Bewegung eilte sie zur Thür; der Unmensch ergriff das große Vorlegemeffer, das auf dem Tische lag. Mit einem Schrei des Entsetzens sprang Chawe in das anstoßende Zimmer, schlug die Thüre ins Schloß, verriegelte sie und hörte zitternd, wie das Meffer in die Thüre fuhr. Das arme Kind schrie in tödtlicher Angst, die Mutter zitterte an allen Gliedern. Dazu war das Zimmer dunkel, lind sie konnte kein Licht machen; es war ja Freitag Abend. Dann hörte sie, wie der Wütherich Schüsseln und Teller in seiner blinden Wuth zu Boden warf, daß Alles in klirrende Trümmer ging. Das' schöne Feiertagsgedeck, ihr höchster Schatz! Aber das Alles gilt ihr nichts. Wenn nur das Kind nicht, Gott behüte, von dem Schrecken etwas abbekommt! Mit den süßesten Schmeicheleien kost und herzt sie es, sie legt sich mit ihm aufs Bett, sie drückt es an sich, während sie selbst vor Schrecken und Aufregung zittert und ihre heißen Thränen auf das Gesicht des Kindes herabfließen. Endlich hat sie in ihren Taschen ein Stückchen Zucker entdeckt. „Da hast, Du mein geliebtes' Leben, sei wieder gut. Wenn Gott die Thränen sieht, er muß sich erbarmen. Ich bin doch unglücklicher als eine Wittwe, und niein Kind beklagenswerther als eine Waise. Gott sei Dank, es schläft. Wenn es nur von dem Schrecken nichts behält! Guter, gerechter Gott, ich will doch gar nichts für mich, ich will schon ein unglückliches Leben führen, wie Du es mir bestimmt hast, wenn nur das Kind zu einem guten, frommen Menschen Heranwüchst." - Im anstoßenden Zimmer war es ruhig geworden. „Er muß schoil Alles in Stücke geschlagen haben. Die theueren Steingutteller! Jetzt werden wir auch am heiligen Joutew muffen auf rohem Thongeschirr, effen. Alles, wie Gott will, wenn es. jahraus jahrein trockene . Kartoffeln sind, wenn nur dem Kind nichts, geschieht! Um Gottes Gerechtigkeit willen!" „Was macht der wieder im anstoßenden Zimmer? Was klopft er? .Gotteswillen, der bricht den .Schrank auf! . Meine letzten Er-, sparnisse! Womit soll ich. nach Jontew einkaufen fahren? Ich muß : doch etwas Maaren haben, um mich zu ernähren. Herr der Welt, wovon soll ich . mit dem Kinde leben? Wie kann. man nur ein . solcher Bösewicht sein!"