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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1896-12-04 · Heft 49 (4.12.1896) · p. Seite 585

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
60 (1896)
Issue
Heft 49 (4.12.1896)
Date
1896-12-04
Page
Seite 585 (sequence 9)
Language
German
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585 Wenn ich dann Morgens oder Abends gemolken hatte und, indem ich die Milch nach Hause trug, einen munteren Alpenjodel johlte, hatte des Juden Familie die größte Freude und immer ein gutes Wort für mich. Ueberhaupt war ich nicht gehalten wie ein Dienstbote, sondern mehr wie ein Glied der Familie. Auf der anderen Seite hatte ich oft eine verzweifelte Arbeit. Es hat nie ein Friseur mit größerer Hoffnungslosigkeit an einem dürren, abgelebten, struppigen Gesicht gebürstet und gestriegelt, als ich an den Kühen. Da galt es, aus alten lebensmüden Kühen junge zu machen (und ich will beit allgemeinen Refrain aus den Heirathsannoncen hinzusetzen) mit angenehmem Aeußern. Da mußten mißgestaltete Hörner vermittelst Brennens eine gefällige Form bekommen, Ringe, die das Alter anzeigten, mußten beseitigt werden, das struppige Haar mußte glatt gebürstet werden, plumpe Klanen mußten zu zierlichen Kuhfüßen gestutzt werden, und noch viele andere Dinge, die Geduld und Fleiß forderten, aber dann oft das Thier völlig unkenntlich machten. Man wird sagen: das seien Judenkniffe; ganz gut, aber der Plumpeste Bauer lacht in seine schwielige Faust, wenn er einem Inden eins aufgebunden hat, und sagt: „Hättst geschaut!" Deshalb denke ich, der Jude werde es auch machen dürfen. Dann erwähnt Hagelhans seine in der Schweiz verbliebene Geliebte. „So ging's auch mir: auf meine feurigen Briese erhielt ich bittere Borwürfe. Was — bei einem Jud' bist Du? Hast keinen ordentlichen Platz gefunden? Jetzt glaube ich doch, Du seist nichts werth. Ha! bei einem Jud'! ich würde lieber verhungern! So hatte sie mir geantwortet. Und ich, der ich zur Genüge gesehen, wie unrecht die Juden im Großen und Ganzen beurtheilt werden, verzeichnte in lakonischer Kürze meine Ansichten. Den zweiten, noch häßlicheren Brief beantwortete ich nicht mehr." Dann spricht er vom Familien- und Gesellschaftsleben.der Juden. „Die Juden haben keine Missionen, keine Proselytenmacherei, und einem zum Judenthnm Bekehrten würden sie keinen Centime Pathengeschenk geben; denn sie sagen: wer den Glauben seiner Bäter abschwört, ist ein Schurke oder ein Leichtsinniger; die Ersten wollen sie nicht belohnen, die Zweiten nicht bestärken. Aber gegen arme Glaubensgenoffen sind sie im höchsten Grade opferfreudig. Sind in der Nachbarschaft Arme, dann wird gewöhnlich ein Kind geschickt, ihnen dies und jenes zu bringen, ohne daß sie etwas verlangt haben. Kommt dann, wie es z. B. im Elsaß der Fall ist, wo sehr viele Juden sind und natürlich auch Arme, Jemand betteln, so sind es entweder Kinder oder alte Leute, die erhalten reiche Gaben. Bei meinem Meister z. B. ist nie Jemand ohne Gabe fortgeschickt worden. Trifft es sich, daß arme reisende Inden um Nachtherberge bitten, werden dieselben beim Nacht- und Morgenessen an den Familientjsch genommen, es wird ihnen ein ordentliches Bett zum Schlafen angewiesen. Abends, wenn das Nachtessen beendet ist, muß der Fremde erzählen, und versteht man erst einmal das eigenthümliche Kauderwelsch der Elsäsier Juden, wird man nie müde, weiter zu hören." „Der Samstag war mir stets zuwider, weil das Leben . in den Häusern etwas düsteres, todtes hatte. Ich verließ dann das Haus, bis.dann Abends wieder der normale Zustand eintrat." „Ich verdiente viel Geld, aber ich wurde ein Lump; der Meister machte mir vernünftige Vorstellungen, half aber wenig. . . , Die Unwissenheit ist das Böse. — Lehrt nicht auch dieser naive Bericht, daß Unwissenheit die Wurzel des Hasses? *■——II*—Hl--—1 l—I 1niSdMÜ-iMj'Ex? || * 1 FEUILLETON 1 J -H « .: ii=K Andere Zeiten. Eine Erzählung aus dem jüdischen Leben der jüngsten Vergangenheit, von Gotthard Deutsch. Fünfzehntes Kapitel. Die barmherzige Schwester. #hawe war noch ein Stückchen des guten alten Judenthums, das sich in der Gemeinde erhalten hatte. Arm und doch selbstständig, genoß sie in der Gemeinde Jedermanns Achtung, und die Kunden ihres kleinen Schnittwaarengeschäftes, die sich aus bäuerlichen und Beamtenkreisen rekrutirten, schenkten der „Ewa" unbedingtes Vertrauen. Sie stand ganz allein in der Welt. Ihre Eltern waren früh gestorben und hatten ihr den kleinen Laden hinterlaffen. Weife Freunde hatten ihr damals gerathen, Alles zu verkaufen und in einen Dienst zu gehen. Sie wollte aber ifjre. Selbstständigkeit nicht aufgeben, und allen Unglücksprophezeiungen zum Trotze ernährte sie sich redlich und erwarb sogar ein kleines Kapital, das Reb Rephoel für sie verwaltete. So war sie in die Dreißig gekommen, als Zodek Nasch vom Militär zurückkehrte. Vierzehn Jahre hatte er unter den Soldaten zugebracht, auf italienischen Schlachtfeldern und in der polnischen Revolution hatte er gekämpft, das Malariafieber hatte er durchgemacht, in Gefangenschaft war er gewesen, Gaffenlaufen hatte er überstanden, und nach all" diesen Leiden und Erfahrungen hatte er doch keinen anderen Platz, wohin er sich wenden konnte, als die alte Heimath. „Unkraut verdirbt nicht", hatte Alles gesagt, als der Verschollene plötzlich anftauchte. An eine ordentliche Beschäftigung nicht gewohnt, unter der rohen Kameradschaft des vormärzlichen Heeres verwildert, trieb er sich im Orte herum, als Lastenträger, Markthelfer, Botengänger, Viehtreiber, immer am Abend in der Schänke verzehrend, was er tagsüber erworben hatte. In seinem Wunsche,, sich zn versorgen, hatte er sich Chawe genähert. Niemand hatte sich bis jetzt um sie gekümmert, Verwandte, die sich um ihr Schicksal Sorgen gemacht hatten, besaß sie nicht; ihre kleinen Ersparnisse waren auch keine Anziehung für einen jungen Mann; ihre einzige Aussicht war es, einmal unter dem Titel einer Gattin-Krankenpflegerin eines alten Mannes zu werden. Was Wunder, daß Chawe ja sagte, obwohl alle weisen Freunde wieder warnten und selbst Reb Rephoel, der sonst um anderer Leute Anliegenheiten sich nicht kümmerte, dringend abrieth. „Ja, die Leute haben leicht reden, aber daß man verkommt und vergeht, das ist nicht ihre Sache." Es kam aber doch, wie die weisen Leute voransgesagt hatten. Zodek wollte, seit er sich um sein Brod nicht zu bekümmern hatte, nicht mehr arbeiten. Er trank und spielte und mißhandelte sein Weib. Sie schwieg zuerst ans Stolz, um den weisen- Freunden nicht die Befriedigung zu gönnen, daß sie das Alles vorausgesehen hätten, und dann aus Pflichtgefühl. Was man nicht ändern kann, muß man ertragen. Wenn der Zodek nur nicht gar so gottlos gewesen wäre! In der ersten Zeit ihrer Ehe hatte er noch täglich : sein Mortzengebet verrichtet und an jedem Sabbath die-. Synagoge besucht. Nach einigen Monaten hatte er es wieder aufgegeben. Nur einmal schien es, als wollte er sich bessern-.

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