Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 49 (4.12.1896)
- Date
- 1896-12-04
- Page
- Seite 584 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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584 manches lernen können. Der Mensch hat einmal die unangenehmem Aufgabe, um sich zu erhalten, andere lebende Wesen, d. f. Tbiere. tödten zu müssen. - Wie tödtet man aber in der mildesten Weise, ohne sich der Thierquälerei schuldig zu machen! Das ist die große Frage! Vor zweitausend Jahren war es in Jerusalem Sitte, bevor man das Thier resp. das Opfer geschlachtet, dasselbe vor den Kopf zu schlagen; durch den Gehirnschlag wurde das Thier betäubt, und nachdem es betäubt war, machte man mit demselben, was man wollte. Das ist, sagte der König Hyrkan, und das mögen sich alle Antisemiten, auch die in Sachsen und in der Schweiz, merken, das ist die größte Thierquälerei, die es giebt; der Gehirnschlag sei daher aufs Strengste verboten! Er ließ dafür im Schlachthause eherne Ringe anbringen, der Größe und Weite des Halses entsprechend; in diese Ringe wurde der Hals gebracht, und der Halsschnitt machte dem Leben des Thieres in einem Augenblick ein Ende! So wurde auch das Thier mit Milde und Schonung behandelt. ... Das ist die Ethik des Judenthums! Wahrheit und Wohlthätigkeit! 'Wahrheit und Wohlthätigkeit sind die zwei großen Lichter, die seit vier Jahrtausenden am Himmel des Judenthums strahlen! Wahrheit und Wohlthätigkeit mögen auch stets die guten Engel sein, die ihre Fittiche über alle künftigen Generationen unserer Glaubensgemeindeansbreiten! Das walte Gott! Kulturhistorisch es;ur Iudenfrage. Von Dr. Otto Opet in Bern. Ein modernes Dokument. edem, der wissenschaftliche Stndien treibt, wird's häufig so ergangen sein, daß ihm Nachrichten entgegelltreten, Berichte in die Hände fallen, die seinen eigenen Zwecken fern liegeil, die aber einem weiteren Publikum von unschätzbaren: Interesse sein können, weil sie Gegenstände berühren, Fragen betreffen, die iul Mittelpunkt der Diskussion stehen, dennoch aber unbekannt geblieben sind, weil sie sich eben nicht da finden, wo der bernfsnläßige Forscher sie zu suchen gewohnt ist. Sollen solche Zufallsentdeckuugen uugenntztbleiben und damit der Gefahr völliger Vergessenheit anheim fallen? Die absolute Bejahung dürfte sich kaum empfehlen. Andererseits liegt aber die Befürchtung nahe, daß ein solcher Entdecker mehr als den Ruhm der Entdeckung beanspruchen will und sich deshalb veranlaßt sieht, seinen Fund nicht, wie er ihn gemacht, der Mitwelt kund zu thun, sondern den natürlich fruchtlosen Versuch wagt, die Wichtigkeit des Fundes für jenes andere Wissensgebiet selbst abzuschätzen, und dann dazli kommt, über deli Fund eine ganz subjektive Berichterstattung zu liefern, die zu falschen Schlüssen verleiten kann. Will also Jemand eine solche Zufallsentdecknng wirklich nutzbar machen, so muß er sie geben, wie er sie fand, — und damit hoffet ich auch bei den Lesern dieser Zeitschrift hinreichend legitimirt zw sein, wenn ich ihnen mm eine meines Erachtens des größeren Bekanntwerdens werthe Mittheilung aus einem juristischen Jachblatt in treuem Anschluß an das Original mache. Das jüngst erschienene Heft des laufenden Jahrgangs der Schweizer rischen Zeitschrift für Strafrecht bringt die Autobiographie eines Schweizers Sträflings, Namens Hagelhans. Durch falsche Erziehung zum Verbrecher geworden, dann zu ehrlichem Leben zurückgekehrt, aber noch . nachträglich jener früheren Unthaten wegen in Haft genommen^ entflieht er — die Vorgänge fallen in die fünfziger Jahre unseres Jahrhunderts — nach Mühlhausen i. E., wo er in einer anreisenden Schweizern als Stellenvermittlungsbüreau dienenden Wirtschaft sich nach einer Arbeitsgelegenheit erkundigt. Von hier ab folge nun sein eigener Bericht. An einem anderen Tisch, ganz in meiner Nähe, waren zwei Bauern und ein Jud', die einen Viehhandel abschlossen. Der Jude wandte sich zu mir mit der Frage, ob ich das Vieh besorgen und melken könnte? Worauf ich ihm erwiedertr, daß ich gerade von einer Alp komme und beides verstehe. Der Jude meinte dann: Du gefällst mir, kannst zu mir kommen, ich gebe Dir wöchentlich sieben Franken, und die Auslagen, die Du haben wirst, wenn Du hier, oder dort Vieh holst, vergüte ich Dir extra. Wer war froher als ich! In den Bergen hatte zu jener Zeit nicht einmal ein Käser so viel Lohn. Aber ich hatte denn doch einige Zweifel; dieser Mann mit der Tuchkappe, der langen blauen Blouse und dem scharfmarkirten, jüdischen Gesichtsausdruck gefiel mir nicht.... Ich verfügte mich nun zu dem Juden, mit der Absicht, nur so lange dort zu bleiben, bis ich einen anderen Platz hätte. Jenes Vorurtheil, unter dem die Juden so viel leiden mußten, hatte auch ich mit der Muttermilch eingesogen, und alles, was ich von denselben gehört, kam mir wieder in Erinnerung. Namentlich was uns Schülern der Pfaff so oft einbläute: die Juden seien ein von Gott verfluchtes Volk; sie seien in ihrer Physiognomie als Verfluchte gezeichnet. deshalb sie auch keine Heimath, kein Vaterland hätten und solcher Unsilni mehr. Natürlich, ein Schüler glaubt alles; aber reift derselbe zum Manne, fängt er an zu denken, Vergleichungen anzustellen, so findet er nur zu häufig, daß ein großer Theil der Lichtbringer Finsterlinge sind. Die Juden halten lauge vor Christus denselben Gefichtsausdrnck, den sie jetzt noch haben, und derselbe wird ihnen bleiben, so lange sie sich nicht mit anderen Völkern vermischen. Der Jud' ist -seiner Religion treu, deshalb existirt er noch heute, während andere Völker, die sich vermischt haben, spurlos verschwunden sind. Doch nun zu jenem Jud'. Derselbe war ein Mann von 48 Jahren, etwas klein, aber korpulent; er bewohnte ein ziemlich unansehnliches Haus, obwohl er sehr reich war. Er besaß fünf Kinder, vier Töchter und einen Sohn, Letzterer aber befand sich in Paris in einen: Handluugshause. Der Jude hatte die zweite Frau, die nur drei Jahre älter war, als die älteste Tochter, aber an Schönheit ihres Gleichen suchte. Im Anfang war ich sehr schüchtern, denn so unscheinbar das Aeußere des Hauses war, so komfortabel war das Innere. Ich z. B., der oft unter freiem Himmel, in Höhlen und Ruinen schlief hatte ein nett möblirtes Zimmer. Der Tisch war gut, und Samstags, wenn wir warme Speisen wollten, so konnten wir auf des Juden Rechnung in ein Restaurant gehen. Einen eigenthümlichen Eindruck machte es im Anfang auf mich, wenn am Freitag Abend die Hausfrau die Hände nach den Lichtern äusstreckte und dann ihre Stiefkinder segnete. Von den Gebeten verstand ich kein Wort; aber ich muß gestehen, daß sowohl der Ton der Sprache, wie die ganze Haltung der Betenden einen größeren , Eindruck auf mich machte, als manches sinnlose christliche Geplapper, das man Beten heißt. Wer diese jüdische Familie am Freitag Abend gesehen hätte, würde eine vergnügtere, zufriedenere, in der schönsten Harmonie lebende Familie vergebens suchen. ... .