Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 49 (4.12.1896)
- Date
- 1896-12-04
- Page
- Seite 583 (sequence 7)
- Language
- German
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583 aber ohne Judenthum ein Baum ohne Erdreich,' eine Sonne ohne Himmel, eine Waffer ohne Quelle ist, weiß, daß das Christeuthum zum Judenthum sich verhält, wie die Tochter zur Mutter, und daß das Christenthum, ohne die Gesetze der Ethik zu verletzen, dem Judenthum Ehrfurcht und Dankbarkeit nie und nimmer versagen wird. — Aber es verstehen leider so Viele nichts von Geschichte, daher der Wahn, daher der Jrrthum. . Wir dürfen deshalb nie ermüden, die Menschheit zu überzeugen, daß das Judenthum der Fels ist, dem die Fluthen der Ethik,- die lebendigen Gewässer der Wahrheit und Menschenfreundlichkeit entspringen'und sich in die Herzen und Seelen von Millionen Menschen, Christen und Juden, in gleicher Weise ergießen. — Johann Hyrkan, wie gesagt, der erste König aus dem Hause der Hasmouäer, regierte von 135—106 v. Chr. WasMathaüas und Juda Makkabi begonnen, das hat Hyrkan glänzend vollendet. Israel stand in den Tagen Hyrkans so groß und ruhmreich, so geehrt von aller Welt da, wie dies nur in beu Tagen Davids und Salomos der Fall gewesen. Von Johann Hyrkan rühmt die Geschichte, er habe das Königthum,. das Hohepriesterthum und Prophetenthum in -sich vereinigt, eine dreifache Krone also auf seinem Haupte getragen. Die Mischnah nennt Hyrkan einfach und schlicht: „Jochanan der Hohepriester". Bon diesem königlichen Hohenpriester berichtet die Mischnah in ihrer eigenthümlichen Sprache kurz und bündig: '„Jochanan, der Hohepriester, schaffte ab das Zehntbekenntniß, er beseitigte die Wecker und Klopfer, und in seinen Tagen brauchte man nicht erst zu fragen, ob der Zehnte entrichtet ist oder nicht." Sie sehen, bie. Mischnah bedarf nicht nur der Uebersetzuug, sondern auch der Erklärung. Also das Erste ist: Hyrkan schaffte das Zehntbekenntniß ab. Sie wissen. Israel war im Alterthum fast ausschließlich ein Ackerbau treibendes Volk; aber auch die Leviten und Priester, die Wittwen und Waisen, die Armen und Bedürftigen lebten vom Ertrage des Ackerbaues, d. i. von den Abgaben und Steuern, von der Hebe, dem Zehnten u. s. w., den jeder Besitzer zu entrichten hatte. In Bezug auf diesen Zehnten heißt es -in der heiligen Schrift: „Und Du sollst sprechen vor dem Herrn, deinem Gotte: Ich habe das Heilige weggeschafft aus dem Hause, auch habe ich's gegeben dem Leviten,.dem Fremdling, den Waisen und der Wittwe, ganz nach deinem Gebote, das Du mir gegeben hast" (s. B. M. 26,13). Also lautet das Zehntbekenntniß. „Auch habe ich's dem Leviten gegeben." War das wahr? Konnte Israel in den Tagen Hyrkans also sprechen? Die heilige Schrift erzählt : „Als unter Ärtaxerxes/ dem König von Persien, Esra, begleitet von einer Schaar-Israeliten, nach Jerusalem gezogen, um das von Nebukadnezar zerstörte Heiligthum wieder au^urichten, da, so erzählt Esra selber: „Und ich versammelte sie an Wem Wusse, der in den Ahawa fließt" und wir blieben daselbst drei Tage liegen, und ich sah mich um unter dem Volke und unter den Priestern und fand daselbst keinen von den Söhnen Levis." (Esra 8, 15.) Die Leviten haben sich also dem Zuge nicht angeschloffen, und dafür bestrafte sie Esra für ewige Zeiten. Der Zehnte sollte von nun-an nicht mehr an die Leviten, sondern an die Priester entrichtet werden. Das Zehntbekenntniß vor Gott lautete aber: „Ich habe es den Leviten gegeben!" Durfte man vor Gott etwas sagen, was der Wahrheit nicht entspricht? Hyrkan war ein konservativer Mann, er huldigte der Richtung der Pharisäer bis zum Schluffe - seines Lebens, bis zum Schluffe seines Lebens sage ich, aber nicht inklusive, denn zum Schluffe wurde er anderer Gesinnung, da huldigte, er der Richtung der Sadduzäer. Es wird mir vielleicht ein. anderes Mal gegönnt sein, Ihnen über diesen Gesinnungswechsel Hyrkans Näheres mitzutheilen. Hyrkan war also ein streng konservativer Mann und hättedas biblische Gesetz gerne beobachtet gesehen,; aber wenn Ihr vor Gott stehet,- Israeliten. .sagte der König, dann müsset Ihr reine, ungetrübte Wahrheit sprechem! Wenn Ihr den Zehnten-nicht den Leviten gebet, dann, dürst<Zhr/ nicht sagen: „Ich habe es dem Leviten gegeben". Das Gesetz schreibt ja das Bekeuntniß allerdings vor, aber. bser Buchstabe muff dem Geiste der Wahrheit weichen und dieses .Gesetz daher, völlig außer Kraft treten. Unsere alten Weisen loben dieses Eintreten Hyrkans für die Wahrheit. „Die Wahrheit ist Pcis, Jnsiegel Gottes." Dieser Grundsatz leitete Hyrkan auch bei, einer anderen Reform, die tief in den Gottesdienst eingriff. Die Leviten. nämlich hatten die Pflicht, täglich bei Beginn des Gottesdienstes. den 44. Psalm zu sprechen. Der Inhalt dieses Psalms gipfelt in . dem Ausruf: „Erwache! Warum schläfst Du, o Ewiger!" (Ps.44,24.) Ich will Ihnen einige Verseaus diesem Psalm mittheilen, damit Sie die Anordnung Hyrkans desto besser zu würdigen wiffem. „Aber , Du hast uns verworfen und beschimpft, Du ziehst nicht aus .mit unseren Heeren. Du läßt uns zurückweichen vor unserem Feinde, und unsere Hasser machen sich Beuten Du hast uns zur Schmach, gemacht unseren Nachbarn, zum Hohn und Spott der Umgegend. , Vielmehr, Deinetwegen werden wir gewürgt den ganzen Tag, sind geachtet wie Schlachtvieh. Auf. warum schläfst Du, Herr, wache aus/, verwirf uns nicht!" . . . - ' Ich frage Sie, dürste Israel in den Tagen Hyrkans ein solches Gebet verrichten! In einer Zeit,-wo,. Israel so groß und ruhmreich, so glücklich und geachtet dagestandeu,,! War dieses Gebet in jenen Tagen nicht eine Unwahrheit, picht.einebewußte Lüge, nicht der Ausdruck der größten Undankbarkeit gegen■ Gott, der Israel so wunderbar beigestanden? Hatte denn Gott in. den Tagen der Makkabäer geschlafen, daß man ihn zu wecken brauchte? Hatte sein Vaterauge nicht voll Huld und. Gnade über Israel gewacht? Seine Hand sie nicht beschützt. und .beschirmt!. Dieses Gebet, sagte der König, darf von den Leviten nicht mehr; verrichtet werden! So.viel auf dem Gebiete der Wahrheit, Die Anordnungen Hyrkans berührten aber auch das Gebiet der Nächstenliebe, der Menschlichkeit. In jener ernsten,, zumeist, kriegerischen Zeit haben die Sitten selbstredend an Güte und Adel eher verloren als gewonnen. In einer Zeit, wo man so sehr , an sich zu denken, mit sich zu thun hat, vergißt man leicht des Anderen.. So kam es, daß die Israeliten die Abgaben und Steuern, die sie an Wittwen und.Waisen, an Priester und Leviten zu entrichten hatten, nicht entrichtet haben. Es gab allerdings einen Verein, einen i Orden, dessen Mitglieder die Gesetze der Nächstenliebe auf Treue sie . beobachteten. Ein solches, Vereinsmitglied hieß „Chaber", d. i. Genosse,./ und die Mitglieder in ihrer Gesammtheit hießen „Chaberim", d. i. Genossen. Ein solcher „Chaber" war in religiöser, moralischer und, sittlicher Beziehung ein Edelmann durch und durch,, vom Scheitel bis zur Sohle, er war nach jeder Richtung hin zuverlässig. Aber der große Haufe, das einfache Volk, das dem Orden, nicht angehörte, erfüllte die Pflichten der Wohlthätigkeit -nicht, und verabsäumte, außer der „großen Hebe", ihre Steuern und Abgaben zu. entrichten. Johann Hyrkan ordnete deshalb an, daß wer . da.' von . irgend Jemand aus dem Volk etwas kauft, sofort , die betreffenden Abgaben zu entrichten habe, damit? die Quellen der Wohlthätigkeit in Israel nie versiegen, damit der Lebensbaum der Humanität blühe/, gedeihe, und, auch seine goldenen Früchte trage. . . Aber nicht aus die Menschen allein sollten.die Werke..der Humanität beschränkt bleiben, sie sollten sich auch auf das Thi er ausdehnen,! und es ist bedauerlich, daß jene Antisemiten, die so oft Anträge in. j Bezug auf das Verbot des Schächtens eingebracht, sich? noch nicht, überzeugt, haben, daß nicht das Judenthum von ihnen, sopdern sie vom Judenthum in Bezug auf Thierschutz und Thierquälerei -so -