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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1896-12-04 · Heft 49 (4.12.1896) · p. Seite 581

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
60 (1896)
Issue
Heft 49 (4.12.1896)
Date
1896-12-04
Page
Seite 581 (sequence 5)
Language
German
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MUWMMWMWWMW^Wx>M Aber ist der russische Jude dieser Inbegriff alles Niedrigen und Teuflischen? Ein Wunder ist es nicht, daß er ist, was er ist, — ein Wunder ist es, daß er im Vergleich mit Anderen nicht schlimmer ist, als er ist! Man kann den russischen Juden nicht mit uns vergleichen, obgleich er uns in vielen Dingen überlegen ist. Lassen Sie mich Ihnen sagen, daß unter den Studenten auf der Universität z. B. es Niemanden giebt, der in Bezug auf Lerneifer und Aufopferungsgeist mit den russisch-jüdischen Studenten rivalisiren könnte, trotz des vielen Ungemachs, das er zu erdulden hat. Seine Begeisterung für die Wissenschaft ist rührend. Ich kenne Studirende, die während der ganzen Woche keine warme Mahlzeit halten. Warum? Nicht weil sie zu träge sind, zu arbeiten und ihr Brod zu verdienen, sondern weil sie neunzehn Stunden über ihren Büchern arbeiten und mit den wenigen Pfennigen, die sie des Tags zur Verfügung haben, den Körper erhalten, damit die Seele sich an Gottes Licht ergötzen kann. Wenn unsere jungen Leute an das Piedestal des Ruhmes gelangt sind, so sind diese russischen Jünglinge auf einem Mont Blanc der Erhebung und Verklärung, den Keiner von uns unter solchen Umständen erreichen würde. Die russischen Juden sind keine Wilden. Ich könnte Ihnen mehr als tausenderlei erzählen, das ihre bisweilen mangelhafte Pflichterfüllung entschuldigt; wir deutschen Juden umchen den Fehler, über den wir uns selbst beklagen: wir nehmen einzelne Individuen und führen diese auf die Gattung zurück. Was auch immer die Erfahrung unserer Unterstützlmgsvereine gelten mag, meine Erfahrung mit ihnen hält ihnen ein Gegengewicht. Wenn Unterstützungsvereine Grund haben, sich über ihre Schutzbefohlenen zu beklagen und hiernach die Gesammtheit dieser Leute zu verurtheilen, so nrtheile ich nach Denen, die ich kennen, achten und vielleicht auch lieben gelernt habe. Wenn ein Landstreicher sie alle zu Landstreichern stempelt, so kann ebenso gut einer dieser Studenten sie alle als Idealisten zeichnen. Laßt uns nicht in den liebsten Fehler unserer Feinde verfallen, die da denken, ein Jude sei wie der andere, und den schlechtesten unter uns als Bild des Gesten nehmen. Nein, wenn der russische Jude nicht tiefer sinkt, als bisher, und einen hohen Idealismus, wenn auch nur in einzelnen Individuen, bewahrt, so zeigt er, was die jüdische Geschichte immer bewiesen hat, die Energie in der Humanität unsrer jüdisch religiösen Gefühle, die Macht, die Moralität und den Idealismus hochzuhalten, der Hand in Hand geht mit dem Glauben an die Bestimmung des Juden, Gottes Zeuge unter den Menschen zu sein. Und dessenungeachtet will die russische Politik durch die Juden dem russischen Reiche die Lehre geben, daß eine Nation nicht ein mechanisch hergestelltes Ding, sondern ein Organismus geistiger Beschaffenheit sei, in dem Sprache, Kleider oder Religion unterschieden sein können. Doch welches ist der deutsche Typus des Antisemitismus? Was ist der Grund zur antisemitischen Bewegung des Vaterlandes? Antiochus Epiphanes giebt die Erklärung. Was war er demnach? Unter dem Gepränge der falschen Prinzipien seiner Nationalpolitik hatte er ein scharfes Auge für das Geld. Er brauchte Geld. Das griechische Leben zu seiner Zeit repräsentirte einen Verfall und war von den Höhen des Idealismus eines Plato, Aeschylus und Anderer herabgesiürzt. Auch durch den Idealismus der ersten Zeiten ging ein starker Zug üon Sinnlichkeit, der jetzt zum Vorschein gekommen war. Der typische junge Grieche jener Zeit kannte nur einen Reiz, sein Leben recht angenehm zu verbringen. Wenn er als Reicher geboren war, so hatte er keine Mühe, seine Wünsche zu befriedigen, war er nicht reich, so nahm er Zuflucht zu seinem Verstände. Das Gymnasium, der Klub jener Zeiten und Himmelsstriche, war der Ort, wo alles gepflegt wurde, was niedrig und gemein war, unter der Hülle sozialer Erholung! Und einer dieser jungen Griechen war unser Freund auf dem Thron, Antiochus Epiphanes. Einen Vorhang vor seine Laster und - die Schwelgerei seines Hofes! Aber er brauchte Geld, um dieses Leben fortzusetzen. Er hatte gehört, daß im Tempel zu Jerusalem ungeheure Schätze aufgehäuft seien. Er erwartete von Seiten der Juden keinen Widerstand gegen - seinen listigen Plan, denn die Juden selbst hatten ihn in der Erwartung ermuthigt, daß sie gern zu einer Veränderung bereit seien. Die Juden thaten alles Mögliche, um die Spuren des Judenthums, zu dem sie „verurtheilt" waren, zu vertilgen. Die jugendlichen- Juden der damaligen Zeit wollten ihrem Tempel keine Ehrfurcht zollen; natürlich nicht! Was immer fashionable war, das galt; unH wehe dem Prediger in Jerusalem, der die Kühnheit gehabt hätte, seine Stimme gegen die Narrheit, die Launen Anderer nachzuahltM, zu erheben! Und diese feigen Seelen hatten Antiochus Epiphanes wissen lassen, daß er bei einem strategischen Zug nach den Reichthümern des Tempels keinen Widerstand finden würde. Er erließ sein Dekret im Hinblick auf der Juden Hab und Gut. Auch in Deutschland ist der Antisemitismus eine Form des Antikapitalismus. Als Resultat des Systems individualistischer Freiheit hat sich in Deutschland der soziale Konflikt entwickelt. Wer aber wird immer verantwortlich gemacht für die Fehler Anderer? Der Jude! In Deutschland ist leider der Lehrsatz verbreitet, nur das Leben der Reichen sei werth, gelebt zu werden: Reichthum ist überall die Losung! Gier nach Geld aber ist immer das Signal zu einem Kreuzzug gegen die Juden. Der Jude, so heißt es, ist der Kapitalist! Das ist der Gruudtou des deutscher Antisemitismus. Wenn die Juden in Deutschland dies beherzigen würden, so werden sie fortfahren, — und noch mehr als bisher —, durch Beispiele zu belegen, daß es die höchste Pflicht der Kapitalisten - ist, ihr Kapital bereit zu halten als Fundament für eine soziale Organisation der Humanität auf der Basis der Gerechtigkeit nnd des Rechts. Wie ist es nun mit dem amerikanischen Vorurtheil? Es ist das geringste von allen, denn es ist gesponnen aus den Fäden des sozialen Scherbengerichts. In Amerika werden iinmer verschiedene Nationen leben, die zusammen die eine große amerikanische Nation ansmachen; in verschiedenen Sprachen wird die große Proklamation der Freiheit gesungen werden und das Lied „Mein Land ist das Deine!" In Amerika wird die Heimath vieler Religionen sein, und sie alle lehren Vaterlandsliebe, Pflicht und die Rechte nnd Pflichten des Menschen. Der Nationalismus ist nicht die Ursache der in Amerika vorhandenen Spuren des Antifemitisnuis, noch ist der Autikapitälismus ausgesprochen antijüdisch in diesem Lande. Wir wiffen doch,' daß die Goulds lind Banderbilts und — der Herr weiß, wie sie alle heißen —, die die Dinge in Wall-Street beschließen, die da wissen, wie man Eisenbahnen baut, sie zertrümniert und wieder aukauft; wie Man Trusts organisirt und wieder auflöst, um. die Aktien niederzudrücken und sie dann zurückzukaufen — keine Juden sind! Der Antikapitalismus hat mit dem Vorurtheil gegen uns nichts' zu thun. Welches ist sonst sein Charakter? Dies Vorurtheil wird hauptsächlich voll den Frauen gehegt. Sie geben an, zu glauben, die Jüdin sei eine herumsvazierende reisende Juwelenhalldlüilg! Der Jude könne nicht englisch sprechen! Der Jude sei nicht gesittet! Alle diese lächerlichen Beschuldigungen, sind beflügelte Pfeile, abgeschoffen, um eine Klasse von Männern und Frauen in gewisser Entfemllilg zn halten Ulld zu beleidigen, die milldestens ebenso geläutert sind, wie ihre Verleumder. Wenn 'diese

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