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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1896-12-04 · Heft 49 (4.12.1896) · p. Seite 580

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
60 (1896)
Issue
Heft 49 (4.12.1896)
Date
1896-12-04
Page
Seite 580 (sequence 4)
Language
German
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580 zunchmen! Die Posaune soll noch einmal in Israel ertönen, daß jeder von uns kampfbereit sei, wie einst Juda Makkabi! Der Antisemitismus, die Krankheit , unserer Zeit, hat Raum gewonnen fast auf jedem Boden unter Gottes Sonne. Es giebt fast keine Nation, die nicht von dieser Epidemie heimgesucht wäre. Was ist die Ursache dieses Judenhaffes. der sich jetzt unter dein hochklingenden.Namen „Antisemitismus" birgt? Die Lage, in welche Nntiochus Epiphanes die Juden seiner Zeit brachteist mit fast erschreckender Genauigkeit in unserer Generation wiederholt worden. Die Geschichte ist eine Kanzel mit einer Beredsamkeit, wie sie einem Menschen niemals gegeben war! Von ihr kommt die Erklärung, welche alle Philosophie nur bestätigen und alle Zweiselsucht nicht leugnen kann. Die Geschichte spricht in den Tönen, die der Prophet wiedergab, da er. sagte: „Nicht durch Macht und nicht durch Kraft, sondern durch meinen Geist, spricht Gott." Nicht das religiöse Vorurtheil ist es, was den Antisemitismus hauptsächlich verbreitet. Antiochus Epiphanes war kein Verehrer der Religion. Was lag ihm an den Göttern? Die Religion war für ihn nur Mittel zum Zweck. Sie war ein passendes Schild, seine politischen Absichten zu verbergen und die Grundsätze seiner Staatskunst zu verhüllen. . Heute haben, wir verschiedene Arten von Antisemiten, von denen die erste der russische Typus ist. Was ist die Wurzel dis russischen Antisemitismus? Der von den herrschenden russischen Staatsmännern ausgebildete Ehrgeiz, daß Rußland eine nationale Einheit werden soll, daß in Rußland in Religion, Sitte und Sprache und in der Zusammensetzung des Volkes nur eine ausschließliche Richtschnur nationalen Lebens gelten soll. Wir nennen dies eine Centralisation auf der Basis nationaler Uebereinstimmung. Darüber, daß dieses System, das die nationale Einheit nur dann für möglich hält, wenn in Bezug auf Rasse und Sprache, Sitte und Religion die Nation eine einheitliche ist, unserer Zeit entstammt, kann sich Niemand, der nur die geringste Kenntniß der heutigen Weltweisheit hat, wundern. Solch ein politisches Glaubensbekenntniß mußte in den schwindenden Tagen des ablaufenden 19. Jahrhunderts entworfen sein. Der Materialismus zieht hier seine direkten, untrüglichen Schlüsse: die Abstammung mache den Menschen; der Mensch sei nur ein rohes Wesen, und die Rasse entscheide; Völker seien nicht das Ergebniß geistiger Kraft, sondern die Folge lokaler Zufälle und geographischer Lage, aber trotz der beschränkten Grenzen eines nationalen Gebiets sollte dort Raffeneinheit sein; was immer der Absicht widersteht, die Einwohner so zu mischen, daß aus dem Prozeß die Rasseneinheit hervorgeht, sollte in seinen Urelementen niedergedrückt werden. Und im. selben Geiste gedacht, muß auch die Sprache eine einheitliche sein. Ein Volk muß seine nationale Sprache haben, es dürfen nicht zwei Sprachen in einer nationalen Heimath bestehen. Auch, die Religion als eine der Erscheinungen des nationalen Geistes kann nur eine nationale und einheitliche feilt. Alles dieses stimmt mit der Orthodoxie der modernen materialistischen Weltweisheit überein. Die Fanatiker dieser Schule haben die Lehre Darwins falsch gedeutet. Sie haben etwas von Abstammung oder Loslösung gehört, und' weil der Darwinismus in den niedrigen Manifestationen des Lebens den Grundton der Wahrheit anschlägt, wollten sie seine Geschütze nach dem höheren Gebiet des Menschen richten. Die russische Staatsherrschaft von heute ist der Auswuchs der materialistischen Philosophie unseres Zeitalters. .' An. wem soll nun dieser Vertilgnngsprozeß aller Individualität, der die gewünschte Gleichförmigkeit Hervorbringen möchte, zuerst versucht .werden? An den Juden natürlich! Beklagt Euch nicht, Ihr kleinmüthigen Juden l Ihr könnt es nicht leugnen und könnt es nicht ändern: Es ist die Bestimmung der Juden, für die Geschichte das Feld der Versuche zu sein, auf welchem erprobt wird, welche Irrungen den Menscheil verführen; an der Erfahrung der Juden sollen alle Menscheli die Frucht ihrer Anstrengungen, Gottes höhere Zwecke zu durchkreuzen, erkennen! Die Juden sind, was die Deutschen das „Versuchsvolk" nennen würden, das große Laboratorium aller Arten politischer und sozialer Gelehrsamkeit; durch die Juden hat die Welt die Richtigkeit oder Unrichtigkeit der geprüften Methoden und der angewendeten Grundsätze gelernt. Es ist schade, daß so wenige Juden ihre Geschichte und ihre Beziehungen zu den Zeiten kennen. Weiln es der Fall wäre, wüßten sie, daß ihre Geschichte einzig dasteht in dem, was sie der Menschheit leistet, sie würden hierin den Ersatz für alles Unrecht finden. Giebt es einen größeren Ruhm, als durch eigenes Leidell, durch eigenen Kampf mit dem Jrrthum Andere den Fehler ihrer Irrwege zu lehren? Ich kenne keine höhere Aufgabe. Ich kenne keine höhere Würde, keinen edleren Berlif; und so bill ich froh durch meine Bürde. So wareil die denkendeli Juden zu allen Zeiten! Nur die, welche weder Kenntniß noch Begriff von ihrer wunderbaren Bestimmung haben, klagen und jammerli! Die russischen Juden klagen nicht. Sie habell die ahnende und unbewußte Kenntniß. daß sie zu irgend einem großen Zweck da sind. Einell klaren Begriff von diesem Zweck werden sie wohl nicht haben. Wir bilden uns oft ein, diesen russischen Juden überlegen zu sein. Doch sie sind die wahren Aristokraten! Hingebung an Grundsätze verleiht die Ritterwürde in der Hierarchie der geistigen und moralischen Kräfte des Menschen! Sie leiden! Würden wir leiden? Sie desertiren nicht! Wir desertiren! Sie ziehen fort, während die bloße Scheintaufe sie von dem grausamen Geschick erretten konnte. Erretten? Nein, sie auf die höchste Stllfe der Ehre und Auszeichnung im russischen Reiche bringen würde! Rußland steht mlter dem Zauber der irrigen Begriffe, daß eine russische Nation nur bestehen kann, wenn sie in Rasse, Sprache und Religion eine einheitliche ist, und der Jude muß unter dieser Einbildung seiner Mitbürger leiden und muß beweisen, was er beweisen wird und bewiesen hat: das Verhängnißvolle und Trügerische der russischen Staatsherrschaft und ihrer Ideale. Auch. Antiochus Epiphanes wurde durch eine falsche Ansicht von dem Wesen einer Nation geleitet. Er trachtete nach nationaler Einigkeit und nationaler Stärke, bestehend in künstlicher, mechanischer Rassen- und vielleicht auch Sprachen-Einheit. Er lernte aber durch die Makkabäer, daß seine Staatskunst verhängnißvoll war und gänzlich falsch in ihren Grundsätzen. Auch Rußland wird das lernen. Alle Anklagen gegen die russischen Juden sind bloße Ausflüchte, den nationalen Fanatismus für die russische Einheit zu bemänteln. Wenn der russische Jude wäre, wie er von seinen Todfeinden beschrieben wird, wenn er der Inbegriff wäre alles dessen, das niedrig, gemein, teuflisch, verbrecherisch und unmoralisch ist, so wäre dieser furchtbare Zustand nicht eine Anklage gegen ihn, den russischen Juden, sondern gegen die Zustände, unter denen er lebt! Sind das Menschen, die ihre Mitmenschen so tief sinken lassen, die alles Mögliche ersinnen und sich verschwören, um menschliche Wesen ihrer menschlichen.Ehre und Würde zu berauben? Jeder Verbrecher ist der Herold des Gewiffens der Gesammtheit! Wenn in Rußland viele jüdische Verbrecher wären, so wäre dieser traurige Umstand ein furchtbarer Vorwurf für die Behandlung, die der Russe seinem Mitmenschen angedeihen läßt. Jedes soziale Verbrechen, wen es auch unterdrücken mag, fällt doch immer auf den Urheber seines Planes zurück.

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