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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1896-12-04 · Heft 49 (4.12.1896) · p. Seite 579

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
60 (1896)
Issue
Heft 49 (4.12.1896)
Date
1896-12-04
Page
Seite 579 (sequence 3)
Language
German
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579 nicht aber, um Stellung zu der Juden- oder Polenfrage zu nehmen.. Wir wollen weder einen antisemitischen noch einen philosemitischen, Verein gründen. Es .steht jedem unserer Mitglieder frei, seiner antisemitischen Gesinnung Ausdruck zu verleihen. Dasselbe Recht steht allerdings auch unseren philosemitischen Mitgliedern zu. Allein die politischen Ziele der Antisemiten widersprechen unseren Grundanschauungen. Entweder fordern wir die Gleichberechtigung aller Staatsbürger, oder wir begeben uns auf das ethnologische Gebiet und forschen bei jedem Menschen nach dem Großvater und dem Urgroßvater. Wir würden einen großen Schritt nach rückwärts auf der Kulturstufe machen, wenn wir einen Theil der unteruns lebenden Staatsbürger unter Ausnahmegesetze stellen wollten. Hierauf wurde der Antrag Grooß m'ck allen gegen 16 Stimmen abgelehnt und danach der § 3 nach dem Anträge Naumann angenommen, dessen Schluß lautet: „Wir fordern, ungeschmälerte Erhaltung der staatsbürgerlichen Rechte aller Staatsbürger." Mit diesem Verlauf der Verhandlungen können wir nur einverstanden sein, wenn auch Juden in dem neuen Verein nicht Ausnahme finden können. Denn 8 6 des angenommenen Programms lautet:. „Im Mittelpunkt des geistigen und sittlichen Lebens unseres Volkes steht das Christenthum, das nicht zur Parteisache gemacht werden darf, sich aber auch im öffentlichen Leben als Macht des Friedens und der Gemeinschaftlichkeit bewähren soll." Jndeß wird der neue Verein gerade darum vielleicht um so besser für Aufklärung und Gleichberechtigung kämpfen können, wenn es ihm wirklich darum zu thuu sein wird. ■ ,*■ Wir haben in der vorigen Nummer das Schreiben des evangelischen Pfarrers Pennekamp in Calcar mitgetheilt, das derselbe im Interesse der dortigen jüdischen Gemeinde an die Berliner Gemeinde gerichtet hat. Infolgedessen ist der würdige Geistliche zur Zielscheibe häßlicher antisemitischer Angriffe gemacht. Er sendet nun dem „Berliner Tageblatt" mit Bezug darauf folgende Erklärung : - „Hierdurch erkläre ich, daß mein Schreiben an die israelitische Gemeinde zu Berlin in Nummer 600 des „Berliner Tageblatt" ohne rAin Wissen und ohne meinen Willen durch eine wenn auch wohlgemeinte Indiskretion veröffentlicht ist. Um den Streit der Parteien kümmere ich mich grundsätzlich nicht. Mit meinen persönlichen Ansichten über den Rassenhaß weiß ich mich in bester Gesellschaft. Infolge der Veröffentlichung meines Privatbriefes habe ich eine Anzahl Zuschriften absichtlich beleidigenden und schmähenden Inhalts erhalten. Die Absender geben mir damit den schriftlichen Beweis, daß die antisemitische Gesinnung bis zu einem unglaublich hohen Grade von Rohheit treiben kann. . Ich reagire nicht darauf; die Absender find nicht in der.Lage, mich beleidigen zu können. Wenn in einzelnen Zuschriften die-Rohheit der Gesinnung sich den Mantel des Christenthums umhängt, so verweise ich auf das Wort der Schrift: „So Jemand spricht: ich liebe Gott, und hasset seinen Bruder, der ist ein Lügner!" Pennekamp, Pfarrer in Calcar. Nichts ist für die Gesinnungsrohheit der Antisemiten charakteristischer, als daß ihnen die Toleranz etwas Verächtliches geworden ist, welche gebildete Menschen sonst als das eigentliche Zeichen eines edlen Geistes und als Produkt der fortschreitenden Kultur betrachten. , ö ■. Betreffs der Anstellung ausländischer Juden im Kultusdienst hat das Reichsgericht als- Revisionsinstanz dieser Tage folgende Entscheidung getroffen: : „Das Edikt von 1812, welches im Interesse der öffentlichen Sicherheit die Beschäftigung von Ausländern in öffentlichen Aemtern untersagt, hat auch für den Kultusdienst Geltung. Der Verordnung ist der Charakter einer strafrechtlichen Bestimmung zuzuschreiben, weshalb zur Verhängung von Strafen der Nachweis bewußter Zuwiderhandlungen gegen das Edikt erforderlich ist." Wir halten esffür wichtig, daß die-Gemeinden diese Entscheidung kennen und berücksichtigen, um alle Kalamitäten/ welche aus solchen Wahlen entstehen, von vornherein zu vermeiden. ' * Zu dem neuen Lehrerbesoldungsgesetz geht uns ans dem Regierungsbezirk Kassel folgende wichtige Anregung von geschätzter Seite zu: - Für die Privatschulen, zu denen die meisten israelitischen Schulen Altpreußens noch immer, gerechnet werden müssen, enthält Z 11 des dem Abgeordnetenhause zur Erledigung vorgelegten Dotationsgefetzes nachfolgende, höchst wichtige Bestimmung „Für diejenigen Lehrer und Lehrerinnen, die vor ihrem Eintritt in den öffentlichen Volksschuldienst an .Privatschulen, in denen nach dem Lehrplan einer öffentlichen Volksschule unterrichtet wird, voll beschäftigt waren, gelten bei Bemessung der Alterszulagen folgende Vorschriften : „1. Sofern sie sich beim Inkrafttreten dieses Gesetzes bereits im öffentlichen Volksschuldienst befinden, sind ihnen die an -derartigen Privatschulen zugebrachten Dienstjahre anzurechnen." . Abgesehen davon, daß für eine jede öffentliche, vollbeschäftigte Volksschule der Gemeinde ein Zuschuß von 500 Mark aus der Staatskasse zufällt, — wie das im Regierungsbezirk Cassel auch hinsichtlich der israelitischen Schulen der Fall ist, — würde der betreffende Lehrer event. eine Dienstalterszulage bis zu 720 Mark beziehen. Es kann den betreffenden Gemeinden daher nicht dringend genug empfohlen werden, ihre Schulen noch vor dem Inkrafttreten des Lehrerbesoldungsgesetzes als öffentliche erklären zu lassen. Gin alter Antisemit nnd seine modernen Nachfolger. . Ein Chanuka - Vortrag von Dr. Emil G. Hirsch in Chicago. (tprtCTemt vor zwanzig Jahren Jemand prophezeit hätte, daß der Tag der Makkabäer in diesem unserem Hellen und auf- W v'? geklärten Jahrhundert jemals eine tiefere Bedeutung annehmen würde, als es bei einer bloßen historischen Erinnerung der Kall ist, oder wenn Jemand gesagt hätte, daß dieser Tag jemals wieder die Veranlassung zu einem Appell an das heutige Judenthum werden würde, den Harnisch der Vertheidigung anzulegen, ~ er wäre als verstockter Pessimist bezeichnet worden, der mit der Sonne 'Licht nicht zufrieden ist, weil ihre Scheibe gelegentlich^ Flecken zeigt. Wir alle glaubten, die Nacht des Mittelalters sei für immer vorüber; wir waren stolz auf unsere Herrschaft in dem weiten, wunderbaren Gebiete der Natur; wir rühmten uns, daß die Sterne uns' das Geheimniß ihrer Herkunft anvertraut hatten. Ferne Welttheile traten in enge Verbindung, der Handel, der weißbefchwingte Bote des Friedens, entfaltete seine Fittiche, und die schwer befrachteten Kiele schwimmender Paläste tanzten froh und munter auf dem neu geschaffenen Bette der Meere. Und auf dem Gebiete der Litteratur schien wirklich ein neuer Geist Worte gemünzt und die Stimme erhoben zu haben. Irr den "Künsten schienen ganze Reihen von'Geschlechtern und Völkern übersprungen worden zu sein. ' “ Der Traum eines Bundes aller Menschen schien sich zu verwirklichen. . ' ' Und heute wissenwir, daß Makkabi für uns nicht blos .eine "Erinnerung ist; er ist eine Aufforderung, den heiligen Kampf, der ''einst auf Palästinas historischem Boden für den einigt Gott, für Wahrheit und für; Gerechtigkeit geführt worden, heute wieder Auf-

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