Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 49 (4.12.1896)
- Date
- 1896-12-04
- Page
- Seite 578 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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578 stellimg, wie theuer dir Erhaltung der jüdischen Institutionenden, Seuten zu stehen kommt, und dabei haben sie, so tief sie auch in; den-Beutel-greifen muffen,, doch nicht die rechnen Kräfte. Mcm kann beinahe die Skala aufstellen > je mehr die Inden für ihren Kultris zahlen, -desto weniger haben sie davon; in der "Großstadt bei der Menge und der! Kapitalskraft der Mitglieder -wenig Steuer und dafür ausgezeichnete Prediger, hochbegabte Kantoren, einen brillanten Chor, kurz alle Institutionen in trefflichstem Zustande; in den Mittelgemeinden sind die Ausgaben beträchtlicher, - aber die Diener des Kultus doch-nicht auf der Höhe der Großstadt; -jn den kleinen Gemeinden sind die Steuern drückend und der Kultus nichts weniger als entzückend; es müßte ein Modus flefunbert1 werden, damit die jüdischen Millionäre, die bei ihrem Umzug nach den Hauptstädten ein. stattliches Stück der jüdischen Steuern profitiren, etwas von ihrem Segen an die nothleidenden kleinen Gemeinden, abgeben. Diese Männer werden sich ihrer Pflicht nicht entziehen, wenn sie mit einigem sanften -Zwange dazu angehalten werden. -Es giebt ein - jüdisches Sprichwort auf den Streit, der in armen' Familien herrscht: Nicht Mann und/Frau schlagen sich, sondern bie; Armuth schlägt sich; das gilt auch von den widerwärtigen Zänkereien in kleinen Gemeinden, bie Armuth schlägt sich, die Unmöglichkeit .mit den geringen Mitteln rechte religiöse Erbauung - und Belehrung herzustellen. Noch eine andere, nichts weniger als anmuthende Erfahrung kann man bei Vakanzen machen; es ist weder auf gute noch auf schlechte Auskünfte ein entscheidendes Gewicht zu geben. Das Wegloben ist allbekannt. Beamte von schwacher Gesundheit und starker --Familie haben gewöhnlich, wenn auf sie angefragt wird, ganz -.exorbitante -Vorzüge; ja die Regel ist meist zutreffend: je weniger beliebt nach innen, desto mehr belobt nach außen. ' j Dagegen kommt es vor, daß ein Bewerber nach seinem! Bildungsgang, mach seinen Zeugnissen einen günstigen Eindruck- „macht: er ist vielseitig, tüchtig, wacker, rüstig, aber wenn nun. Erkundigungen eingezogen werden, so wird in halben Worten, in sdunklen Andeutungen abgeredet; es wird keineswegs die Unwahrheit gesprochen; nein, jedes Wort ist richtig; aber wenn Jemands einige Jahre in einem Amte thätig ist, so müßte es mit Wundern .zugehen, wenn er nicht hier und da Anstoß gegeben hätte; wo (siebtes den Jdealmenschen, der im Laufe mehrerer Jahre nicht einmal heftig, nicht einmal unpünktlich wäre! Das wird nun geschickt zusammengestellt. und das dunkle Bild ist fertig. Und doch machen sich es : die Betheiligten vielleicht selbst nicht klar, daß sie den Malm -tadeln, unr ihn nicht zu verlieren, um ihn festzuhalten. Das ist nicht etwa, um mit dem Patriarchen in Lessings Nathan zu sprechen, - „ein Problema",' sondern ein Faktum.: v Auch dies Verfahren kann zum Theil damit entschuldigt werden, daß, nachdem Bismarck und Puttkamer Deutschland für russische Kantoren verschlossen, und so viele Kantoren, die unter uns lebten, ausgewiesen haben, ein wirklicher Mangel an tüchtigen jüdischen Neligions- - beamten eingetreten ist; umsomehr ist es die. Pflicht der Gemeinden, -den Beamten nichtnur eine angemessene Besoldung, sondern -auch eine würdige Stellung zu geben. Diese Verhältnisse haben sich un-; . bedingt gebessert, aber sie sind doch noch einer weiteren Besserung! fähig. Mr wagen nicht zu entscheiden, ob der Antrag des Amtsgerichtsraths Levy aus Beuthen O.-S., betreffs der Vorbildung der -'Schächter, zur;- Kompetenz- -des -.Gemeindebundes gehört; wenn so . 'kluge -Leute Erklären, daß der,Antrag die Kompetenz .des Bundes; überschreitet, dann wirds schon stimmen.. Aber gut wäre es, wenn! -irgend Jemand, dem die altjüdischen Institutionen nicht glejchgiltigsind,- sich für den Antrag kompetent erklärte, damit die Provinzialen wissen, an wen sie sich behufs Ausbildung als Schochet, als- Mohel u. s. w. zu wenden haben. Herr Rath Levy verdient Dank, daß er auf dem Gemeindetage diese Frage angeregt hat. r? . Berlin, 1. Dezember, erste national-soziale Parteitag hat also auch seine Judendebatte gehabt. Wir entnehmen den Berichten darüber folgende charakteristische Einzelheiten: Pfarrer Grooß-Harlenrodt: Ich beantrage, den letzten Satz des § 8 : „Wir fordern ungeschmälerte Erhaltung der staatsbürgerlichen Rechte aller -Staatsbürger" zu streichen. Sie werden sagen: „Da ist wieder der Antisemit!" Jäwohl, das bin ich auch. - - Ich bin der Meinung, wir Haben Heute, keine Zeit, uns. über die Juden- und Polenfrage, auszusprechen, es ist aber nicht angänglich, daßwir uns in dieser Frage festlegen. Ich ersuche Sie daher, diesen Passus zu streichen, zumal wir ja schon am Eingänge des Paragraphen sagen: „Wir stehen auf dem Boden der deutschen Reichsverfassung." Ich ersuche Sie. meinem Anträge zuzustimmen, anderenfalls würden Sie die Geschäfte der Anti-Antisemiten besorgen. - Schneider Eichendorf-Sangerhausen: Ich frage den Vorredner, ob er von den Antisemiten ein Mandat hat. In diesem Falle ist er doch gar nicht berechtigt, an dem Kongreß theilzunehmen. (Widerspruch.) Es ist ausdrücklich gesagt worden, daß wir hier nicht Antisemiten, sondern Christlich-Soziale sind, es muß doch eine Grenze vorhanden sein. (Widerspruch.) ' ' V Regierungsaffessor a. D. v. Gerlach-Berlin: Ich schließe mich dem Anträge des Herrn Pfarrers Grooß an, auf die Gefahr hin, als Antisemit verschrieen zu werden. Ich bekenne, ich bin bis zu einem gewissen Grade Antisemit. Ich bekämpfe die Auswüchse des Judenthums. (Rufe: Die bekämpfen wir alle!) Es kommt nur darauf an, was Sie unter „Auswüchsen" verstehen. Ich wünsche nicht, daß wir uns ausdrücklich für eine Beschränkung der staatsbürgerlichen Rechte der Juden erklären. Ich wünsche, daß auch den Philosemiten die Möglichkeit gegeben werde, sich uns anzuschließen. Allein die Fassung des § 3 würde viele Antisemiten vor den Kopf stoßen. Ich ersuche Sie daher, den Antrag Grooß anzunehmen, um die Pforte zu uns möglichst groß zu machen. Professor Dr. Flegel-Bensheim: Er müsse, den Antrag des Pfarrers Grooß aufs Entschiedenste bekämpfen; es würde einen sehr schlechten Eindruck machen, wenn hier ein Beschluß für die.Politik der Gewalt gefaßt würde. Pastor Göhre-Franksurt a. O. ersucht, den Antrag Grooß abzulehnen. Pfarrer Grooß müsse konsequenterweise auch die Streichung des Passus: „Wir stehen aus dem Boden der deutschen Reichsverfassung" beantragen. Kandidat Klunker-Leipzig: Er müsse den Antrag des Pfarrers Grooß bekämpfend es würde das der Befürwortung, von Ausnahmegesetzen gleichkommen. Man habe es hier mit der sozialen Frage und nicht mit dem Antisemitismus zu thun. Pfarrer Battenberg-Frankfurt a. M.: Wenn, der Kongreß sich für den Antrag des Pfarrers Grooß erklärte, dann würde er seinen Standpunkt vollständig negiren. Die Auswüchse der Juden bekämpfe er ebenfalls, wie er überhaupt alle Auswüchse bekämpfe. Der Verein könne sich aber nicht für zweierlei Recht aussprechen. Die Antisemiten , werde man durch Annahme des Antrages Grooß nicht gewinnen. Professor Dr. Titius-Kiel: Er müsse sich ebenfalls gegen den Antrag des Pfarrers Grooß erklären. Er trete entschieden für Gleichstellung aller Staatsbürger ein. Als vor einiger Zeit Anlauf für ein neues Sozialistengesetz gemacht wurde, habe sich ein Sturm der Entrüstung erhoben. Was aber den Sozialdemokraten recht sei, müsse den Juden billig sein. Pfarrer Naumann: Ich muß Sie auch bitten, den Antrag Grooß abzulehnen. Wir haben uns vereinigt dem vierten Stande zu helfen.