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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1896-12-04 · Heft 49 (4.12.1896) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
60 (1896)
Issue
Heft 49 (4.12.1896)
Date
1896-12-04
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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SrrUn, 4. Dezember 1886. 60. Iälsrgang. Ur. 49. Gin. unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung ^erscheint wöchentlich. Abo ilnements-Preis: Durch Buchhandel, Postoder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen vierteljährl.Z M. Re-acteur: Gustav St orpcIes. Begründet Non Rabbiner D- Ludwig philiPpfon-Konn Verlags-Expedition: Lerlin, Lerufalemerftr. 48/49 Alle Zusendungen flir Redaktion und Expedition sind an die Adresse.- Verlag der' ,Allgem. Zeitung deö JudentyuntS-, Berlin SW., Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. Verlag von Rudolf Masse, Berlin.. . Änhnlt. Leitartikel: Aus benr inneren Leben unserer Gemeinden im deutschen Ästen. — Die Woche. — Ein alter Antisemit und seine modernen Nachfolger. Von Dr. ' Emil . G. Hirsch. — Johann Hhrkan. Von Dr. J. .Kohn. — Kulturhistorisches zur Judenfrage. Von Dr. Otto Opct. — ' Fettilleton: Andere Zeiten? Eine Erzählung' von Gotthard Deutsch (Forts.), -7-Mattisjahus Tod. Von Dr. S. Samuel..— Sprechsaal. Der Gemeindebote. Korrespondenzen und Nachrichten: Berlin, Aus der Provinz Westpreußen, Pleß, Gröbzig, Hersel. Vlotho, Münster, Kaiserslautern, Frankfurt a. M., Stuttgart, Wien. — Bon Nah und Fern. — Miseelleir. —Geschäftliche Notizen. Aus dem inneren Leben unserer Gemeinden im deutschen Osten. - Berlin, 1. Dezember. f ikMtomisirung, der absolute Mangel am jedem inneren Zusammenhaug unter .den jüdischen Gemeinden des deutschen. Ostens bewirkt, daß Niemand weiß) wie es in [einer nächsten Nachbarschaft aussieht, wie dort das religiöse Leben sich entwickelt. Main weiß im ganzen Reiche ziemlich gellau, was , in der Berliner Gemeinde vorgeht; darüber halten ja die Zeitungen auf dem - Laufenden; da wird das Für und Wider mit lauter, oft allzu lauter-Stimme erörtert; aber.-was die Juden in 'kleinen Städten, die nur eine halbe Stunde Eisenbahnfahrt' von einander entfernt siud, thun oder lassen, bleibt gegenseitig unbekannt; ob sie in der Siedehitze eines Streites um Nichts auflodern,' ob sie im Eise völliger Gleichgiltigkeit erstarren, davon dringt wenig über bell Bann- kreis der Stadt hinaus; es fehlt die Kritik, die der mehr oder weniger freundliche Nächste über einzelne Ungehörigkeiten ausüben " würde - Das ist nicht der wesentlichste, aber einer der Nachtheile, die aus der absoluten Souveränität jeder einzelneil Gemeinde, aus dem gleichsam insularen Zustande. derselben sich ergiebt.! Erst wenn einmal eine Vakanz eintritt und die Religionsbeamten ans der Ferne und Nähe kommen , um durch persönliche Vorstellung für sich zu werbeil, erfährt' man Einiges, wie auswärts das Judenthum sich. entwickelt, mehr noch, wie es sich verwickelt und verkümmert. ' . Wir waren jüngst in der Lage, aus diesem Anlaß Einiges zu hören, was wir zu Nutz und Frommen, oder , vielmehr, zur Warnung und Mahnung hier mittheilen wollen. Ein wackerer Mann kommt, auf Einladung der Gemeindebehörden, um am Sabbath vorzubeten und sich als Kantor zu zeigen; er eröffnet die Unterhaltlmg mit der schüchternen -Bemerkung,- daß gerade der Sabbathgottesdienst - ihm fremd sei, daß er schon feit vielen Jahren ihn nicht kenne. . Man .horcht .{■ erstaunt auf, ob man denn nicht falsch gehört habe: ..Aber die Sache stimmte nur zu gut, denn in der.-Gemeinde^ .in-welcher der. Mamü' mnjirt^-wirdam S.imchas.Ahora d.ie.Synagoge.geschloffen, nm sie -erst ' am Passah wieder zu öffnen; in diesem Jahre bleibt sie sonach für . sieben Monate geschloffen; und dabei wohnen an diesem Ortemehr als sechzig jüdische Familien. Am Sonnabend ist nämlich Wochenmarkt in dieser Stadt, der einzige lebhaftere Grschäftstäg, nub die Inden, die meist offene Geschäfte haben, glauben am.Vormittag, wo der geschäftliche Verkehr am stärksten ist, nicht äbkommm'zu können. In diesen Monaten hat .der Beamte: nur fünf Stunden wöchentlich Religion zu unterrichten unb sodann zu schächten; das -"-wäre ein Schlaraffenleben, wenn der Sold nicht kärglich wäre. y Aus einer Gemeinde im Osten kommt ein jüdischer Elementarlehrer hergezogen, der unter anderem folgendes Erlebniß zum Besten giebt: Er war als Elementarlehrer von der Regierung angestellt, und da er fand, daß die Kinder im Hebräischen nicht unterrichtet ^' wurden, so macht er der Gemeindevertretung den Vorschlag-, -er wolle die Kinder hebräisch lehren, falls er eine angemessene Entschädigung erhalte. Die Gemeindevertretung lehnt > dies Anerbieten ^ab. Nun denkt der brave Mann/den Unterricht umsonst zu ertheilen Hund' vereinigt die Jugend in besonderen Stunden um sich', um! sie in. die -Geheimnisse des Aleph-bes und hierauf des Siddur eiuznsühren. j-' i Da erscheint eines Tages der evangelische Superintendent, der Lokalschulinspektvr der jüdischen Schule, und sägt dem erschreckten Lehrer, es sei eine Beschwerde gegen ihn eingelanfen; die Eltern, bestschweren sich, daß der Lehrer zu einem-Unterricht, der nicht im Lehri? planesei, die Schüler anhalte. Das war denn allerdings richtig, und der Lehrer mußte von seiner frommen Absicht lassen. Privatim sagten ihm'die lieben Leute, sie wollten sich von ihm nichts schenken lassen; bezahlen wollten sie den jüdischen Unterricht nichh dazu waren sie zu sparsam, und umsonst wollten sie ihn nicht, dazu waren sie zu stolz. Dieser Lehrer bezahlt neun Mark Staatsstener, -verfügt 'also über ein keineswegs fürstliches Einkommen, aber das sechsfache,-54 Mark, ^muß er Schulsteuer. bezahlen, obgleich doch sonst der -Lehrer.: von ^dieser Steuer frei ist, ja, obgleich, dieser Lehrer kein Kind zur Schule ^schickt. Die Schulsozietät ist so arm und so belastet, daß'sie-sogar den eigenen Lehrer nicht aus dem Garne: läßt und-fast den zwän- .zigsten Theil des Gehalts ihm wieder abnimmt. Wo-ffollunter: solchen Verhültniffen die'-Freudigkeit.-Herkommen'/ äderen- -/doch'^dP-. Lehrer so sehr bedarf, um Erfolge-zu erzielen? ' i . : . Viele Gemeinden'des Ostens sind verarmt, - die Begütertensind . nach den großen Ortengezogen, die Dürftigen,) die Ungebildeten ^.sjnd zurückgeblieben; dieser- Prozeß ist.noch nicht abgeschlosseir./essist- ' oft-kein böser Wille, wenn eine.'Gemeinde sich gegen jede ^noch so ^ivthwendige,noch so berechtigte-Mehrausgabe wehrt, ätzs /ilstkidie »Mttsre- Armüth; in der - Großstadt haben die Herren oft keine Vor-

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