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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1896-11-27 · Heft 48 (27.11.1896) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
60 (1896)
Issue
Heft 48 (27.11.1896)
Date
1896-11-27
Page
[Seite] (sequence 13)
Language
German
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60. Jahrgang. Ar. 48. (jÜtfttttfittötfbOt?. «erlm. 2?. November 1896. Weilage zur „ANgerneinen Zeitung öes IuöenLHurns". KorrefpondenMn und Nachrichten. Deutschland. Ä. Berlin, 23. November. Die am 22. d. Mts. stattgehabte letzte Sitzung der Repräsentantenversammlung wies nur ein kleines Arbeitspensum auf, das, im Gegensatz zu dem voraufgegangenen Verhandlungstage ohne bemerkenswerthe Debatte erledigt wurde. Dennoch dürfte die Sitzung selbst den interessantesten beigezählt werden. Die Vertreter der ersten jüdischen Gemeinde des vom Antisemitismus durchseuchten Deutschland waren vor die Erfüllung einer Bitte gestellt, die ein christlicher Prediger zu Gunsten seiner jüdischen Mitbürger an den Vorstand gerichtet hatte. Das betreffende Schreiben, das nach der langen Zeit der Stöckerei und Ählwardterei wieder einmal die Erinnerung an den Geist Lessings erweckte, hatte den Prediger der evangelischen Gemeinde von Calcar am Rhein zum Verfasser. Es handelt sich um eine Beisteuer zum israelitischen Schulhaus, für das ein Neubau nöthig geworden. Weithin aber verdient die Begründung bekannt gegeben zu werden, mit der dieser Geistliche sein Eintreten für unsere dortigen Glaubensbrüder erklärt. DaL Schreiben lautet: Calcar, 29. Oktober 1896. Dem hochlöblichen Vorstande der israelitischen Gemeinde zu Berlin erlaube ich mir im Interesse der israelitischen Gemeinde zu Calcar nachstehende Bitte ganz ergebenst vorzulegen: Die israelitische Gemeinde zu Calcar, eine arme Gemeinde, da sie seit der Xantener Affäre wirthschaftlich nicht vorwärts kommen kann, steht vor der Nothwendigkeit, ein Schulhaus bauen zu müssen. Aus eigener Kraft kann sie das nicht fertig bringen, sie trägt schon jetzt eine Kultussteuerlast von 250 Prozent der Einkommensteuer. Nur mit großer Mühe ist es mir, dem Ortsschulinspektor, gelungen, den Bestand der Schule, die sich der Anerkennung der Vorgesetzten erfreut und eine recht lebensfähige ist, aufrecht, zu erhalten. Ich habe, da die Regierung die Benutzung des allerdings ganz unzulänglichen jetzigen Schulraumes nicht länger dulden will, den Neubau einer Schule angeregt, auch bin ich der Verfasser der anliegenden herzlichen Bitte. (Diese Im Druck beigefügte Bitte geht von dem Vorstand der israelitischen Gemeinde zu Calcar aus und ist an die israelitischen Glaubensgenossen im Lande gerichtet. Die Red.) Wir haben mit unserem Unternehmen bis jetzt guten Erfolg gehabt, circa 1500 Mark sind schon gesammelt. Noch gestern übersandte der Herr Rabbiner Dr. Frank in Köln 200 Mark als Gabe der Alliance israölite universelle, auch der „Israelitische Gemeindebund" hat uns kräftig unterstützt. Die israelitische Gemeinde in Calcar hat es durch ihr treues Zusammenhalten, durch ihr Leiden in schwerer Zeit, durch den rechtschaffenen Lebenswandel ihrer Glieder wohl verdient, daß ihre Glaubensgenossen ihr in dieser bedrängten Lage helfen. Wenn es auch hier in keiner Weise auffallend erscheint, daß ein evangelischer Pfarrer für seine israelitischen Mitbürger eintritt, so liegen anderswo die Verhältnisse anders. Darum möchte ich mein Eintreten motiviren. Abgesehen von meiner dienstlichen Stellung zur israelitischen Gemeinde, bin ich hier seit zwölf Jahren in dieser - stockultramontanen Gegend der Repräsentant und der Mund der bedrückten Minoritäten. Das sind die evangelischen Gemeinden, deren Pfarrer ich bin, und die israelitische Gemeinde, - die sonst Niemand hat, der sich ihrer annähme. Die große Freiheit, welche meine Stellung mir gewährt, habe ich stets im Dienste meiner Mitmenschen ohne Rücksicht auf ihr Glaubensbekenntniß benutzt. Den Antisemitismus sehe ich mit allen meinen Glaubensbrüdern am Niederrhein als etwas Verächtliches und Schmachvolles an. Meine Glaubensüberzeugung drängt mich, alle Menschen zu lieben und allen zu helfen, vor allem den Schwachen re. rc. Pennekamp, evangel. Pfarrer, Schulinspektor. Mit Recht sagte der Referent nach Verlesung des Schreibens, daß es seinen . Inhalt abschwächen hieße, wollte er. dem noch etwas hinzufügen. Einstimmig wurde denn auch gemäß dem Vorschläge des Ausschusses beschlossen, über die vom Vorstand bereitgestellten 300 Mark hinauszugehen und einen Beitrag von' 500 Mark zu bewilligen. Es sei bemerkt , daß der Bau auf 4000 Mark veranschlagt ist, von welcher Summe bei Abgang jenes Schreibens 1700 Mark durch Spenden der Alliance und des Gemeindebundes beisammen waren. Von der Tagesordnung abgesetzt behufs einer weiteren gründlichen Berathung im Plenum wurde auf Vorschlag des Herrn Louis Sachs die Erörterung über das Reglement für die Armenkommission. Es handelt sich hierbei um die im Prinzip wichtige Frage, ob der Ausschuß zur Verwaltung des Fonds für verschämte Arme an die Centralstelle nach einem Schema Bericht erstatten dürfe, das die Namensnennung der Empfänger fordert. Der Antragsteller wies mit Recht darauf hin, daß der hier einzuschlagende Weg schon durch den Namen „verschämt" vorgezeichnet sei. Jedenfalls hat die Versammlung, um mit der Materie des Reglements sich besser vertraut zu machen, in die Vertagung gewilligt. Der wichtigste Punkt der Tagesordnung war die Wahl eines Mitgliedes für die Kommission zur Vorbereitung der Vorstandswahl, aus der Herr Martin Simon — man weiß es wohl, warum? — ausgetreten. Es wurde mittelst Stimmzettel zu einer Ersatzwahl geschritten, aus der Herr S. Leicht ent ritt mit zehn Stimmen als Mitglied der Kommission hervorging; Herrn Justizrath Tiktin waren sieben Stimmen zugefallen. Nach Beendigung dieses Wahlaktes gab Herr Moritz Manheim er zum nicht geringen Schrecken der „neuen Männer" die Erklärung ab, daß auch er aus der Kommission ausscheide, da er sich, obwohl Vorsitzender, dort jetzt leider beständig in der Minorität sehe. Diese Erklärung übte eine sehr verblüffende Wirkung aus. Nachdem Herr Justizrath Tiktin unter Berufung auf die Tagesordnung, auf der ausdrücklich „Ergänzung der Kommission u. s. w." stehe, die Zweifel an der Zulässigkeit der sofortigen Ersatzwahl niedergeschlagen, wurde dieselbe gegen den entschiedenen Widerspruch der „neuen Männer", vor Allem des Herrn Martin Simon, doch vorgenommen/ In dieser erhielt Herr Geheimrath Marcuse 12 und Herr Bodenstein 3 Stimmen. Ersterer war somit gewählt und fand sich leider bereit, ohne Rücksicht darauf, ob er in Ler Mehrheit oder Minderheit sich befinden sollte, die Wahl zum Besten der Sache, die gebieterisch eine-Entscheidung verlange, anzunehmen. Vor Schluß der öffentlichen Sitzung kam noch eine Frage zur Erledigung, die für das den Sitzungen auf der Galerie anwohnende große Publikum und besonders für die Berichterstatter von nicht geringerem Interesse istals für die Herren im Sitzungssaals selbst. Der mangelhaften Akustik hofft die Baukommission durch Belegen des Fußbodens mit einem Teppich beikommen zu können, und es wurde zur Beschaffung eines solchen ein Betrag bis zur Höhe von 2250 Mark ausgesetzt. Die nächste Sitzung dürfte wahrscheinlich die Vorstandswahl bringen, aber wir sind sehr wenig gespannt auf diese Wahl. Derartige Wahlen werden ja jetzt nicht mehr im Sitzungssaals der Repräsentanten, sondern in Parteikonventikeln vorher fest abgemacht. 22 Berlin,24.November. JmVerein für jüdische Geschichte und Litteratur fand gestern der zweite Diskuffionsabend statt. Herr Dr. O. Thon hielt einen geistvollen Vortrag über die Hauptströmungen der neuhebräischen Litteratur: die Aufklärungsperiode, die Tendenzlitteratur, das zionistische Schriftthum und charakterisirte diese drei Richtungen in den hervorragendsten Vertretern, Lewinsohn, Smolensky und Gordon. An der sehr lebhaften Diskussion betheiligten sich die Herren Dr. Mandelkern, Katz, Neumark, Levy und Auerbach. Der Verein veranstaltet am nächsten Sonntag sein Chanukah-Fest für die Mitglieder und deren Gäste in den Räumen des Vereins junger Kaufleute, Peuthstraße 18/21. Das Programm ist ein sehr reichhaltiges. Billets a 1 Mark sind zu haben bei Herrn Benas Levy, Klopstockstraße 35. — Aus den auswärtigen Vereinen wird Folgendes berichtet: In Frankfurt a. M. sprach Herr Rabb. Dr. Horovitz über das Buch „Hiob", in Breslau Herr Prof. Dr. Philippfon über den großen Kurfürsten und die Juden, in Tilsit Herr Dr. Fabian über die Verfolgungen der Juden im Mittelalter,

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