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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1896-11-27 · Heft 48 (27.11.1896) · p. Seite 576

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
60 (1896)
Issue
Heft 48 (27.11.1896)
Date
1896-11-27
Page
Seite 576 (sequence 12)
Language
German
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576 gedruckte Feuerbrände wieder? Habe ich'nicht das Vergnügen, sie. auch in unseren Odessaer Zeitungen, dem Wiertnik imb dem iSiftof, i wieder zu finden? Es sollte mich nicht wundern, wenn hier ein Aufruhr ent stände. Gestern entstand in den Pereuloks^ des. Indens, Quartiers'ein kleiner Tumult. . . . Großer Gott, welch einen Lärm höre ich! . . ,, Ja, es kommt, es kommt! „Nieder mit den Zhids! (Juden) Nieder mit den Juden!" Der Himmel ist roth wie Blut. Bozhe moi! (Mein Gott!) Es brennt! Voi! Sie plündern das Judenviertel. Die Sonne geht blutigroth unter, wie an jenem unglückseligen Tage hinter den' Dorfhügeln. Ach, Paul, Paul!, Warum hielt ich deine mörderische Feder nicht zurück? . . . Aber wenn du nicht geschrieben hättest, würde es ein Anderer gethan Hadem . . . Nein, das ist keine Entschuldigung. . . . Vergieb mir, -o Gott, ich bin schwach gewesen. Immer schwach und feige, vom Tage an, wo ich dich verließ, bis auf den heutigen Tag. . . . Ich bin mein Blut, mein Volk nicht werth. .! . Sie kommen hierher. Es dlirchschauert mich. „Nieder mit den Zliids, nieder mit den Zhids!" Uno jetzt sehe ich sie, sie sind toll, betrunken von dem Wutki, den sie aus Len jüdischen Wirthshäusern gestohlen haben. Großer Gott! Sie haben Messer und Flinten. Und ihr Anführer schwingt ein Zeitungsblatt und brüllt etwas aus ihm. Soldaten, Matrosen, einheimische und fremde, und verrückte Muschiks sind dazwischen. Wo ist die Polizei?!. . . Der Pöbel zieht an meinem Fenster vorüber. Gott sei nur gnädig! sie brüllen Pauls Worte. . . . Sie sind vorüber. Keiner denkt an mich. Gott sei Dank, ich bin sicher! -Ich bin sicher vor diesen Unholden! Ach Gott, sie haben Rabbi Isaak erwischt und schleifen ihn cm seinem langen, weißen Bart zu den Baracken. Mein Platz ist an seiner Seite. Ich will meine Brüder aufeuern. Wir sind keine kleine Anzahl. Wir wollen uns auf diese Hunde werfen unb' sie zerreißen. Proshcliai,2) mein geliebtes Tagebuch. Lebe wohl- Ich muß die Einheit Gottes verkünden. Litterarische Mittheitungen. — In unserer so griesgrämigen und arg verhetzten Zeit, in welcher auf dem Theater am liebsten Blödsinnige und Trunkenbolde vorgeführt werden, die Romane sich bestreben, zu zeigen, wie wir in der schlechtesten aller Welten leben, die Philosophen unbarmherzig allen Schwachheiten und Dummheiten, welche die Menschen begehen, mit kritischem Messer an den Leib rücken, in unserer Zeit, in welcher die lieben Nebenmenschen förmlich darüber Nachdenken, wie sie sich das bischen Leben täglich und stündlich verbittern sollen, werden wir Jedem dankbar sein, der uns ein Stündchen Heiterkeit gönnt und uns zum Lachen stimmt in all der Traurigkeit und nebelhaften Oede, die uns allenthalben umgiebt. Das bewirkt nun ein allerdings kleines Büchlein, welches in der in diesen Blättern bereits besprochenen, von I Brandeis in Prag begründeten jüdischen Universalbibliothek erschienen ist. Wir empfehlen es Jedermann, der sich für das alte Ghetto, seine Welt, seine Personen, seine Originale und — last not lsast — für seinen Humor interessirt. Es heißt „Der Tackif" und hat Herrn Benno" Planek zum Verfasser; wir verrathen kein Geheimniß, wenn wir sagen, daß sich hinter diesem Pseudonym der Name des Brünner Landes-Rabbiners Dr. B. Placzek birgt. Dr. Placzek ist als Dichter micht unbekannt. Bor Jahren schon ist von ihm unter dem genannten Pseudonym eine Sammlung von Gedichten „Im Erub" erschienen. Biele seiner Gedichte, Zeitsragen im satyrischen Sinne behandelnd, sind zerstreut in Zeitschriften (besonders in der Wiener „Neuzeit") zu finden. Mit dem „Tackif" hat sich nun Dr. Placzek. als Meister der Humoristischen Ghetto-Novelle eingeführt. Man muß wirklich gestehen, es ist selten soviel geistsprühender Witz auf so engem Raum Seitengassen. ~ 2) Lebewohl! vereinigt gewesen, wie in dieser kurzen Ghetto-Geschichte. Was „Der Tackif" äst? Das.alte Ghetto kannte ihn gut, den vielvermögenden Fürsprecher und Bertheidiger, welcher bestimmt war, den „Pokid" (Amtmann) günstig zu stimmen, wenn sich irgend ein israelitischer Genosse wissentlich oder unwisientlich vergangen. Wie bildete doch dieses alte Ghetto eine Welt für sich! Seine engen Mauern umschlossen ein Stück Kulturgeschichte, eine Gemeinde von Menschen, die unserem heutigen Geschlechte so entrückt sind, wie uns allen die Chinesen oder Tungusen. Diese alten Ghetto-Gestalten, den allmächtigen „Rosch- Hakohol", der sich in eine arge Klemme gebracht hat, den gutmüthigen, hilfbereiten Fürsprecher den „Tackif", die stille, am Deutsch-Chumesch sich erbauende und erfreuende jüdische Hausfrau, aber auch den Marinelli des Ghettos, den Jntriguanten, der sich daran freut, sowohl den Rosch-Hakohol, als auch den „Tackif" in Verlegenheit gebracht zu haben, der, um ein Wort Stettenheims zu gebrauchen, „bissig wird, weil er nichts zu beißen hat", und im Gegensätze zu ihm auch das beglückte Paar, welches mit dem Lichte der Liebe die Finsterniß des Ghettos erhellte — alle diese Gestalten ziehen an uns in der vorliegenden Erzählung in wahrhaft plastischer Weise vorüber, und den Hintergrund bildet der Mikrokosmos des Ghettos. Daß die Erzählung eigentlich auch eine Satyre bildet, und zwar gegen die litterarische Kleinkrämerei unserer Zeit, wollen wir nicht verschweigen, und Rahbi Leibisch Weil, der eine gelehrte ethnographischphilologisch - historisch - psychologische re Abhandlung liefert über Wesen, Inhalt, Bedeutung, Etymologie des Wortes „Parch", — wer wird ihn nicht erkennen, der den gelehrt sein sollenden Krimskrams vieler unserer wissenschaftlichen Zeitschriften durchfiöbert. Leibisch Weil - das ist das Prototyp jener sogenannten Gelehrten, die froh sind, wenn sie Regenwürmer finden, jener Kärrner der Wissenschaft, die sich für ihre Könige halten. So wollen wir namentlich unsere, jüdische Leserwelt auf dieses Büchlein aufmerksam gemacht haben, mit dem Wunsche, es möge Allen, die es lesen, ein so heiteres Stündchen bereiten wie uns. ----- Tabellen zur Geschichte der Juden und ihrer Litteratur. Bearbeitet von Dr. M. Stern. Kiel, H. Fiencke, 1896. 56 Seiten. Ein sehr brauchbares Büchlein! Die Tabellen geben nicht vlos Namen und Jahreszahlen, sondern es sind darin auch Inhaltsangaben bedeutenderer Werke und Aussprüche berühmter Männer untergebracht. Vielleicht ist manchmal des Guten zu viel geschehen. Namen wie Dunasch ben Tamim (S. 18), Faradsch ben Salem (S. 26) u. a, die. nur dem Gelehrten bekannt sind und bekannt zu sein brauchen, gehören nicht hinein. Gröbere Inkorrektheiten sind mir nicht aufgestoßen. Statt Ptolomäus muß es natürlich überall Ptolemäus heißen. Auch Jchtyotoge (S. 49) ist nicht korrekt. Das Buch will in erster Linie der Schule dienen; es wird aber auch im Handgebrauch als Nachschlagebuch gute Dienste leisten. Dr. N. Samter. Sprerhsaat. Hochgeschätzter Herr Redakteur! * Sn Nr. 46 des Blattes muß es S. 543, Sp. 2 Zeile 11 von oben statt: „westfälische Lehrer" heißen; „unsere Lehrer Westfalens und der Rheinprovinz". Zwar schließt die folgende Zeile ergänzend jede Mißdeutung aus; doch scheint es zur Vermeidung von Jrrthum oder Täuschung geboten darauf hinzuweisen, daß unter dem Titel „Verein israelitischer Elementarlehrer für Westfalen und Rheinprovinz" nach langen Verhandlungen 1862 die Allerhöchste Bestätigung rc. erfolgte und daß auch später von den Generalversammlungen beschlossene und vom Vorstande des Vereins beantragte Statutenänderungen der behördlichen Genehmigung bedurften und sie erhalten haben. - j Münster, 13. November. Hochachtungsvoll Treu. I * E ■ Sehr geehrter Herr Doktor! / c^X^rei Druckfehler in meinem Aufsatz möchte ich berichtigen. Es muß j (Iz heißen: S. 547 Zeile 4 von oben „Welt als Wille und Vorstellung' j statt Vorsehung); S. 5l8. Letzte Anmerkung, Zelle 2 von unten statt ■; unglaublich „unglücklich", statt doch (dieselbe Zeile) „dort". Berlin, 19. November. Dr. Fr. Rubinstein, Arzt. Druck und Verlag von Rudolf.Masse in Berlin.. Verantwortlich für die Redaktion: Ma.x Bauchwitz in Berlin. ,

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