Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1896-11-27 · Heft 48 (27.11.1896) · p. Seite 575

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
60 (1896)
Issue
Heft 48 (27.11.1896)
Date
1896-11-27
Page
Seite 575 (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3228148-3228197--53287-3258958
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Ich sah ein, daß nur die Wahrheit seinen Entschluß andern könne. Aber noch eine Karte wollte ich ausspielen, ehe ich zu dieser gefährlichen Waffe griff. „Höre mich an, mein einzig geliebter Paul," rief ich. „Wenn Geld Dich nicht .gewinnen kann, so laß Deines Vaters Bitte Dich überzeugen. Vernimm denn, ich fürchte, daß Du durch diese Stellung ewig gezwungen sein wirst, die Inden anzugreifen —" „Wie sie verdienen," fiel er ein. „Mag sein. Aber ich — ich habe eine Schwäche für die unterdrückte Rasse." Stillschweigend sah er mich nn; als ob er eine weitere Erklärung erwartete. Ich gab sie, indem ich die schmachvolle Lüge in schlecht verhehlter Verwirrung hervorstotterte. „Vor langer, langer Zeit liebte ich — eine Jüdin. Selbstverständlich konnte ich sie nicht heirathen. Aber seit dieser Zeit bewahre ich ihrem unglücklichen Volke ein sanftes Gedenken." Ein Blick der Ueberraschung blitzte in Pauls Augen auf. Dann wurden seine Züge weicher. Er nahm meine Hand in seine. „Vater, wir haben dasselbe Leid. Das Mädchen, von dein ich sprach, war eine Jüdin." . „Wie?" frug ich, meinerseits überrascht. Er sprach also von der alten Geschichte. . „Ja, sie war eine Jüdin. Aber ich lehrte sie die Wahrheit. Christus enthüllte ich ihrer gefesselten Seele. Wenn wir die Mittel gehabt hätten und wenn ich fähig gewesen wäre, sie in irgend einem anderen Lande zu unterstützen, würde sie mit mir entflohen sein. Aber sie wagte nicht, sich taufen zu lassen und in Moskau oder in der Nähe zu bleibem Ihr Vater würde sie tobten, behauptete sie. Der einzige Ausweg blieb, daß ich das Judenthum annahm. Für so unmöglich Du es halten wirst, Vater, und ich bekenne es Dir zu meiner ewigen Schmach, zur selben Zeit, als ich die Korrektur meines Buches durchsah, rang ich mit der Versuchung dieser satanischen Ketzerei. Aber ich überwand die Versuchung. Es wurde mir leicht. Auf meinen Glauben, der mein gesegnetes Geburtsrecht ist, zu verzichten, würde mir sehr schwer geworden sein. Rachel wollte mit mir entfliehen, aber ich wußte, daß sie arm und unglücklich werden würde, und wollte aus ihrem mädchenhaften Unverstand keinen Vortheil ziehen. Später hörte ich, sie habe sich ertränkt." Die Thränen rannen von seinen Wangen. „Wir verabredeten, zu warten, bis ich etwas Geld erworben hätte. Voi! — die Verzögerung ward unser Verderben. Eines Tages besuchte mich Rachels Vater. Er hatte Wind bekommen von unserem Geheimniß. Er fiel mir zu Füßen, raufte fein Haar und beschwor mich, sein Haus und sein Leben' nicht zu vernichten. Eine Jüdin könne nur einen Juden heirathen. Wenn ich als Jude geboren wäre, wäre alles gut gewesen. Aber seine Rachel habe vielleicht davon gesprochen, daß sie Christin werden wolle, aber nicht wiffe, daß das unmöglich sei. Ebenso wenig, als ein Schaf wie ein Wolf heulen könne! Blut sei dicker als das Tanswasser. Ihr Herz würde immer ihrer eigenen Religion anhängen. Und sei ich in meiner Liebe so blind, nicht einzusehen, daß sie nur mir zu Gefallen vom Christeüthum spreche? Daß sie das Kruzifix nur küsse, damit ich sie küsse, und vor der Jungfrau niederknie, damit ich vor ihr knie? Daheim, das schwor er niit furchtbaren Eiden, spräche sie immer verächtlich und sarkastisch über den wahren Glauben. Ich glaubte ihm. Mein Gott! Ich glaubte ihm. Denn zu Zeiten hatte ich es selbst befürchtet. An solcher Gotteslästerun wollte ich nicht Theil haben und gab ihm einen letzten Abschiedsbrief mit. Als er ging, fühlte ich, daß ich einer schrecklichen Versuchung entronnen war. Ich fiel auf meine Knie und dankte den Heiligen." „Aber warum erzähltest Du mir nicht sofort alles," rief ich mit nicht zu unterdrückender Angst. „Nun, wozu? Es würde Dich nur aufgeregt haben. Ich wußte ja nicht, daß Du reich seiest." k „Und gerade damals botest Du mir Geld an!" erinnerte ich mich plötzlich. „Da ich doch nicht genug hatte, konnte ich Dir gut etwas anbieten. Du siehst Vater, all dies hat sich geändert. Ich werde niemals heirathen; aber meine Meinung über die Juden hat es nicht verbessert, eher verschlimmert. Rachel erzählte mir genügend don der abergläubischen Sklaverei, in der sie. zu leben gezwungen -war. Ich zweifle kaum mehr, daß ihr Vater gelogen hat. Wenn seine starrköpfige Anhänglichkeit an seinen Stamm nicht gewesen wäre, lebte Rachel heute noch. Deshalb kann ich nicht begreifen, wieso Deine Liebe für ein jüdisches Mädchen Dich mild gegen die Raffe stimmen kann, mein theuerer Vater. Bei allem giebt es Ausnahmen, Rachel war eine; die Frau, die Du geliebt, die andere. Aber es ist schon sehr spät; ich denke, wir gehen zu Bett." Er küßte mich und ging zur Thür. Dann kehrte er zurück und sagte mit süßend, traurigem, gewinnendem Lächeln auf seinem gedankenvollen Antlitz: „Ich werde Dich auf die Freiliste der Nowoje Wremja setzen, Vater! Gute Nacht, Papuscha!" Was konnte ich antworten, was konnte ich thun? Ich zwang ein Lächeln auf meine zitternden Lippen. „Gute Nacht. Paul!" sagte ich. Ich werde es ihm niemals sagen können. ' Dienstag. — Ich muß dem Bericht über diesen bitteren Tag noch eine ironische Klimax hinzufügen. Durch die Erregung über Pauls Ankunft habe ich meine Briefe nickt gelesen. Nachdem .ich stundenlang in dumpfer Erstarrung zugebracht, erinnerte ich mich ihrer. Einer ist von meinem Agenten, der mir mittheilt, daß er gerade jetzt die südamerikanischen Werthe verkauft habe, da ich ihm carte blanche gegeben habe. Ich gehe zu Bett, um fünftausend Rubel reicher. * Odessa, Mittwoch Abend. — Sechs Monate sind dahingegangen Ich stehe auf der Abonnentenliste der Nowoje Wremja. Beinahe jeder Tag bringt mir, wenn ich sie lese, neue Dolchstöße. Aber ich bin ein „treuer Leser". Es ist meine Buße, und ich ertrage sie als solche Nach langem Schweigen erhielt ich eben einen Brief von Nikolaus Alexandrowitsch, und ich nehme mein Tagebuch wieder auf, um es einzutragen. Er steht im Begriff, eine reiche Wittwe zu heirathen, und tritt zuin Katholizismus über. Er schreibt überglücklich. Glücklicher, seelenloser Mensch! Er ahnt nicht, daß er, wenn ich sterbe, ein reicherer Mann wird. Ich wäre bereit, wenn es heute geschähe. Ich habe, wie ich hoffe, meinen Frieden mit Gott und den Menschen gemacht, obgleich. Paul sogar jetzt noch nichts weiß. Cr würde es jedoch erfahren, wenn er wftder nach Odessa käme. Ich habe die Spione und die Geistlichkeit theuer erkauft. Dank ihrem Schweigen, bin ich einer der ersten Juden der Stadt, und kein Mensch denkt daran, mich mit dem gefürchteten Herausgeber der Nowoje Wremja in Verbindung zu bringen. Ich sehe jetzt ein, daß ich längst so hätte handeln müssen, wenn ich nicht solch ein Feigling gewesen wäre. Aber Paul halte ich fern. Es ist meine letzte Feigheit. In einem Postscriptum schreibt Nicolaus, daß Pauls Artikel ungeheuere Sensation erregen bis in die entlegensten Gegenden Rußlands. Ach, ich weiß es. Giebt es nicht überall antisemitisch gesinnte Menschen? Geben die lokalen Zeitungen nicht überall Pauls

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.