Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 48 (27.11.1896)
- Date
- 1896-11-27
- Page
- Seite 574 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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dieser junge Mann, der damals schon für den geistlichen Beruf bestimmt war, der Sohn eines Akademiedirektors, der Verwandte so vieler evangelischer Geistlicher, hält es nicht mit seiner frommen protestantischen Gesinnung für unvereinbar, in der Synagoge mitzu- ' singen. Der Sohn eines ftreng 4)roieftanti^d()elI imb ftefeftfd^aftndb hochstehenden Hauses schließt auf der Schule warme Freundschaft mit dem Sohne eines, armen Trödeljuden, mit dem „krummen Elias", und besucht seinen Freund in seinem eigenen Hanse. Klingt das nicht wie ein „Märchen aus alten Zeiten", wenn wir heute die gesellschaftliche Aechtung sehen, unter welcher unsere jüdischen Gymnasiasten und Studenten bei ihren christlichen Kommilitonen stehen! Wahrlich! Die Schamröthe müßte unserem jungen antisemitischen Aufwuchs, den Studenten und ihren Gymnasiallehrern, ins Gesicht steigen, wenn sie die Ansichten unseres Fromme! über Schulkameradschaften lesen und. die herrliche Bethätigung dieser Gesinnung bei dem körperlich! mißgestalteten Sohne eines armen jüdischen Trödlers. — Daß Frommel zum Schlüsse seiner Erzählung.seiner Freude darüber Ausdruck giebt, nach. 40 Jahren seinen.Schulkameraden nicht nur als Freund, sondern auch als einen Bruder im Glauben wieder gesehen zu haben, ist wohl in Rücksicht auf seinen geistlichen Beruf erklärlich; jedenfalls ist diese Mittheilung keineswegs geeignet, wenn wir auch in religiöser Beziehung natürlich auf einem andern Standpunkt stehen, an der Lichtgestalt dieses echten Priesters irgend einen Flecken zu hinterlassen und der dankbaren Verehrung Israels, das niemals vergißt, was man ihm Gutes that, Eintrag zu thun. ' —I 1—1 I. . -—---H 1—1 1—-' UEUkUllR^ MWkMM * 1 FEUILLETON | 3 MMUMLS MMMiDs 1=—. — -:-: ----> 1—1 Das Tagebuch eines Abtrünnigen. Von I. Zangwill. Autorifirte Uebersetzung von Frau Dr. I. Wedell, (Schluß.) Zollte ich Paul sagen, daß die Sache unmöglich sei, — daß er Jude sei? Nein; dazu ist noch Zeit, wenn alle anderen Mittel versagen. „Oed (Ach). Du hast sie angenommen?" frug ich. „Natürlich, Vater. Warum sollte ich ihnen Zeit lassen, anderen Sinnes zu werdet!?" „Ich glaubte. Du hättest mich erst um Rath fragen können." „Nu, uzh, — Ich habe Dich doch nie gefragt wegen meiner Arbeiten," antwortete er verwundert und enttäuscht. „Nuka (niemals, mein), aber dies bringt Deine Karriere endgiltig zu einem Abschluß, nicht wahr?" „Gewiß. Deshalb nahm ich sie an und glaubte, daß Du Dich darüber freuen würdest." - „Deshalb hättest Du sie nicht annehmen sollen. Aber ich bin trotzdem froh darüber." „Ich verstehe Dicht nicht, Vater." „Nuka, golubtcbik! (Nein, Täubchen!) höre mir zu," sagte ich in flehendem Tom und legte meinen Arm um seine Schulter. „Dein Kampf um eine Existenz war nur ein Kampf mn des Kampfes willen. Du bist nicht wie andere junge Männer. Du Haft Erfolg gehabt; und der Augenblick, in dem Du den Preis errungen, ist auch der- Augenblick .für Dich, Dich dankerfüllt zurückzuziehen und ihil in den Händen dessen zu lasten, der ihn nöthiger hat wie Du. Dein Kampf war blos ein Spiel, welches ich Dir zu spielen erlaubte. Du bist reich." - „Reich?" „Reich! . Fast mein - Leben lang war ich ein wohlhabender Mann! Ich besitze Grund und Boden in. fast jedem Theil von Rußland; ich bin bei den gewinnbringendsten Aktien-Gesellschaften betheiligt. Ich habe es Dir verhehlt,, damit Dü, wenn Du die Wahrheit erführest, Dich mehr über Deinen Reichthum freuen könntest." „Reich?" Er wiederholte 'das Wort in niedergeschlagenem Ton. „Ach, warum habe ich das nicht früher gewußt?" „Dann würdest Du nicht voran gekommen sein, Du würdest keine Erfahrungen gesammelt haben, mein Paul, mein einziger Paul. Aber nun ist Deine Arbeit vollendet, oder vielmehr Deine wahre Arbeit beginnt' erst jetzt. Befreit von dem abscheulichen Schlendrian eines Zeitungsbüreaus, sollst Du Deinen Büchern und Deinen Ideen nach eigenem Belieben, losgelöst von allen materiellen Er- Wägungen, leben'können." . . „va (ja!), einstmals— wäre das mein höchstes Ideal gewesen," erwiederte er; dann fügte er lebhaft hinzu : „Reich? Und ich er= - fuhr es nicht?" „Du warst in Deiner Unwissenheit doch glücklicher." „Nein, Vater. Der Kampf' ist zu schrecklich, Oft saß ich und weinte. Immer wieder und wieder kam mein Buch, dessen Erfolg ich voraussah, von den Verlegern zurück. Wie lange Hätte ich,es schon fertig stellen können!" Gewissensbisse quälten mich. War mein Plan ein Fehler gewesen? „Aber Du hast doch den Stolz, daß Du Dir Deinen Erfolg allein verdankst." ' „Und die bitteren Erinnerungen. Und einst" — er hielt inne. „Einst?" frug'ich. „Einst liebte ich ein Mädchen. Sie ist jetzt todt, so ist's ja . einerlei. Viele und "verschiedene Hindetnisse stellten sich unserer Verbindung entgegen. Mit Geld hätten sie überwunden werden können. ' „Armer Junge!" sagte ich verwundert, denn ich wußte nichts von dieser anscheinend ganz neuen Liebesepisode. „Vergieb mir, mein Sohn, wenn ich falsch gehandelt habe. Von jetzt an jedoch soll Dein Glück meine einzige Sorge sein." ‘ „Nein," sagte er mit plötzlicher Entschiedenheit. „Jetzt ist es zu spät. Du hattest es gut gemeint, Papuscha. Aber jetzt brauche ich das Geld nicht. Ich habe Geld genug für mich — und Ruhm. Warum sollte ich hingeben, was ich mit eigenen Händen erworben habe?" „Weil ich es von Dir verlange, Paul, weil ich von Dir verlange, daß Du mich sühnen läßt, was ich an Dir gefehlt." „Die beste Sühne wird die sein, die Dinge ungesühnt zu lassen," sagte , er mit gewissem Sarkasmus. „Ich werde als Redakteur dieser Zeitung glücklicher werden. Kann ich mir ein besseres Medium für / meine Ideen als diese große Zeitung wünschen? Nein, Vater. Laß das Vergangene vergangen sein. Gieb meinen j , Antheil an Deinen! Vermögen einer Gesellschaft zur Unterstützung der mit Noth kämpfenden Talente. Ich kämpfe nicht länger mehr.; Laß mich den Weg gehen, den meine Feder mir gebahnt hat." . - Ich fiel zu seinen Füßen und bettelte, daß er meinen Willen erfüllen möge, aber ein hartnäckiger Dämon schien von seiner Brust ); B'.sitz ergriffen zu haben. Ich öffnete mein Pult und überschüttetes . ihn mit Banknoten. Er schleuderte sie von sich, und eine flog hinaus > ins Dunkel der Nacht. Keiner von uns rührte eine Hand, um sie? aufzufangen. .